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Umwelt und Wirtschaft im Wechselspiel

Ruth
Delzeit

Beruf:
promovierte Agrarökonomin

Position:
Leiterin des Bereichs „Umwelt und natürliche Ressourcen“ am Kieler Institut für Weltwirtschaft

 

Ruth Delzeit

Mit Modellen, die komplexe Zusammenhänge abbilden, legt Ruth Delzeit am Kieler Institut für Weltwirtschaft die Grundlagen für wichtige politische Entscheidungen.

„Bio“ klingt für die meisten Menschen nach etwas Positivem. Ob das uneingeschränkt auch für Biokraftstoffe gilt, ist seit vielen Jahren umstritten. Die Umweltökonomin Ruth Delzeit begleitet das Thema schon seit Beginn ihrer Forscherinnenkarriere – und es hat ihr auch einen Schlüsselmoment beschert, in dem sie erkannte, wie manche Politiker und auch Journalisten mit Erkenntnissen aus der Forschung umgehen.

„Ich habe mich schon immer sehr für die Umwelt interessiert“, erzählt Delzeit, die heute am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel den Forschungsbereich „Umwelt und natürliche Ressourcen“ leitet. Das Studium der Geografie lag daher nahe. „Da konnte ich einen breiten Überblick über viele Umweltthemen bekommen“, erinnert sich die Forscherin an die Gründe für ihre Entscheidung. Zwei Themen rückte sie damals in den Fokus: Bodenkunde und Agrar- und Umweltökonomie. Schnell wurde ihr klar: „Die größere gesellschaftliche Relevanz hat die Umweltökonomie.“

Stipendien und Vortragspreis

Innerhalb des Studiums geht Delzeit mit einem DAAD-Stipendium ins Ausland. In Kanada befasst sie sich mit Hangrutschungen und evaluiert die Gefahren für den Olympiastandort Vancouver. Noch heute bereiten ihr die vielen beruflichen Reisen ein schlechtes Gewissen wegen der CO2-Emissionen. „Ich versuche immer, das woanders zu kompensieren“, sagt die umweltbewusste Frau. „Wenn einem viele Zusammenhänge bewusst sind, denkt man auch privat mehr darüber nach.“ Sie finde aber, jeder müsse für sich entscheiden, wie er zur Nachhaltigkeit beitragen kann.

In ihrer Diplomarbeit an der Universität Bonn führt ein weiteres DAAD-Stipendium die junge Frau nach Brasilien, wo sie der Frage nachgeht, welche Nachhaltigkeitskriterien an dortiges Bioethanol gestellt werden müssen, um es nach Deutschland zu exportieren. Damals begann die Debatte um Sinn und Unsinn von Biokraftstoffen gerade erst. „Das war meine erste richtige Forschung und hat mir gezeigt, wie spannend das wissenschaftliche Arbeiten ist“, schildert Delzeit. Noch heute bereiten ihr allerdings die vielen beruflichen Reisen ein schlechtes Gewissen wegen der CO2-Emissionen. „Ich versuche immer, das woanders zu kompensieren“, sagt die umweltbewusste Frau. „Wenn einem viele Zusammenhänge bewusst sind, denkt man auch privat mehr darüber nach.“ Sie finde aber, jeder müsse für sich entscheiden, wie er zur Nachhaltigkeit beitragen kann.

In ihrer Doktorarbeit in Agrarökonomie untersucht sie anschließend die Auswirkungen der deutschen Biogasproduktion aus Mais auf die Landnutzung, wobei sie Transportentfernungen und -emissionen berücksichtigt. Für die Präsentation ihrer Ergebnisse wird Delzeit 2009 von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaues für den besten Vortrag ausgezeichnet. 

Komplexe Fragestellungen

Nach einem gemeinsamen Projekt mit dem Kieler IfW wird Delzeit dort eine Stelle angeboten. Im Frühjahr 2010 zieht die Forscherin nach Norddeutschland. Schnell weiten sich jetzt die Fragestellungen: Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Landnutzung und Agrarmärkte aus? Gibt es Zielkonflikte zwischen Ernährungssicherung und Biodiversität? „Dabei ging es nicht nur um den Agrarbereich, sondern auch um andere Branchen“, betont die Umweltökonomin. Mit der Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat des Bioökonomie-Monitorings des Bundesforschungsministeriums und Aufträgen für die OECD bekommt die Arbeit der Kielerin eine politische Komponente. Auch in ihrer Forschung geht es immer mehr um Modelle, die mögliche Zukunftsszenarien abbilden und damit Handlungsempfehlungen geben. „Wir untersuchen zum Beispiel: Unter welchen möglichen Entwicklungsbedingungen wirken sich Politikmaßnahmen zur Förderung einer Bioökonomie wie aus?“, erläutert die Forscherin. So koordiniert die Forscherin auch das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt "BioNex", in dem es um mögliche Lösungen für Zielkonflikte bei der Biomassenutzung geht. 

Inter- und transdisziplinäre Forschung

Delzeit empfindet es als Vorteil, aufgrund ihres Geografiestudiums auf ein breites Wissen in vielen Umweltfragen zurückgreifen zu können. „Die Umweltökonomie ist ein sehr weites Feld. Das setzt voraus, dass wir inter- und transdisziplinär arbeiten.“ Neben Volkswirtschaftlern, Agrarökonomen und Pflanzenforschern, die zum Team gehören, bindet Delzeit über Workshops deshalb weitere Interessengruppen ein – Bundesministerien, NGOs und Wirtschaft –, darunter viele Praktiker. Deren Rückmeldungen sind wichtig, um die Praxistauglichkeit der Ansätze und Ergebnisse zu beurteilen. „Die Interessengruppen helfen uns zu verstehen, was wichtige Trends und Treiber sind, die wir in den Modellen berücksichtigen müssen“, begründet Delzeit. „Dann stellen wir vor, wie wir diese in unser Modell einbinden wollen, und schließlich entwickeln wir das Modell.“ 

Wichtig ist Delzeit, dass ihre Modelle für die Anwender später keine Blackbox sind. „Für die Szenarien unserer Modelle definieren wir immer sehr transparent, welche Annahmen wir tätigen und warum“, erklärt die 37-Jährige. Änderungen der Annahmen führen zu neuen Szenarien. So kann für eine Vielzahl komplexer Zusammenhänge auf einen Blick sichtbar gemacht werden, welche Auswirkungen es auf Parameter B hat, wenn sich Parameter A verändert. „Wir sagen nicht: So wird es sein. Sondern: Unter dieser Annahme wird es so.“ Es gehe darum, Zusammenhänge zu verstehen und Trends zu erkennen.

Im Forscherinnenalltag merkt Delzeit hin und wieder auch, dass die Forschung immer noch sehr männlich geprägt ist. Für junge Kolleginnen hat sie daher einen Rat: „Nicht verstecken und für sich nachdenken, sondern mit an den Tisch setzen.“

Autor: Björn Lohmann

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