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24.09.2020

Dänischer Konzern Chr. Hansen kauft Jennewein

Paukenschlag in der deutschen Biotechnologie-Branche: Für 310 Mio. Euro übernimmt der dänische Konzern Chr. Hansen die auf humane Milchzucker spezialisierte Jennewein Biotechnologie GmbH.

Milchzucker stellt die Firma Jennewein Biotechnologie im industriellen Maßstab her
Jennewein hat sich auf die Erzeugung biotechnologisch hergestellter Milchzucker für Babynahrung spezialisiert.
Quelle: 
Jennewein Biotechnologie GmbH/Frank Pichler

Überraschender europäischer Deal in der industriellen Biotechnologie-Branche: Die Jennewein Biotechnologie GmbH hat einen neuen Eigentümer. Der dänische Konzern Chr. Hansen hat das Unternehmen aus Rheinbreitbach am 22. September übernommen. Wie bioökonomie.de auf Anfrage bei Firmengründer Stefan Jennewein erfahren hat, liegt der Kaufpreis bei 310 Mio. Euro.

Jennewein Biotechnologie mit Sitz im rheinland-pfälzischen Rheinbreitbach ist ein weltweit führender Anbieter biotechnologisch hergestellter humaner Milchzucker - die vor allem als funktioneller Zusatz für Babynahrung interessant sind. Chr. Hansen mit Hauptsitz im dänischen Hoersholm ist als global aufgestellter Biotech-Konzern auf die mikrobielle Produktion von Enzymen, Probiotika, Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln spezialisiert. Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen das Einsatzgebiet von humanen Milch-Oligosacchariden (HMOs) ausweiten und die globale Marktführerschaft sichern.

Erfolgsgeschichte von der Gründung an

Begonnen hatte die rasante Entwicklung des Unternehmens Jennewein Biotechnologie im Gründungsjahr 2005. „Humane Milch-Oligosaccharide stellen den drittgrößten Bestandteil der Muttermilch dar, nach Lactose und Fetten. Diese sogenannten HMOs wurden vor über hundert Jahren auf Grundlage der Beobachtung entdeckt, dass gestillte Säuglinge eine siebenmal höhere Überlebenschance haben als mit damaliger Babynahrung gefütterte Säuglinge“, so Gründer Stefan Jennewein. Heute weiß man, dass diese speziellen Mehrfachzucker dem Baby helfen, eine gesunde Darmflora zu entwickeln und gleichzeitig das Risiko bestimmter Infektionen wie beispielsweise mit dem Norovirus verringern. Doch die chemische Industrie scheiterte immer wieder daran, diese Moleküle zu synthetisieren, und auch in der Biotechnologie galt das Vorhaben 2005 vielen als unrealistisch.

Markt- und Innovationsführer bei humanen Milchzuckern

Doch es gelang dem Team um Jennewein, Mikroorganismen zu Zellfabriken für wichtige humane Milchzucker umzufunktionieren und die Produkte in großem Maßstab herzustellen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat das mittelständische Unternehmen dabei mehrfach unterstützt, etwa im Rahmen der Fördermaßnahme KMU-innovativ. Heute verfügt Jennewein Biotechnologie über ein großes Portfolio mikrobiell hergestellter HMO, darunter 2‘-Fucosyllactose, 3‘-Fucosyllactose und Lacto-N-tetraose. Eingesetzt werden diese Zucker nicht nur in Säuglingsnahrung, sondern auch in der Pharmabranche und der Kosmetikindustrie. Mehr als 200 Patente kann Jennewein Biotechnologie vorweisen und einen globalen Kundenstamm. Mit Chr. Hansen, das bis 2025 200 Mio. Euro in neue Produktionsanlagen investieren will, soll die steigenden Nachfrage nach HMO bedient werden.

Position im Wachstumsmarkt stärken

„Diese Partnerschaft wird die Stellung der Jennewein Biotechnologie auf diesem höchst attraktiven Wachstumsmarkt weiter stärken“, zeigen sich die Gründer und Geschäftsführer Stefan Jennewein und Klaus Jennewein überzeugt. „Chr. Hansen und Jennewein Biotechnologie passen, was die Bereiche Unternehmenskultur, Produktionstechnologie sowie auch das Produktportfolio betrifft, perfekt zusammen.“ Stefan Jennewein wird weiterhin als Chefberater für Wissenschaft und Technik für das Unternehmen tätig sein. Im Gespräch mit bioökonomie.de sagte Jennewein, er wolle sich zudem wieder stärker der angewandten Forschung in seiner Arbeitsgruppe am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Aachen widmen. Klaus Jennewein wird sich aus dem Unternehmen nach dem Zusammenschluss zurückziehen.

„Der schnell wachsende HMO-Markt ist ein neuer Bereich, den wir schon seit Jahren mit großem Interesse verfolgen“, bestätigt Mauricio Graber, Geschäftsführer von Chr. Hansen. „Tatsächlich engagieren wir uns hiermit langfristig für eine Investition in HMO, die, und davon bin ich überzeugt, unseren Aktionären einen langfristigen Mehrwert bringen wird.“ HMO passten perfekt zur eingangs genannten Zielsetzung von Chr. Hansen, da sie „zu den komplexesten natürlichen Nährstoffen gehören“. Mit rund 40.000 Stammkulturen produziert Chr. Hansen natürliche Inhaltsstoffe für die Lebensmittel-, Pharma- und Agrarindustrie. Mehr als eine Milliarde Menschen konsumieren täglich Produkte, die Inhaltsstoffe des Unternehmens enthalten. Im vergangenen Jahr wurde Chr. Hansen von Corporate Knights als das nachhaltigste Unternehmen der Welt eingestuft.

bl/sw/pg

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