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04.08.2017

Obstbaumholz als Energiequelle

Sonja
Germer


Beruf:
promovierte Geografin

Position:

Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe Theorie und Modellierung der Biosphäre am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Quelle: 
Privat
Schnittholz im Obst- und Weinanbau als energetische Biomasse nutzen - dafür waren bisher die Hürden zu hoch. Sonja Germer und ihrem Team ist gelungen, diese Hemmnisse abzubauen.

Im Obst- und Weinanbau fallen jährlich große Mengen Schnittholz an. Bisher wurde die kostbare Biomasse nur wenig genutzt, weil weder das Bewusstsein noch die geeignete Technik vorhanden war. Diese Hürden abzubauen, war Aufgabe von Sonja Germer und ihren früheren Kollegen vom Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim. Im EU-Projekt "EuroPruning“ entwickelte das Team neue Geräte und Logistik-Werkzeuge, um die energetische Nutzung von Schnittholz im Obst-und Weinanbau attraktiver zu machen.

 

Frage 

Warum wird Schnittholz von Obstbäumen und Weinstöcken bisher eher selten für energetische Zwecke genutzt? 

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Antwort 

Die EU-weite Hochrechnung der jährlich anfallenden ungenutzten Schnittholzmenge beläuft sich auf über 13 Mio. Tonnen Trockenmasse. Die größten Anteile haben dabei Spanien und Italien (8 Mio. Tonnen), aufgrund von weitflächigem Weinanbau und Olivenplantagen. Für Deutschland wurde die Menge auf 200.000 Tonnen geschätzt. Dass die Biomasse bisher nicht energetisch genutzt wird, liegt an vielfältigen Hindernissen: Gewohnheit, fehlendes Bewusstsein für das Nutzungspotenzial, fehlende technische Voraussetzungen und logistische Hemmnisse.

Frage 

Welches Ziel verfolgte das EU-Projekt „EuroPruning“?

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Antwort 

Ziel war es, technische Voraussetzungen zu schaffen, um das Schnittgut einzusammeln und ein Logistiksystem zu entwerfen, um Anbieter und Abnehmer zu vernetzen und eine Nachverfolgung der Qualität des Schnittgutes zu ermöglichen. Weiterhin war es Ziel Wissenslücken bezüglich des Nutzungspotenzials, der technischen Möglichkeiten und der möglichen Kosten sowie Gewinne abzubauen.

Frage 

Welche Werkzeuge hat das Projekt aufgetan, um die bestehenden Hemmnisse der Schnittholznutzung abzubauen?

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Antwort 

Um die technischen Hemmnisse zu überwinden, wurden zwei Maschinen zum Aufsammeln des Schnittholzes entworfen und optimiert. Um der Nachfrage gerecht zu werden, wurden die Qualitätsanforderungen des Mark­tes erhoben und untersucht, welche Faktoren die Schnittholzqualität beeinträchtigen. Um logistische Hemmnisse abzubauen, wurde ein instrumentengestütztes System zur Optimierung des Anbieter-Abnehmer-Netzwerkes entwickelt. Weiterhin wurden die Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit durch den Entzug des Schnittholzes aus den Plantagen untersucht und schließlich ökologische, soziale und ökonomische Effekte bilanziert.

Frage 

Wie effizient sind die im Projekt entwickelten Technologien in der Praxis und welchen Einfluss haben sie auf Umwelt und Bodenbeschaffenheit?

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Antwort 

Die entwickelte Ballenpresse namens PRB 1,75 nimmt das Schnittholz auf, presst es in Ballen und umwickelt diese automatisch mit einem Netz vor dem Ab­laden. Je nach Schnittgutmenge und Anlagenkonfiguration können 2 bis 12 Ballen à 140 bis 250 Kilogramm Frischmasse produziert werden. In den Praxistests sind 3 bis 25% des Schnittgutes in den Plantagen zurückgeblieben. Der Verlust war besonders hoch, wenn das Schnittgut vorab nicht geschwadert war. Der Hacker namnes PC50 ist wiederum mit gekrümmten Messern ausgestattet, die einen sauberen Schnitt des Materials ermöglichen. Dieser kann pro Stunde 0,4 bis 1,3 Hektar bearbeitenund dabei 0,4 bis 2,2 Tonnen Frischmasse einsammeln, bei einem Materialverlust von 8 bis 27%.

Auch hinsichtlich der Bodenfruchtbarkeit überzeugte das Schnittholz. Der Kohlenstoffentzug über das Schnittholz war in allen Praxistests relativ gering, verglichen mit dem Entzug über Stroh von Getreide oder Mais. Innerhalb der zweijährigen Feldexperimente in Spanien, Frankreich und Deutschland haben wir keinen Unterschied im Kohlenstoffgehalt des Oberbodens für Flächen mit Verbleib oder Entzug des Schnitt­holzes festgestellt. Auch haben sich keine Effekte des Schnittholzes auf die Nitratauswaschung sowie die Treibhausgasemissionen vom Boden ergeben. Damit steht die Entnahme des Schnitt­holzes zur energetischen Nutzung einer nachhaltigen Bewirtschaftung von Plantagen nicht entgegen. Es müssen jedoch die lokalen Gegebenheiten beachtet werden. Detaillierte Handlungsempfehlungen hierzu wurden bereits im Internet veröffentlicht.

Frage 

Welche ökologisch und sozialen Vorteile würden sich bei einer nachhaltigen Nutzung von Baumschnitt ergeben?

Sonja Germer; Geografin am Max Planck Institut für Biogeochemie in Jena
Antwort 

In manchen Teilen Europas wird das Schnittgut oft noch am Plantagenrand verbrannt, ohne die Energie zu nutzen. Dies könnte durch eine nachhaltige Nutzung vermieden werden. Auch die Verbreitung von Obstbaumkrankheiten könnte durch das Entfernen des Schnittgutes aus Plantagen verringert werden. Stellt man die Kosten für das Einsammeln des Schnittguts, die Lagerung, den Transport und die Koordinierung dem Verdienst gegenüber, der berechnet wird aus dem Wert des Produktes und den vermiedenen Kosten des herkömmlichen Managements, dann ist im besten Fall mit einem Plus von ca. 40 Euro pro Tonne Biomasse zu rechnen. Die Vermarktung des Schnittholzes kann nicht als Chance zum großen Geschäft angesehen werden, vielmehr liegt der Wert in dem Potenzial von Kosteneinsparung auf der Betriebsebene.

Interview: Beatrix Boldt

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