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21.09.2015

IAA: Motorlager aus Löwenzahn-Kautschuk

Nach Autoreifen präsentieren Continental und Fraunhofer-Forscher nun auf der internationalen Automobilausstellung neue Forschungsergebnisse zu einem weiteren Produkt aus Löwenzahn-Kautschuk: Motorlager.

Im Gewächshaus der Fraunhofer-Forscher in Münster wird seit Jahren der russische Löwenzahn für seinen Einsatz in der Autoindustrie fit gemacht.
Im Gewächshaus der Fraunhofer-Forscher in Münster wird seit Jahren der russische Löwenzahn für seinen Einsatz in der Autoindustrie
Quelle: 
Christian Schulze Gronover

Schon seit dem Jahr 2000 wird an Löwenzahn als alternativer Kautschuklieferant für die Automobilindustrie gearbeitet. Als erste Idee hatten Continental und Fraunhofer-Forscher Autoreifen präsentiert. Auf der Internationalen Automobilaustellung (IAA), die noch bis zum 27. September in Frankfurt stattfindet, wird nun die nächste Idee vorgestellt: Denn auch für Schwingungs- und Lagerungselemente in Fahrzeugen wie Motorlager könnte der Naturkautschuk eingesetzt werden, wie neueste Forschungsergebnisse belegen.

Traditioneller Naturkautschuk wird bislang ausschließlich in Gummibaumplantagen in den Regenwaldgebieten dieser Erde gewonnen – dem sogenannten Kautschukgürtel. Die Transportwege sind lang, aber zurzeit noch alternativlos. Das würde sich ändern, wenn Naturkautschuk mit mindestens gleichen Leistungseigenschaften künftig auch aus der Löwenzahn-Wurzel gewonnen werden könnte. „Wir sehen große Vorteile für die Umwelt und mehr Unabhängigkeit von traditionellen Rohstoffen mit ihren teilweise stark schwankenden Marktpreisen“, sagt Anna Misiun von Continental. „Löwenzahn wächst auf den marginalen Böden und auch in Regionen mit moderaten Klimaten. Transporte aus tropischen Ländern würden damit entfallen und die CO2-Bilanz des Rohstoffs verbessern.“ Zusätzlich steigt weltweit der Bedarf an Naturkautschuk. Auch hier könnte die umweltfreundliche Alternative aus Löwenzahn für eine Entspannung am Kautschukmarkt sorgen.

Pusteblume mit Potential

Seit dem Jahr 2000 versuchen deutsche Forscher bereits, den Löwenzahn als Gummilieferant für die Industrie fit zu machen. Denn in den Blättern der „Pusteblume“ schlummert ein milchiger Saft, der biotechnologisch aufbereitet, genauso elastisch ist, wie der zur Reifenherstellung üblicherweise verwendete Kautschuk des  Gummibaumes.  Bei der alternativen Kautschukquelle handelt es sich um den russischen Löwenzahn. Im Vergleich zu seinem deutschen Verwandten, liefert die Pflanze aus dem Kaukasus wesentlich mehr Milchsaft. Gemeinsam mit Contitech Vibration Control  wird die Pflanze von Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME und des Instituts für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Universität Münster bereits seit 2013 intensiv untersucht.Und das mit Erfolg: Inzwischen hat sich der Saft aus der Wurzel des Löwenzahns schon bei der Herstellung einiger Prototypen von Autoreifen bewährt.

Nach Autoreifen nächste Produkte im Visier 

Seither wird nach weiteren Anwendungen für den Einsatz von Löwenzahn-Kautschuk in der Fahrzeugindustrie geforscht. Auf der IAA in Frankfurt (Halle 5, Stand A08) sind derzeit erste Ergebnisse einer neuen Testreihe zu sehen: Sie zeigen vielversprechende Versuche,  den nachhaltigen Rohstoff bei der Herstellung von Schwingungs- und Lagerungselementen wie Motorlager in Autos einzusetzen.

Haltbarkeit von Autoteilen verbessern

Motorlager sind im Fahrzeug das Verbindungsglied zwischen  dem Antriebsaggregat und der Karosserie. Sie nehmen statische Lasten auf, isolieren den Körperschall, begrenzen die Bewegung des Motors und verhindern, dass er bei einem Unfall abreißt. Zusätzlich dämpfen sie Schwingungen und Stöße, die von der Fahrbahn ausgehen. Hier soll der Naturkautschuk helfen, die Elemente auf die unterschiedlichen Anwendungen anzupassen und die Teile gleichzeitig langlebig zu machen. Das Problem: Die Anforderungen an Motor- oder Getriebelager sind anders als bei Autoreifen. „Wir müssen beispielsweise mit starken dynamischen Beanspruchungen bei hohen Temperaturen zurechtkommen. Darum haben wir bei unseren Entwicklungen einen anderen Fokus als die Reifenkollegen“, erläutert Anna Misiun, die bei ContiTech Vibration Control das Löwenzahn-Forschungsprojekt koordiniert.

Löwenzahn-Kautschuk noch nicht massentauglich

Trotz der Schwierigkeiten ist das Ziel des Forscherverbundes klar: die Entwicklung eines umwelt- und ressourcenschonenden Verfahrens, um den Löwenzahn-Kautschuk im industriellen Maßstab herzustellen - und damit die Basis für neue Reifen oder Motorlager zu schaffen. Mit der Entwicklung einer Pilotanlage zur Extraktion von Naturkautschuk aus den Wurzeln des russischen Löwenzahns  und den ersten erfolgreichen Reifen-Prototypen, ist man dem Ziel schon näher gekommen. Bis zu einem kommerziellen Einsatz von ersten Produkten wie dem Reifen werden nach Einschätzung der Forscher aber noch fünf bis zehn Jahre vergehen. „Durch die Nutzung von Löwenzahn als Kautschuklieferant kann die Herstellung von Reifen noch umweltverträglicher werden, ohne dass wir dabei auf unsere hohen Qualitätsstandards verzichten oder Performance-Einbußen in Kauf nehmen müssen“, betont Carla Recker, die bei Continental das Reifenprojekt leitet. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-IME, dem Julius Kühn-Institut und dem Züchtungsunternehmen Aeskulap wird jetzt nach Möglichkeiten gesucht, möglichst viel hochwertigen Kautschuk aus Löwenzahn zu gewinnen.

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