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10.04.2017

Viel biobasierte Zukunft beim Branchentreff

Die Deutschen Biotechnologietage 2017 in Hannover haben mehr als 800 Teilnehmer angelockt. Die Bioökonomie zog sich bei dem Branchentreff als roter Faden durch das Programm.

Biotechnologietage 2017
Gut besuchter Branchentreff: Die Biotechnologietage 2017 in Hannover fanden im Convention Center der Messe statt.
Quelle: 
Sera Kurc und Constantin Falk

Die Deutschen Biotechnologietage haben sich hierzulande in den vergangenen Jahren als der wichtigste Treff für Unternehmer der Biotech-Branche etabliert. Ausgerichtet wird die zweitägige Konferenz vom Arbeitskreis der Bioregionen und dem Branchenverband BIO Deutschland – diesmal fungierte die BioRegioN aus Niedersachsen als Gastgeber und hatte in die Landeshauptstadt Hannover geladen. Mehr als 800 Teilnehmer waren am 5. und 6. April in das Convention Center der Messe gekommen, um sich über den aktuellen Stand der Branche auszutauschen und über neue Forschungstrends zu informieren.

Zu den politischen Gästen gehörte unter anderem Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der die Bedeutung der Biotechnologie vor allem im medizinischen Kontext unterstrich. Immer wieder Thema auf der Konferenz waren indes auch die Ergebnisse des Forschungsgipfels. Wohlwollend nahmen die Unternehmensvertreter zur Kenntnis, dass das Thema Biologisierung der Industrie offenbar derzeit auch auf höchster Ebene in der Bundesregierung angekommen ist. Oliver Schacht vom Diagnostik-Unternehmen Curetis rief die Branche dazu auf, sich engagiert für eine Verbesserung des Standorts Deutschland und seiner Rahmenbedingungen einzusetzen: "Wir können nicht immer nur meckern, sondern müssen klotzen statt kleckern."

Bilanz und Zukunft der Forschungsstrategie 

Das mit zahlreichen Podiumsdiskussionen und parallelen Sessions voll gepackte Programm beschäftigte sich mit der gesamten Bandbreite der Biotechnologie – von der Medizin bis zu nachhaltiger Chemie und Landwirtschaft. Ein Zeichen dafür, dass Biotech-Innovationen eine große Relevanz für die Bioökonomie haben. In einem Podium mit Experten aus Wirtschaft und Politik wurde unter anderem auf die  „Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie2030“ zurückgeblickt, die unter Federführung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) im Jahr 2010 initiiert wurde und mit insgesamt 2,4 Mrd. Euro Budget ausgestattet war.

Pünktlich zu den Biotechnologietagen hatte das BMBF nicht nur einen Rückblick auf zehn Jahre Mittelstandsförderung im Rahmen von "KMU-innovativ: Biotechnologie – BioChance" veröffentlicht, sondern auch eine Übersicht der bisher durchgeführten Maßnahmen der Forschungsstrategie vorgestellt (beide Broschüren können im Bestellservice des BMBF kostenfrei bestellt werden). Eine Evaluierung dieses Förderprogramms wurde ebenfalls abgeschlossen. Auf den Biotechnologietagen stellte das BMBF in einem eigenen Symposium erneut eine Auswahl geförderter Projekte vor – von Forschungsvorhaben zur biobasierten Chemikalien bis hin zu Technologien für neue Therapien. 

Biologisierung als Treiber einer industriellen Revolution

Eine politische Diskussion zur Bedeutung der Bioökonomie fand am zweiten Konferenztag auf der Bühne des großen Plenarsaals statt: In einem „Zwiegespräch zur Zukunft der Bioökonomie“ tauschten sich Steffi Ober von der zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende und Holger Zinke, Gründer des börsennotierten Biotechnologie-Unternehmens BRAIN AG, über die Rolle der Biologisierung für den Standort Deutschland aus. Zinke machte einmal mehr deutlich, dass die Explosion biologischen Wissens zum Treiber einer neuen industriellen Revolution geworden ist. „Die Bioökonomie ist kein possierliches Tierchen", betonte er. "Mit ihr eröffnet sich eine Riesenchance für unsere Volkswirtschaft. An diesem Thema wird sich zeigen, wie reformierbar unsere Gesellschaft ist.“

Forderung nach breitem gesellschaftspolitischen Diskurs

Während für Zinke der wirtschaftspolitische Aspekt im Vordergrund stand, machte sich Steffi Ober für eine größere Einbindung der Gesellschaft in den Diskurs stark. Ober, die auch für den NABU tätig ist, unterstrich, dass man mit Blick auf die ambitionierten Nachhaltigkeits- und Klimaziele der Bundesregierung nicht grundsätzlich gegen die Bioökonomie sein kann. „Aber diese Ökonomie muss man nachhaltig denken und gestalten", sagte sie auf dem Podium in Hannover. Hierfür sei jedoch das Thema biobasierte Wirtschaft in vielen politischen Köpfen und in einem großen Teil der Gesellschaft noch völlig unterrepräsentiert, kritisierte sie. Viele Nichtregierungsorganisationen seien zwar indirekt mit dem Thema beschäftigt, aber zu wenig offensiv genug.

