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05.06.2019

Agrarsysteme ökologischer gestalten

Ein deutsch-französisches Forschungsvorhaben lotet aus, wie eine leistungsfähige Landwirtschaft weitgehend auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz verzichten kann.

Blattlausbefall an einer Ackerbohnenpflanze. Nützlinge wären hier: Parasitoide, Schwebfliegen und Marienkäfer.
Quelle: 
Ulrich Stachow / ZALF

Pflanzenschädlinge und Infektionskrankheiten vernichten jedes Jahr große Teile der landwirtschaftlichen Ernten. Die Verluste wären noch viel größer, gäbe es nicht chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel. Doch die haben auch ihre Schattenseiten: „Eine zu hohe Dosierung kann zur Verunreinigung des Grundwassers führen und die Bodenfruchtbarkeit verschlechtern“, erläutert Frank Ewert, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). „Zudem weisen immer mehr wissenschaftliche Studien darauf hin, dass der Pestizideinsatz die Biodiversität und bei nicht sachgemäßer Verwendung die menschliche Gesundheit negativ beeinträchtigen kann.“ Nicht zuletzt sei über die Kombinationswirkungen von Pestiziden wenig bekannt.

Von einer Idee zur Roadmap

Bereits im vergangenen Jahr hat ein Team des ZALF gemeinsam mit Forschern des Julius-Kühn-Instituts (JKI) und des französischen Nationalen Instituts für Agrarwissenschaften (INRA) eine Forschungsstrategie entwickelt, deren Ziel ein Landwirtschaftssystem ist, das weitgehend ohne chemisch-synthetischen Pflanzenschutz auskommt. Jetzt haben die Partner dazu ein Strategiepapier und eine Roadmap erstellt – denn ein Verbot von heute auf morgen würde die Landwirtschaft vor große Probleme stellen und kann daher nicht die Lösung sein.

Agrarökologische Zusammenhänge besser verstehen

„Noch wissen wir zu wenig über die komplexen Wechselwirkungen und Zusammenhänge im System Landschaft-Landwirtschaft, um als Wissenschaft umfassende Empfehlungen an Politik und Gesellschaft auf dem Weg zu einer pestizidarmen Landwirtschaft aussprechen zu können“, erklärt Ewert. Trotz guter und wertvoller Erkenntnisse einzelner Untersuchungen fehle das Verständnis des Gesamtsystems und der komplexen ökologischen und sozio-ökonomischen Zusammenhänge.

Einige Ansätze erläutert Ewert: „Wir wollen die agrarökologischen Zusammenhänge in der Landschaft besser nutzen, um krankheitsresistentere Produktionssysteme zu entwickeln, etwa Schädlinge wieder verstärkt mit Nützlingen statt mit Pestiziden bekämpfen.“ Auch die Interaktion zwischen Pflanze, Insekten und Böden müsse besser verstanden werden und welche Faktoren die Artenvielfalt beeinflussen.

Wichtiger Beitrag der Pflanzenforschung

Neben der Agrarökologie soll auch die Pflanzenforschung eine zentrale Rolle spielen. „Widerstandsfähige Sorten stellen die umweltfreundlichste Art des Pflanzenschutzes dar“, betont JKI-Präsident Frank Ordon. „Molekulare Markertechniken sowie die Kenntnis der Genomsequenz vieler unserer Kulturarten werden zukünftig eine beschleunigte Identifikation von Resistenzgenen und deren züchterische Nutzung erlauben. Eine besondere Bedeutung im Rahmen der züchterischen Verbesserung von Resistenzeigenschaften kommt dabei der gezielten Nutzung der in Genbanken gelagerten genetischen Vielfalt zu“, so Ordon weiter. Nicht zuletzt solle auch die Rolle der Digitalisierung in der Landwirtschaft berücksichtigt werden.

Das Potenzial der in dieser Form außergewöhnlichen deutsch-französischen Forschungsinitiative fasst Ewert so zusammen: „Die europäische Agrarforschung könnte hier weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen und gemeinsam mit Politik und der Praxis nicht nur klima- und umweltfreundlichere Anbausysteme, sondern auch neue innovative Produkte, Technologien und Dienstleistungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts hervorbringen.“

bl

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