Kommunikative Räume für Bioökonomie-Debatten schaffen

Kommunikative Räume für Bioökonomie-Debatten schaffen

Im Projekt BioDisKo haben Forschende Formate entwickelt und erprobt, um Bürgerinnen und Bürger sowie Stakeholder in den Diskurs über die Gestaltung einer nachhaltigen Bioökonomie einzubinden.

Bürgerinnenrat - Kärtchen an der Wand
Forschende haben Formate erprobt, um die Öffentlichkeit am bioökonomischen Wandel zu beteiligen.

Ob Biokunststoffe, Biotreibstoffe oder kompostierbare Verpackungen: Viele nachhaltige und umweltfreundliche Produkte zeugen vom Potenzial der Bioökonomie – einer Wirtschaftsform, die auf nachwachsende und umweltfreundliche statt fossile Rohstoffe wie Erdöl setzt. Doch die Bioökonomie geht weit über biobasierte und biologisch abbaubare Produkte hinaus und hat in der Vergangenheit – gerade hinsichtlich der Nutzung landwirtschaftlicher Rohstoffe – auch vielfach Kritik einstecken müssen. Die so genannte Tank-Teller-Debatte hat vor Augen geführt, dass auch Risiken und Nebenfolgen bioökonomischer Innovationen vor deren Einführung systematisch erforscht werden müssen und zudem eine breite gesellschaftliche Diskussion erfordern.

Hier setzt das Forschungsprojekt „Bioökonomische Nutzungspfade – Diskurs und Kommunikation – BioDisKo“ an. Ein Team um den Projektkoordinator Jan-Hendrik Kamlage vom Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Duisburg Essen (KWI) hat darin Formate und Methoden zur Information, Kommunikation und Partizipation im Bereich der Bioökonomie entwickelt, erprobt und bewertet. Anliegen war es, Bürgerinnen und Bürger sowie Stakeholder in die bioökonomische Debatte mit einzubeziehen und so eine wissensbasierte, transparente und ambitionierte Kommunikation und Meinungsbildung zu relevanten bioökonomischen Themen wie der Biomassenutzung anzustoßen. „Es ging nicht darum, durch die Formate Inhalte zu platzieren. Zumindest im Bereich der Partizipation ging es eher darum, offene Dialogräume zu schaffen, in denen man sich über die Folgen der Bioökonomie oder Teilbereiche wie den Biomasseanbau informiert austauscht“, erläutert Jan-Hendrik Kamlage.

Beteiligungsformate für eine wissensbasierte Kommunikation

Das Projekt BioDisKo wurde im Rahmen der Fördermaßnahme „Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel“ von 2018 bis 2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit insgesamt 1,5 Mio. Euro gefördert. Neben dem KWI waren daran beteiligt das Institut für Zukunftsfragen und Technologiebewertung (IZT), das Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT sowie das Forschungszentrum Jülich GmbH – FZJ.

Mit dem „Bürger*innenrat“ und dem „Zukunftsrat“ wurden zwei Beteiligungsformate entwickelt und erprobt. „Wir vom KWI haben die Beteiligungsprozesse gemacht, um zu erfahren, was eine akzeptable und gemeinwohlorientierte Gestaltung der Bioökonomie aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger bedeutet“, erklärt Kamlage. Darüber hinaus wurde eine Stakeholder-Interaktionsanalyse vom Fraunhofer UMSICHT mit Unternehmen durchgeführt, um Hemmnisse und Barrieren für Unternehmen beim zukünftigen Betrieb von Biogasanlagen aufzudecken. Auch das Wissen und die Meinungen der Verbraucherinnen und Verbraucher zur Bioökonomie wurde in einer Umfrage des IZT zusammengetragen sowie die Relevanz bioökonomischer Themen in Tages- und Wochenzeitungen in einer Medienanalyse erforscht.

Bürger*innenrat zur Abschätzung von Technikfolgen

Der Bürger*innenrat nahm beispielsweise die Technikfolgen des Biomasseanbaus unter die Lupe. Zufällig nach Merkmalen wie Alter und Geschlecht wurden Personen ausgewählt und hier zunächst von Fachleuten über den Anbau von Biomasse im Allgemeinen und über den Maisanbau im Münsterland im Besonderen informiert. Auf dieser Wissensgrundlage wurde dann über die Technikfolgen des Biomasseanbaus debattiert. „Hier zeigte sich, dass es sinnvoll ist, sich frühzeitig Gedanken zu machen, wenn man eine neue Technologie einführen will“, resümiert Kamlage.

Maisfeld

So waren den Beteiligten zwar die Folgen des Biomasseanbaus in Monokultur wie Verlust der Artenvielfalt und Bodenqualität weitestgehend bekannt. Die Auswirkungen des flächenmäßig hochskalierten Maisanbaus auf die Nahrungsmittelpreise waren Kamlage zufolge hingegen eher unbekannt. „Das sind Nebenfolgen, die nicht bedacht werden. Aber wenn man sich die Technikfolgen anschaut, muss man stets das Systemische mit reinnehmen.“

Empfehlungen für die Bioökonomie in NRW

Die im Bürger*innenrat formulierten Technikfolgen fanden sich auch im zweiten Format wieder. Im Zukunftsrat, an dem ebenfalls zufällig ausgewählte Personen beteiligt waren, sollten Empfehlungen für die Politik in NRW entwickelt werden. Er befasste sich mit der Bioökonomie des Landes bis zum Jahre 2038 und war thematisch breiter angelegt. Auch hier wurden Fachleute eingeladen, um den Teilnehmenden die Bioökonomie näherzubringen. Das Resümee: „Die Bürgerinnen und Bürger sehen, dass die Bioökonomie ein großes Potenzial hat. Sie verbinden damit eine lebenswerte Zukunft, aber auch Ressourcenschonung, und sie glauben, dass regionale Entwicklungen damit einhergehen können“, sagt Kamlage. Die positive Haltung zur Bioökonomie ist Kamlage zufolge das Ergebnis einer fundierten Meinungsbildung, die durch Wissensvermittlung im Rahmen des Projektes stattfand.