Auch im Parlament in Berlin würde das Thema viel zu selten auf der Agenda stehen und von der Bundesregierung forderte Ober ein deutlich stärkeres gemeinsames Verständnis für die Bedeutung der Bioökonomie im Sinne einer nachhaltigen Gesellschaft. Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass man einen Innovationsdialog mit möglichst vielen Vertretern führen müsse. Der Bioökonomierat, ein Expertengremium, dem Zinke selbst angehört, tue sein Bestes, um der Gesellschaft Anstöße für diese Debatte zu liefern und die Bundesregierung bei der Weiterentwicklung ihrer Aktivitäten zu beraten, so Zinke. Gleichzeitig unterstrich der Unternehmer jedoch auch, dass man den Einfluss eines einzelnen Gremiums nicht überschätzen dürfe.

Gesunde und nachhaltige Lebensmittel 

Neben der großen Politik ging es in den vielen parallelen Sessions zwei Tage lang auch sehr fachlich zu. So tauschten sich die Experten unter anderem zu neuen Trends bei der Entwicklung gesunder und nachhaltiger Lebensmittel aus. Thomas Reiner von der dänischen Biotech-Firma Christian Hansen, die in Pohlheim einen deutschen Produktions- und Forschungsstandort betreibt, berichtete unter anderem vom Einsatz spezieller Mikroorganismenkulturen in der Fleischindustrie. „Wenn Lebensmitteln beispielsweise einen zu hohen Wert von Listerien aufweisen, können sie nicht verkauft werden“, so Reiner. Daher würden Fleischprodukte gezielt mit Mikroben beimpft, sodass sich erwünschte gegenüber unerwünschte Kulturen durchsetzen. „Mit unseren Kulturen tragen wir zur Qualitätssicherheit bei Lebensmitteln bei“, betonte Reiner. Darüber hinaus leiste man einen wichtigen Beitrag, dass weniger Lebensmittel im Müll landen. So würden allein in Deutschland jedes Jahr 29 Millionen Tonnen Joghurt weggeschmissen. Der wichtigste Grund: der Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. „Mit unseren Kulturen können wir dieses Datum um bis zu sieben Tagen verlängern“, sagte Reiner in Hannover.

Über aktuelle Entwicklungen in der Aromaforschung berichtete wiederum Jakob Ley von der Holzmindener Firma Symrise. Auf moderne Methoden der Biotechnologie könne man inzwischen kaum mehr verzichten – sei es bei der Züchtung von Pflanzen, der Auswahl und Aufreinigung von Extrakten sowie der Produktion oder dem Nachweis von Aromen. Nachhaltigkeit stehe dabei ganz oben auf der Agenda. Ley: „Inzwischen fragen die Kunden danach, wo unsere Produkte herkommen. Unser Ziel ist es, keinen Raubbau an der Natur zu betreiben.“ In der Erforschung neuer Aromen seien aktuell vor allem Zucker- und Salzalternativen gefragt. Zunehmend würde aber auch danach geforscht, was Aromastoffe neben dem Geschmack noch zu bieten haben. „Alles, was einen zusätzlich sättigenden Effekt hat, ist beispielsweise ebenfalls hochinteressant für die Lebensmittelindustrie“, so Ley. 

Potenzial der Genschere für Medizin und Landwirtschaft

Star der Biotechnologie-Szene weltweit ist die Genomschere CRISPR-Cas – das war auch in Hannover immer wieder offensichtlich. Im Eröffnungsvortrag der Konferenz sprach Rodger Novak vom Schweizer Unternehmen CRISPR Therapeutics, welche Potenziale sich mit dem neuen Werkzeug eröffnen und warum er für die Firmengründung im Jahr 2013 seine leitende Position beim Pharmakonzern Sanofi aufgab. Was damals mit fünf Mitarbeitern begann, ist heute eine börsennotierte Firma mit über 100 Mitarbeitern, die sich vor allem auf das medizinische Anwendungspotenzial der Technologie fokussiert. 

Mehrfach ging es bei den Biotechnologietagen aber auch darum, wie das molekulare Präzisionswerkzeug für die Züchtung neuer Nutzpflanzen eingesetzt werden kann. So betonte Michael Metzlaff von der Leverkusener Bayer AG, dass es heutzutage vor allem darum ginge, Pflanzen ressourceneffizient und fit gegen Schädlinge und Krankheiten zu machen. Er berichtete von der erfolgreichen Züchtung einer Rapssorte, deren reife Schoten nicht mehr verfrüht aufplatzen, ein bei den Landwirten gefürchtetes Phänomen. Die neuen Pflanzen tragen eine Mutation in einem Gen, das in der Schotenentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Seit 2015 ist der Raps in Kanada auf dem Markt. Jürgen Schweden von der Saatgutfirma KWS Saat machte in seinem Vortrag klar, dass Biotechnologie nicht nur in Form von Gentechnik bei der Pflanzenzüchtung routiniert eingesetzt wird. „Zellkulturverfahren, DNA-Diagnostik oder Bioinformatik sind aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken“, sagte Mertens.

Ausblick: Nächste Konferenz in der Hauptstadt

Um die Bedeutung der Biologisierung für Politik und Gesellschaft noch mehr herauszustreichen, sollen die nächsten Biotechnologietage im Jahr 2018 vom 18. bis 19. April in Berlin stattfinden. Erstmals soll die Konferenz dann gemeinsam von allen BioRegionen gemeinsam veranstaltet werden und noch mehr als bisher politische Vertreter aus Regierung und Parlament zum Ideenaustausch geladen werden. 

pg/sw

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