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21.02.2017

Wenn Essen gesund macht

Mikroben im Darm können unsere Gesundheit beeinflussen. Deshalb steht das Mikrobiom inzwischen ganz oben auf der Forschungsagenda. Ein Report von der Fachkonferenz "Probiota".

Darmbakterien Probiotika
Mit prä- und probiotischen Produkten versuchen Experten die Bakterien im Darm von Mensch und Tier positiv zu beeinflussen.
Quelle: 
Darryl Leja, NHGRI/ https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Wissenschaftler sind sich mittlerweile einig darüber, dass die Summe aller mikroskopisch kleinen Bewohner unseres Darms – das Darm-Mikrobiom – für weitaus mehr verantwortlich ist, als nur für die Verdauung unserer Nahrung. Es steuert zum Beispiel mit, ob und wann wir übergewichtig werden, an Diabetes erkranken, bestimmte Medikamente vertragen und es ist ein wichtiger Schlüssel für das Auftreten von Autoimmunerkrankungen.

Darm gezielt beeinflussen

Mit prä- und probiotischen Produkten versuchen Experten die rund 100 Billionen Bakterien im menschlichen Darm positiv zu beeinflussen und Erkrankungen entgegen zu wirken. Die wohl bekanntesten probiotisch wirksamen Mikroorganismen sind Milchsäurebakterien. Nach der erfolgreichen Passage des Magens siedeln sie sich in der Darmflora an und sollen dort zu einer erhöhten Erregerabwehr oder einem besseren Stoffwechsel führen. Präbiotika hingegen enthalten unverdauliche Kohlenhydrate, die erst im Darm durch Bakterien aufgeschlossen werden müssen, um dort eine positive, wachstumsanregende Wirkung auf sich bereits im Darm enthaltende Mikroorganismen zu entfalten.

Anfang Februar haben sich knapp 230 internationale Mikrobiom-Experten in Berlin auf der Fachkonferenz Probiota getroffen und über die neuesten Ergebnisse von Prä- und Probiotika in den Bereichen Ernährung, Pharma und der gesundheitsfördernden Wirkung von Bakterien für Mensch und Tier diskutiert. Nach neun Jahren in Brüssel und den Niederlanden hatte die britische Veranstaltungsagentur William Reed die Konferenz im Jubiläumsjahr nun erstmals nach Berlin verlegt.

Lebensmittel an der Grenze zur Medizin

Mehr als 20 Sprecher hatten auf der dreitätigen Konferenz die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen zu präsentieren. Vor Ort waren unter anderem Vertreter der Nestlé Health Science, die im Jahr 2011 als Tochterfirma des Lebensmittelriesen Nestlé gegründet wurde. Jedes Jahr investiert das Unternehmen rund 1,5 Milliarden Schweizer Franken in die Erforschung von gesundheitsfördernden Lebensmitteln, die auch als Nutriceuticals oder Functional Food bezeichnet werden.

Bernard Berger, Senior-Wissenschaftler am Nestlé Research Center in Lausanne, unterstrich auf der Konferenz die schwierige Situation für Wirksamkeitsstudien medizinischer Lebensmittel. „Es ist sehr schwer, alle Umweltfaktoren zu berücksichtigen, die die Darmflora beeinflussen. Da gibt es viele Parameter, die man nicht kontrollieren kann. Das macht die Forschung kompliziert und sehr individuell“, erläuterte Berger. Die Kommerzialisierung von prä- oder probiotischen Therapieansätzen sei vor diesem Hintergrund nicht leicht. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Vermarktung. Seit 2006 gilt in Europa und damit auch in Deutschland die sogenannte Health-Claims-Verordnung. Prä- oder probiotische Produkte, die mit einer gesundheitsfördernden Wirkung werben, sind demnach zulassungspflichtig und unterliegen einer strengen Prüfung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Auf der Konferenz sprachen sich viele Teilnehmer für eine bessere Qualität der Forschung aus. „Es müssen bessere Protokolle entworfen und Dokumentationen auf klinischem Level erreicht werden“, sagte Birgit Michelsen, Technische Leiterin des dänischen Nutraceutical-Herstellers Bifodan. Der Druck der Pharmabranche habe die Prä- und Probiotikaforschung zwar vorangetrieben, es gebe jedoch keine klinischen Studien, in die Investoren ihr Geld platzieren könnten, so Michelsen.

Probiotika zur Behandlung von Frühchen

Über den Einfluss von Bifidobakterien und Lactobakterien auf zu früh geborene Säuglinge haben Wissenschaftler vom Norwich Forschungspark auf der Konferenz berichtet. Demnach ist der Darm von Frühchen, die jünger als 37 Wochen sind und per Kaiserschnitt geboren wurden, weniger ausgebildet und besitzt - im Gegensatz zu Babys, die regulär zur Welt kamen - keine gesundheitsfördernden Bifidobakterien. Oftmals leiden die Frühchen unter einer entzündlichen Erkrankung der Darmschleimhaut, nekrotisierende Enterokolitis (NEC), die zum Tod führen kann. In einer Studie mit insgesamt 2800 Stuhlproben von 382 Babys hatten die englischen Wissenschaftler über die ersten drei Lebensjahre untersucht, wie sich Bifidobakterien als probiotischer Zusatz auf die Gesundheit dieser Säuglinge auswirken. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass Bifidobakterien das Risiko für eine NEC mindern können. Aus Sicht der Forscher sind Probiotika dabei eine erfolgsversprechende Alternative, da es kaum zugelassene Medikamente für diesen Bereich gibt.

Prävention von entzündlichen Darmkrankheiten

Auf der Konferenz vertreten war auch die Berliner Organobalance GmbH. Die Biotech-Firma besitzt eine Stammsammlung aus mehreren Tausend Milchsäurebakterien und Hefen, die sie auf ihre probiotische Wirkung untersuchen. Auf der Konferenz hat das Unternehmen unter anderem erste Zwischenergebnisse aus der vom  BMBF geförderten Innovationsallianz GOBI (Good Bacteria and Bioactives in Industry) vorgestellt. An dem Konsortium sind auch die Unternehmen Evonik Nutrition & Care GmbH und Bionorica SE beteiligt. Gemeinsam untersuchen die Wissenschaftler Mikroorganismen und deren positive Wirkung zur Verwendung in der Tierernährung, der Gesundheits- und Pharmaindustrie. So gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich Milchsäurebakterien aus dem Firmenarchiv zur frühen Prävention von chronisch entzündlichen Darm-Krankheiten eignen könnten. "Langfristig wollen wir eine neue Generation alternativer biologischer Wirkstoffe für die gesunde Ernährung schaffen", sagte Christine Lang, Geschäftsführerin der Organobalance.

hm

 

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