Strategien und Akteure
Die Bioökonomiepolitik der Niederlande ist in eine übergreifende Strategie zur nachhaltigen Nutzung biologischer Ressourcen eingebettet, die darauf abzielt, neue Wertschöpfungsketten zu erschließen und Klimaneutralität zu erreichen. Teil dessen ist die Förderung sektorübergreifender Innovationen und einer Kreislaufwirtschaft.
Zentrale politische Akteure sind die Ministerien für Landwirtschaft, Fischerei, Ernährungssicherheit und Natur (LVVN) sowie für Wirtschaft (EZ). Letzteres hat mit Veröffentlichung der Beleidsvisie Biobased Economy 2012–2015 im Jahr 20121 und einer editierten Version aus 20152 wichtige Grundlagen für die Bioökonomie-Entwicklung gelegt. Die erste Fassung fokussiert technologische Innovationen, sektorübergreifende Kooperation (v. a. Landwirtschaft, Chemie, Energie) und die Entwicklung von Bioraffinerien. Im Vordergrund stehen hochwertige Produkte wie Biochemikalien und Biokunststoffe sowie Pilot- und Demonstrationsprojekte. Die aktualisierte Fassung von 2015 weitet den Blick in Richtung Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz, Kaskadennutzung organischer Ressourcen sowie Verwertung/Veredlung von Reststoffen aus der Land- und Forstwirtschaft.
Diese Ansätze werden seit 2016 durch das Programm Nederland Circulair in 2050 weiterentwickelt, das die vollständige Transformation der Wirtschaft hin zu einer Kreislaufwirtschaft anstrebt. Die Bioökonomie ist dabei integraler Bestandteil der fünf prioritären Wertstoffketten, insbesondere im Bereich Biomasse und Lebensmittel. Ergänzend formuliert das Klimaabkommen Klimaatakkoord (ENG) von 2019 verbindliche Maßnahmen zum Klimaschutz und hebt die Bedeutung der CO₂-Nutzung aus Biomasse hervor.
Im europäischen Kontext haben die Niederlande ihre nationale Bioökonomieperspektive 2018 in Form einer kurzen Broschüre zum Ausdruck gebracht und acht zentrale Handlungsfelder benannt, u. a. ein innovationsfreundliches Regulierungsumfeld, sektorübergreifende Wertschöpfung und die Stärkung ländlicher Regionen.
Förderlandschaft
Wichtiger Bestandteil der staatlichen Förderung ist die Unterstützung öffentlich-privater Partnerschaften zwischen Staat, Wirtschaft und Wissenschaft; insbesondere in den von der niederländischen Regierung definierten neun Top-Sektoren. Für die Bioökonomie sind davon vor allem die Bereiche Agri-food, Life Sciences and Health, Chemicals sowie Energy relevant.
Die Umsetzung der Fördermaßnahmen erfolgt vor allem über die Agentur Rijksdienst voor Ondernemend Nederland (RVO), welcher mehrere Instrumente, wie die von WBSO (Steuerentlastungen) und DEI+ (finanzielle Unterstützung von Demonstrationsprojekten in den Bereichen Energie- und Klimainnovation) zur Verfügung stehen. Zusätzlich erleichtert das Green Projects Scheme Financing Investitionen in nachhaltige Vorhaben durch steuerlich begünstigte Finanzierungsinstrumente. Insgesamt ist die Förderpolitik stark anwendungsorientiert, innovationsgetrieben und auf die industrielle Skalierung biobasierter Lösungen ausgerichtet.
Bioökonomie in den Regionen
Neben der nationalen Strategie sind auch mehrere regionale Bioökonomieinitiativen vorzufinden, etwa in Zeeland, Noord-Brabant und Zuid-Holland, inklusive 10-Jahres-Plan. Zentral ist das Cluster Biobased Delta, das seit 2010 Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung vernetzt. Es fördert industrielle Anwendungen wie biobasierte Chemikalien, Bioraffinerien und Reststoffnutzung und wird teilweise über EU-Programme kofinanziert. In Noord-Brabant wurde ergänzend ein Fahrplan zur Circular Bioeconomy mit dem Ziel entwickelt, den Einsatz primärer Rohstoffe bis 2030 um 50 % zu senken – insbesondere im Bau- und Ernährungssektor. Maßnahmen sind Roadmaps, Innovationsförderung, Ökodesign-Vorgaben und biobasierte öffentliche Beschaffung.