Im Ergebnis des eineinhalbtägigen intensiven und moderierten Diskurses, formulierte der Zukunftsrat schließlich Handlungsempfehlungen an die Politik. So sprachen sich die Beteiligten aus für eine Kennzeichnungspflicht von Ökobilanzen von Produkten sowie höhere Anreize für umweltfreundliche und Sanktionen für umweltschädliche Produkte. Auch Steueranreize für Firmen mit Nachhaltigkeitskonzepten, eine stärkere regionale Innovationsförderung sowie die Subventionierung des Ökolandbaus und die Förderung von Biodiversitätsmaßnahmen standen auf der Wunschliste. Die Handlungsempfehlungen des Zukunftsrates sind Kamlage zufolge ein Beleg für die Leistungsfähigkeit solcher strukturierter Beteiligungsprozesse. „Was die grobe Richtung betrifft, können sich die Ergebnisse durchaus mit den Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft messen lassen.“

Große Unsicherheit und Unwissenheit

Das Projekt BioDisKo hat einmal mehr bestätigt, dass der bioökonomische Wandel nur funktionieren kann, wenn möglichst vielfältige Akteure und Perspektiven – auch die Zivilgesellschaft – mit einbezogen werden. Die Forschenden konnten auch zeigen, wie groß noch immer die Unwissenheit in der Gesellschaft in Hinblick auf die Bandbreite der Bioökonomie ist. Der Begriff der Bioökonomie sorgt in der Bevölkerung eher für Fragezeichen als Klarheit: „Die Bioökonomie ist ein so weites Feld und für viele Menschen nicht verständlich“, sagt Kamlage. „Der Begriff ist zu konturlos und abstrakt. Die Verbraucherumfrage des Projektpartners IZT ergab, nur 11% wussten, was der Begriff Bioökonomie bedeutet. 44% der Befragten kannten den Begriff nicht, 45% kannten den Begriff, wussten aber nicht, was er bedeutet."

Insgesamt 60% verbanden den Begriff mit Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit und die Hälfte der Befragten reduzierte den Begriff Bioökonomie auf Biolandbau. „Wir haben es hier im hohen Maße mit Unsicherheit und Unkenntnis zu tun. Die Bioökonomie in der gesamten Breite wird dabei nicht erfasst – so wird der Bereich der Biotechnologie oder Gentechnik darunter gar nicht gesehen“, so Kamlage. "Wenn Sie einen Bürger*innenrat veranstalten, müssen Sie erst einmal viel Zeit dafür aufwenden, um den Begriff näherzubringen und zu erklären.“

Bürger*innenrat -Diskussionsrunde
Im Bürger*innenrat wurde auch debattiert, welche Technikfolgen der Anbau von Biomasse wie Mais hat.

Als weiteres Partizipationsformat wurde eine webbasierte Stakeholder-Interaktionsanalyse (SHIA) vom Fraunhofer UMSICHT entwickelt und durchgeführt. Hier wurde für die Branche der Biogasanlagenbetreiber erfolgreich gezeigt, dass die SHIA eine effiziente Methode ist, wie Stakeholder aus der Wirtschaft am Aushandlungsprozess für eine nachhaltige Bioökonomie beteiligt werden können. Das Format kann nicht nur auf andere Fragestellungen übertragen werden. Es ist auch geeignet, Partizipationsformate in Präsenzform wie etwa in der partizipativen Technikfolge-Abschätzung oder in Bürger*innenräten, vorzubereiten.

Auch in den Tages- und Wochenzeitungen waren bioökonomische Themen eher selten zu finden – wenn, dann waren sie meist „wirtschaftlich gerahmt“, wie eine Medienanalyse des IZT für die Jahre 2002 bis 2017 ergab. „Es gab aber kaum oder nur wenig Berichterstattung zur stofflichen Nutzung“, sagt Kamlage. Eine Ausnahme waren die Jahre 2011/12. Hier wurde die Berichterstattung von der Einführung des Biosprits E10, der Tank-Teller-Debatte sowie der über Biogasanlagen geprägt. Später wurde auch der Zustand der Böden thematisiert. Doch auch dieses Thema sei „nie unter dem Begriff der Bioökonomie“ kommuniziert worden, erinnert sich Kamlage.

Bioökonomie in Einzelthemen betrachten

Das Projekt habe klar gezeigt: Der Begriff Bioökonomie ist „unklar konturiert, abstrakt und multidimensional daher nur schwer kommunizierbar" und birgt den Forschenden zufolge „neben seinen offensichtlichen Chancen auch vielfach Risiken für die Gesellschaft“. „Es ist keine gute Idee, mit diesem Begriff allein öffentliche Kommunikation zu machen“, sagt Kamlage. „Eine gelungene Wissenschaftskommunikation setzt bei den Zielgruppen und an vorhandenem Vorwissen und Lebenswelten an.“ Um mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen, müssen Themen gewählt werden, zu denen sie auch einen Zugang finden. „Die Bioökonomie sollte stärker in Einzelthemen betrachtet werden und Aspekte in den Mittelpunkt rücken, die die Menschen berühren und betreffen, um sie kommunizierbar zu machen“, empfiehlt der Forscher. 

Autorin: Beatrix Boldt