Newsletter

Link versenden
31.05.2017

Digitales Archiv der Pflanzenwelt

Pflanzen werden nicht nur über Blüten, sondern auch über ihre Blätter bestimmt. Künftig sollen die Informationen tausender Blätter über ein für jeden nutzbares Webtool verfügbar sein.

Mit dem neuen Webtool Digiphyll lassen sich moderne und fossile Blätter bestimmen.
Mit dem neuen Webtool Digiphyll lassen sich moderne und fossile Blätter bestimmen.
Quelle: 
Universität Hohenheim / Helmut Dalitz

Häufig spielt das Aussehen der Blüten bei der Pflanzenbestimmung eine große Rolle. Farbe, Form und auch die Blütezeit sind oft typische Artmerkmale. Doch wie kann man eine Pflanze bestimmen, wenn sie gerade nicht blüht? Dann sind oft die Blätter der Schlüssel zum Erfolg. Das gilt für moderne Pflanzenblätter, aber auch für fossile Stücke oder Blattabdrücke aus verschiedenen erdgeschichtlichen Epochen. „Aus ihnen bekommen wir Informationen über die Pflanzenwelt und das Klima, das zu ihren Lebzeiten herrschte. Kleinere und hartlaubige Blätter deuten eher auf trockenes Klima hin, große Blätter sprechen für mehr Feuchtigkeit“, erläutert Anita Roth-Nebelsick, Kuratorin für Paläobotanik am Naturkundemuseum Stuttgart.

Digiphyll: Fusion von drei Datenbanken

Künftig kann jeder, der ein Blatt in der Natur findet und es bestimmen will, eine Expertendatenban dafür nutzen. Denn vier Botaniker und Paläontologen der Universität Hohenheim und des Naturkundemuseums Stuttgart wollen nun ein Jahr lang daran arbeiten, die Informationen aus drei Datenbanken zur Bestimmung von Pflanzenblättern zusammenzuführen und damit eine einmalige Ressource für Paläobotaniker – aber auch für den pflanzeninteressierten Laien – aufbauen. Das neue Webtool heißt Digiphyll, abgeleitet vom altgriechischen Begriff „phyllon“ für Blatt. Christoph Traiser, Paläobotaniker des Naturkundemuseums, ist für die technische Umsetzung des Großprojekts verantwortlich. Finanziert wird Digiphyll über eine Förderung in Höhe von 185.000 Euro des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

Die Datenmengen, die mit Digiphyll archiviert werden sollen, sind groß. Bereits heute umfasst die bestehende Datenbank Morphyll des Naturkundemuseums insgesamt 6.000 fossile Blätter aus acht europäischen Museen. Dazu kommt eine Datenbank der Blattoberflächen. Ergänzt werden Informationen über Blätter heutiger Pflanzen aus der Rezent-Batt-Datenbank der Universität Hohenheim. Hierfür werden die Blätter noch lebender Pflanzen aus den Hohenheimer Gärten so eingescannt, dass sie mit fossilen Blättern verglichen werden können. 

Einheitlicher Bestimmungsstandard für moderne und fossile Blätter

Bei Digiphyll werden aber nicht nur Datenbanken fusioniert, sondern auch ein einheitlicher Such- und Bestimmungsstandrad für fossile und modere Blätter entwickelt. „Das ist ein Meilenstein für die Paläobotanik“, sagt Botaniker Helmut Dalitz, Biologe an der Uni Hohenheim und Leiter der Hohenheimer Gärten. In der Paläobotanik werden Pflanzen aus verschiedenen geologischen Zeitaltern untersucht. Roth-Nebelsick vom Naturkundemuseum erläutert: „Wir bekommen auch ökologische Informationen durch die Blattbestimmungen. Gab es Wald, wie sah er aus, wie sah die Umwelt aus.“ Die Erkenntnisse daraus bauen eine Brücke zu gegenwärtig relevanten Themen.

Umfangreiche Sammlungen und Know-how nutzen

Beide Institutionen nutzen ihre umfangreichen Sammlungen für Digiphyll: Die Sammlung fossiler Pflanzen des Naturkundemuseums Stuttgart umfasst rund 25.000 Objekte. Dazu kommen viele hundert Arten lebender Pflanzen aus Europa, Nordamerika und Asien, die sich in den Hohenheimer Gärten finden. Seit beinahe 250 Jahren wird hier gesammelt und kultiviert. Der Bestimmungsschlüssel der Datenbank Visual Plants dient als Grundlage für die neue Datenbank. Er wurde bereits vor 15 Jahren in Hohenheim für tropische Pflanzen entwickelt. Die Nutzung für Digiphyll gehe deshalb so gut, da es auch in Deutschland und Europa erdgeschichtliche Warmzeiten gab, erklärt Dalitz. „Hier wuchsen Pflanzen, die es heute noch in den Tropen oder in Nordamerika gibt, aber nicht mehr in Europa.“

Dank der neuen Datenbank werden erstmals viele Informationen zu den fossilen Blättern aus dem Fundus der Museen überhaupt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Da für die Nutzung keine Kenntnis wissenschaftlicher Fachbegriffe notwendig ist, kann Digiphyll nicht nur für Forscher, sondern auch für Laien von Interesse sein.

bp

Back to top of page