Die niederländische Wissenschaftslandschaft zur Bioökonomie nimmt in Europa bzw. global eine Spitzenposition ein. Sie prägen interdisziplinäre Forschungsaktivitäten mit hohem Anwendungsbezug, enge Kooperationen mit Wirtschaft, Regionen und internationalen Partnern sowie die Einbindung von Innovationsclustern.
Mehrere Universitäten und spezialisierte Forschungszentren spielen dabei eine wichtige Rolle, wobei der Wageningen University & Research (WUR) eine besondere Bedeutung zukommt: Die WUR ist weltweit führend in Agrar-, Lebensmittelsystem- und Umweltforschung. Weitere zentrale Akteure sind die Universitäten in Utrecht, Delft, Leiden und Maastricht mit Schwerpunkten in Biotechnologie, Molekularbiologie und Materialforschung.
Zu den herausragenden Innovationsstandorten zählen der Bio Science Park in Leiden mit über 150 Biotech-Unternehmen, Start-ups und mehreren Forschungseinrichtungen sowie der Brightlands Chemelot Campus in Geleen, der etwa den internationalen Masterstudiengang Biobased Materials der Maastricht University beherbergt und eng mit der Industrie kooperiert. Im Norden Hollands ist die Hanze University mit dem Research Centre Biobased Economy aktiv, während die Van Hall Larenstein University of Applied Sciences praxisnahe Programme in Agrarwissenschaften und Umweltmanagement anbietet. Daneben leisten auch das Bijvoet Centre in Utrecht und das Wageningen Food Safety Research wichtige Beiträge in der molekularen Biotechnologie und Lebensmittelsicherheit.
Die Bioökonomie ist ein zentraler Bestandteil der niederländischen Wirtschaft und gewinnt als innovationsgetriebener Querschnittsbereich zunehmend an Bedeutung. 2018 entfielen rund 19 % der gesamten industriellen Produktion auf entsprechende Sektoren, wobei ca. 6 % direkt biobasierten Produkten, z. B. biobasierten Kunststoffen, Papier, Holzwerkstoffen, zuzurechnen sind. Besonders stark kommt die Bioökonomie in den Bereichen Agri-Food, Chemie, Energie, biobasierte Materialien und Reststoffverwertung zum Tragen.
Im Jahr 2024 gehörten die Niederlande weltweit erneut zu den größten Exporteuren von Agrarprodukten, wobei ein erheblicher Teil auf biobasierte Wertschöpfung entfällt – etwa durch pflanzenbasierte Lebensmittel, Futtermittel und zunehmend auch biogene Rohstoffe für industrielle Nutzung. Die chemische Industrie integriert biobasierte Produktionsprozesse und Stoffe zunehmend in ihre Geschäftsmodelle. Große Unternehmen wie DSM, Corbion und Avantium investieren stark in die Entwicklung und Skalierung von grünen Chemikalien, Polymeren, Bioschmierstoffen und -treibstoffen.
Eine zentrale Ressource dafür sind biogene Reststoffe aus Land- und Forstwirtschaft sowie Lebensmittelindustrie. Darüber hinaus sind es institutionelle Rahmenbedingungen, die sich positiv auf die Bioökonomie auswirken: Wirtschaftsverbände wie der VNCI (Verband der niederländischen Chemieindustrie) und LTO Nederland (Landwirtschaftsverband) engagieren sich in der Formulierung branchenspezifischer Roadmaps, fördern biobasierte Innovationsprojekte und wirken aktiv an politischen Strategieprozessen mit.
Autorin: Kristin Kambach