Klimaneutral heißt nicht kohlenstofffrei
Die Bioökonomie muss Kohlenstoff aus Pflanzen, Abfällen oder der Luft gewinnen. Warum im öffentlichen Diskurs stärker der Begriff Defossilisierung statt Dekarbonisierung verwendet werden sollte – und welche Zielkonflikte die Politik bereits adressiert.
Die Bioökonomie zielt darauf, wirtschaftliche Prozesse auf erneuerbare biologische Ressourcen umzustellen. Die im Editorial der Zeitschrift Nature diskutierte Einordnung der „Defossilisierung“ ist dafür zentral: Sie macht deutlich, dass Klimaneutralität nicht bedeutet, auf Kohlenstoff zu verzichten, wie der bislang viel genutzte Begriff „Dekarbonisierung“ suggeriert. Vielmehr ist es wichtig, ihn nicht länger aus fossilen Quellen zu gewinnen.
Kohlenstoff bleibt unverzichtbar
Kohlenstoff ist ein Grundbaustein moderner Gesellschaften. Er steckt in Treibstoffen, Kunststoffen, Düngemitteln, Waschmitteln und Medikamenten. Selbst in einer klimaneutralen Zukunft wird der Bedarf an sogenanntem „eingebettetem“ Kohlenstoff steigen – Prognosen gehen bis 2050 von einer Verdopplung aus. Die Defossilisierung setzt genau hier an: Fossile Rohstoffe wie Erdöl, Gas und Kohle sollen im Boden bleiben, während Kohlenstoff aus anderen Quellen stammen muss.
Für die Bioökonomie liegt eine naheliegende Lösung in Pflanzen und weiterer Biomasse. Biokraftstoffe aus Raps, Mais oder Weizen werden bereits gefördert. Das Editorial warnt jedoch vor Nebenfolgen: Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, steigende Lebensmittelpreise sowie Risiken für Biodiversität und Böden. Damit zeigt sich ein klassisches Dilemma der Bioökonomie zwischen Klimaschutz und nachhaltiger Landnutzung.
Großes Potenzial sehen die Autorinnen und Autoren in Reststoffen: landwirtschaftliche Abfälle, Lignozellulose oder gebrauchte Kunststoffe. Auch abgeschiedenes Kohlendioxid aus Industrieprozessen oder direkt aus der Luft könnte künftig als Rohstoff dienen. Technisch ist das jedoch anspruchsvoll und energieintensiv, und nur dann sinnvoll, wenn erneuerbare Energie eingesetzt wird.
Bedeutung für Politik und gesellschaftlichen Diskurs
Das Editorial plädiert dafür, Defossilisierung stärker in Forschungs- und Förderprogramme zu integrieren. Für die Bioökonomie bedeutet das: Weg von einfachen „Bio statt fossil“-Narrativen, hin zu komplexen, zirkulären Kohlenstoffkreisläufen. Die Einordnung zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht automatisch „biobasiert“ bedeutet, sondern kluge Entscheidungen über Herkunft, Nutzung und Kreislaufführung von Kohlenstoff erfordert.
Das Editorial unterstreicht, dass Forschung und Politik eine Schlüsselrolle für die Defossilisierung spielen. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass sowohl die Europäische Union als auch die Bundesregierung entsprechende Zielkonflikte bereits erkannt haben und diese in Strategien und Förderprogrammen ausdrücklich adressieren. Der EU-Green-Deal, die europäische sowie die deutsche Bioökonomiestrategie berücksichtigen Spannungen zwischen Klimaschutz, Ernährungssicherheit, Biodiversität und industrieller Nutzung biologischer Ressourcen und setzen zunehmend auf Kreislaufwirtschaft, Reststoffnutzung und systemische Ansätze.
Insgesamt wird deutlich, dass es weniger um einen Verzicht auf Kohlenstoff geht als um den Abschied von fossilen Quellen. Genau deshalb sollte im öffentlichen Diskurs stärker von Defossilisierung statt von Dekarbonisierung gesprochen werden: Der Begriff beschreibt präziser, worum es der Bioökonomie geht – um nachhaltige, zirkuläre Kohlenstoffkreisläufe jenseits von Öl, Gas und Kohle.
hb