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27.02.2018

Binnengewässer vor Mikroplastik schützen

Christian
Schaum

Beruf:
Bauingenieur

Position:
Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik am Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg

Christian Schaum
Quelle: 
Fotostudio Neubiberg
Wasserforscher Christian Schaum sucht nach Lösungen, um die Belastung der Binnengewässer durch Mikroplastik zu reduzieren.

Mikroplastikteilchen machen auch vor Binnengewässern nicht Halt. Doch wie gelangen die winzigen Partikel in die Flüsse und Seen, wie gefährlich sind sie wirklich und wie können sie wieder entfernt werden? Diese und ähnliche Fragen will Christian Schaum in den kommenden drei Jahren beantworten. Gemeinsam mit zehn Verbundpartnern sucht der Münchner Professor für Siedlungswasserwirtschaft im Projekt „PLASTRAT“ nach Wegen, um die Wasser-Ökosysteme nachhaltig zu schützen.

Frage 

Was ist der Hintergrund des Projektes?

Christian Schaum
Antwort 

Mikroplastik belastet neben den Meeren auch in zunehmenden Maße Flüsse und Seen. Selbst im Trinkwasser und in Lebensmitteln wurde es bereits nachgewiesen. Während Plastikmüll und Mikroplastik in den Meeren schon seit längerer Zeit erforscht werden, ist über die Funde in Binnengewässern noch wenig bekannt. In unserem interdisziplinären Forschungsprojekt wollen wir untersuchen, wie der Eintrag der weniger als fünf Millimeter kleinen Plastikteilchen in die Gewässer erfolgt und welche Bedeutung dabei die Siedlungswasserwirtschaft hat? Darüberhinaus geht es um Fragen, wie etwa Mikroplastikpartikel Mensch und Umwelt oder Hersteller und Verbraucher den Eintrag beeinflussen und wie freigesetztes Mikroplastik wieder sicher, effektiv und effizient entfernt werden kann.

Frage 

Welches Ziel verfolgen die Verbundpartner?

Christian Schaum
Antwort 

Hauptanliegen des Forschungsprojektes ist es neben der zukunftsorientierten Bewertung von Mikroplastikeinträgen, unterschiedliche Lösungsansätze aus den Bereichen Technik, Green Economy und sozial-ökologischer Forschung entlang der gesamten Wertschöpfungskette und des Lebenszyklus der Kunststoffe zu initiieren, um nachhaltig zur Minimierung des Mikroplastikgehalts in der aquatischen Umwelt beizutragen. Weiterhin wollen wir ein Gütesiegel oder Kriterien für ein Gütesiegel entwickeln, das den Verbrauchern und Entscheidern erlaubt, Verbreitung, Toxizität und Eliminationsmöglichkeiten einzuordnen und zwischen potenziellen Alternativen zu wählen. Unseren Fokus legen wir weiterhin auf den Erkenntnistransfer in Wissenschaft und Praxis, mit dem wir durch Kontakte zu Politik, Wasserwirtschaftsverwaltung und Fachverbänden Synergieeffekte kreieren möchten.

Frage 

Wie könnte ein Bewertungssystem zur Umweltverträglichkeit von Kunststofftypen eine Verschmutzung der Flüsse und Seen reduzieren?

Christian Schaum
Antwort 

Unser Bewertungssystem ist das Resultat der Zusammenarbeit und verbindet die ganzheitliche Betrachtung von Produzent – Verbraucher – Eintrag – Technik und Effekte. Es soll dabei nicht nur eine Orientierungshilfe für Kunststoffproduzenten zur Substitution und Herstellung entsprechend zertifizierter und umweltfreundlicherer Polymere sein, sondern den Verbrauchern und Konsumenten sowie allen Akteuren im Bereich der Wasserwirtschaft ein Instrument zur Eruierung gewässerfreundlicher Kunststoffalternativen an die Hand geben. Insofern ist dieses Bewertungssystem nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Minimierung urbaner Plastikeinträge in die aquatische Umwelt, sondern dient nachhaltig dem Schutz unserer Ökosysteme.

Frage 

Was sind die zentralen Aufgaben des Projektes?

Christian Schaum
Antwort 

In verschiedenen interdisziplinären Arbeitsgruppen analysieren und bewerten wir umweltbedingte Veränderungen ausgewählter konventioneller, biobasierter oder recycelter Mikroplastikpartikel, deren mögliche Wirkungen und Gefährdungen auf Mensch und Umwelt sowie die verschiedenen Eintragspfade von Mikroplastik in Binnengewässer. Zudem arbeiten die Forscher an Standardverfahren zur Analyse des Mikroplastikgehalts in Wasser- und Schlammproben und beschäftigen sich mit der An- und Abreicherung von Schadstoffen an den weniger als fünf Millimeter kleinen Kunststoffteilchen innerhalb der Kläranlage. Welche Rolle die Verbraucher selbst beim nachhaltigeren Umgang mit Kunststoffen spielen, steht im Mittelpunkt weiterer Betrachtungen, in denen es um die Wahrnehmung von Umweltrisiken durch Plastikprodukte, deren Nutzung und Entsorgung geht.

Frage 

Was ist der aktuelle Projektstand?

Christian Schaum
Antwort 

Seit dem Projektstart im September 2017 haben wir wichtige Schwerpunkte der gemeinsamen Zusammenarbeit diskutiert und Grundlagen sowie Basisdefinitionen für die weitere Zusammenarbeit festgelegt. Ein Hauptaugenmerk lag in der Auswahl unserer Probennahmestandorte für mögliche Eintragspfade. Zudem konnten in ersten Vorversuchen wichtige Erkenntnisse zur Kunststoffcharakterisierung und Methodenentwicklung gewonnen werden.

 

Frage 

Was sind die nächsten Schritte?

Christian Schaum
Antwort 

In den nächsten Monaten werden die ausgewählten Polymere den unterschiedlichen Bewitterungsmethoden unterworfen, um die Veränderung der chemischen und strukturellen Zusammensetzung von Matrix und Oberfläche der Kunststoffe zu untersuchen. Der Fokus liegt dabei auf der Probennahme sowie Analyse und Bewertung der Mikroplastikpartikel. Parallel dazu werden im Rahmen vergleichender Studien die Kunststoffe hinsichtlich ihrer Wirkung überprüft. Der Aufbau einer modifizierten Versuchsanlage zum Rückhalt der kleinen Polymerteilchen bildet den Startpunkt zur Ermittlung von Eliminationswegen. Auch werden wir erste sozial-empirische Befragungen durchgeführten und in einem Workshop mögliche Kriterien eines wissenschaftlichen Bewertungssystems erarbeiten.

Interview: Beatrix Boldt

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