„Wir nutzen durch Innovationen die ganze Wertschöpfungskette der Erbse“
Jochen ReifBeruf:
promovierter Agrarwissenschaftler
Position:
Leiter der Abteilung Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) am IPK Gatersleben und Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Beruf:
promovierter Agrarwissenschaftler
Position:
Leiter der Abteilung Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) am IPK Gatersleben und Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Sachsen-Anhalt will ein „Zentrum der Erbsenbioökonomie“ werden. Ein Forschungskonsortium um Jochen Reif schafft dafür die Voraussetzungen.
Leguminosen wie Erbsen sind bekanntermaßen reich an Proteinen und können tierische Eiweiße in Lebens- und Futtermitteln oder teure Soja-Importe ersetzen. Sachsen-Anhalt setzt daher auf die Erbse als Zukunftskultur und strebt an, ein „Zentrum für Erbsenbioökonomie“ zu werden. Im Projekt „DiPisum“ will ein Team um Projektkoordinator Jochen Reif in den kommenden Jahren die Stärken der Region auf breiter Ebene bündeln und durch Ausschöpfung aller Innovationen entlang der Wertschöpfungskette das Potenzial der Erbse ausschöpfen.
Warum setzt Sachsen-Anhalt ausgerechnet auf die Erbse als Zukunftskultur?
In einer Zeit, in der nach gesünderen und umweltfreundlichen Ernährungsweisen gesucht wird, gewinnen Leguminosen zunehmend an Bedeutung. Unter den verfügbaren Körnerleguminosen passt die Erbse am besten zu den Klima- und Bodenbedingungen in Sachsen-Anhalt. Als Leguminosen sind sie in der Lage, Stickstoff aus der Luft zu binden, wodurch der Bedarf an Düngemitteln reduziert wird. Zudem werden durch den Anbau von Erbsen enge Getreidefruchtfolgen aufgelockert. Dies fördert die Bodengesundheit und trägt wesentlich zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft bei. Erbsen sind außerdem gesund und eine hervorragende Quelle für funktionelles pflanzliches Protein.
Worum geht es im Projekt DiPisum? Wo liegt der Fokus des Projektes?
Um die Erbse als Zukunftskultur für Sachsen-Anhalt und darüber hinaus zu etablieren, muss die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt werden. Daher vereint das DiPisum-Projekt Expertise aus der Pflanzenzüchtung, der Pflanzenproduktion, der Be- und Verarbeitung sowie der Vermarktung. Das Projekt profitiert von der umfangreichen Biodiversität der Erbse, die in Europas größter Genbank, dem IPK Gatersleben, erhalten wird. DiPisum setzt auf innovative Ansätze in der Pflanzenzüchtung sowie in der Be- und Verarbeitung von Erbsen und strebt an sicherzustellen, dass diese Neuerungen auch praktisch umgesetzt und breit angewendet werden.
Auf welche technologischen Innovationen setzt das Projekt, um das Potenzial der Erbse zu erschließen und für die zukünftige Ernährung nutzbar zu machen? Welch Aufgabe übernimmt hierbei das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK)?
Eine zentrale technologische Innovation, die die Pflanzenzüchtung revolutioniert, ist die Möglichkeit, kostengünstig Informationen zur Erbsubstanz auszulesen. Dies eröffnet neue Chancen, die Erbsenzüchtung effizienter zu gestalten und zu beschleunigen. Diese Entwicklung ist besonders wichtig, um die Erbse vor Krankheitserregern und beispielsweise Trockenstress zu schützen. Das IPK ist der Ort, an dem die Sequenzierung von Kulturpflanzen mit großem Genom weltweit erstmals erfolgreich umgesetzt wurde. Darauf möchten wir aufbauen und auch für die Erbse eine umfassende genomische Werkzeugkiste für die Züchtung entwickeln.
DiPisum ist 2024 gestaltet und läuft in der ersten Förderphase bis 2028. Was sind die bisher wichtigsten Erkenntnisse nach einem Jahr Projektarbeit?
Bis die Innovationen in der Züchtung, der Produktion sowie der Be- und Verarbeitung ihre volle Wirkung entfalten, vergeht in der Regel mehr als ein Jahrzehnt. Daher sind wir der Politik und den Bürgerinnen und Bürgern sehr dankbar für die langfristige Finanzierungsoption – nach der ersten Förderphase wurde bereits eine zweite in Aussicht gestellt. Das Motto des ersten Projektjahrs lässt sich am besten mit „Da wächst zusammen, was zusammengehört.“ zusammenfassen. Zu diesem produktiven Miteinander haben sicherlich auch die ersten erbsenbasierten Wurstalternativen beigetragen, die nicht nur im Rahmen der Grünen Woche in diesem Jahr angeboten wurden.
Inwiefern kann das Vorhaben zur Stärkung der regionalen Wirtschaft in Sachsen-Anhalt beitragen und welche Herausforderung gibt es?
DiPisum strebt an, durch Innovation eine hohe regionale Wertschöpfung zu ermöglichen. Bestehende Märkte sollen ausgebaut und neue Märkte erschlossen werden, was langfristig zur Schaffung von Arbeitsplätzen in der Züchtung, Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie beitragen soll. Der Erfolg hängt jedoch maßgeblich von einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte ab, bei denen die Ernährung stark von pflanzlichem Eiweiß geprägt war.
Interview: Beatrix Boldt