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09.09.2019

INSECTA mit Besucherrekord

Die Soldatenfliege im Mittelpunkt: Auf der ausgebuchten INSECTA in Potsdam diskutierten Fachleute, wie sich Insekten wirtschaftlich nutzen lassen.

Soldatenfliege
Die Soldatenfliege - insbesondere ihre Larven - ist zum Star der Insektenszene geworden.
Quelle: 
Pixabay

Die Fachkonferenz INSECTA wächst weiter. Mehr als 270 Teilnehmer aus 40 verschiedenen Ländern trafen sich am 5. und 6. September in Potsdam, um über Mehl- und Buffalowürmer, Grillen, Heuschrecken und Artgenossen zu sprechen. Die Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft treffen sich jährlich, um über die aktuellsten technischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, ökologischen und ethischen Entwicklungen bei der Produktion und Nutzung von Insekten als Futter- und Lebensmittel sowie für den Non-Food-Bereich zu diskutieren.

Diesmal im Fokus: die Aufzucht und Haltung von Insekten, regulatorische Hürden sowie Aspekte wie Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Die INSECTA wird seit 2015 vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) gemeinsam mit Pilot Pflanzenöltechnologie Magdeburg e.V. in wechselnden deutschen Städten organisiert.

Die Insektenindustrie wächst

Als Proteinquelle der Zukunft sind die Insekten zum Hoffnungsträger avanciert. „Der Hype um die Nutzung von Insekten hat um 2015 herum begonnen und seitdem nicht mehr aufgehört“, sagte der niederländische Forscher Arnold van Huis. Große Unternehmen wie Hermetia aus Deutschland, Proti-Farm aus den Niederlanden oder das französische Ynsect sind auf Wachstumskurs. Außerdem seien rund 270 neue Start-ups in den letzten Jahren weltweit entstanden. Sie wollen mit Insektenburgern, Energieriegeln und proteinreicher Pasta den Markt erobern.

Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht: Laut Van Huis soll die Insektenindustrie bis 2030 auf 8 Mrd. US-Dollar anwachsen und dazu beitragen, den Fleischkonsum und somit CO2-Emissionen und Landverbrauch zu reduzieren sowie eine proteinreiche Ernährung auch in ärmeren Ländern zu ermöglichen. Auch den heimischen Speiseplan können sie, so van Huis, bereichern: „Insekten enthalten mehr Antioxidantien als Orangensaft oder Olivenöl und Chitin, was das Immunsystem stärkt“, so der Insektenforscher.

Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Futtermittelindustrie. Hier könnten zum Beispiel die Insektenlarven der Schwarzen Soldatenfliege dazu beitragen, die umweltschädlichen Soja-Importe – von denen Europa derzeit noch rund 30 Millionen Tonnen bezieht – langfristig zu ersetzen. Ein Vorreiter in diesem Gebiet ist Katz Biotech. Das mittelständische Unternehmen konzentrierte sich lange vor allem auf Wespen und Fliegen für die biologische Schädlingsbekämpfung – seit einigen Jahren gibt es auch eine Zuchtanlage für die Soldatenfliege. Und die insgesamt rund 300 Tonnen Larven-Futtermehl, die Katz Biotech derzeit produziert, finden offenbar reißenden Absatz.

Unsicherheitsfaktor Gesetzgebung

Eine Herausforderung für den Sektor sind die regulatorischen Hürden und vor allem die Langsamkeit, mit der die notwendige Gesetze vorangetrieben werden. Dabei wird eine eindeutige Rechtsprechung für viele Investoren als Grundvoraussetzung für weitere Investitionen genannt.

Insekten als Bestandteil der menschlichen Nahrung tauchen erstmals in der EU Rechtsvorschrift über neuartige Lebensmittel (EU) 2015/2283 auf. Seit dem 1. Januar 2018 gelten sie als neuartige Lebensmittel und brauchen eine Zulassung. Damit die neue Verordnung nicht zu einem zwischenzeitlichen Verbot von Erzeugnissen führt, gilt nun eine Übergangsfrist von zwei Jahren für alle Produkte, die nach dem alten Recht von 1997 nicht als neuartig gelten. Bis Anfang 2019 sollten alle Anträge eingereicht werden; der Antrag für die Zulassung von Mehlwürmern liegt schon seit März 2018 bei der Europäischen Kommission – beziehungsweise bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) – eine Entscheidung wird demnächst und spätestens Anfang 2020 erwartet.

Auch im Futtermittelbereich geht es langsam voran. Bisher sind Insekten nur als Futter für Heimtiere und für Fische zugelassen – für Kühe, Schweine oder Geflügel gibt es noch keine Genehmigung. Eine politische Herausforderung hierbei ist, dass es zwar einen europäischen Dachverband gibt – die International Platform of Insects for Food and Feed (IPIFF) –, aber nicht in jedem europäischen Land einen Landesverband, der die Interessen der Unternehmen vertritt und vorantreibt. Laut Nicolas Carbonelle von Bird & Bird, der in Brüssel die Rechtslage seit Jahren beobachtet, ist die Situation „weit davon entfernt, einfach zu sein“, obwohl sich „in den letzten zwei Jahren viel getan hat.“

Knackpunkt Wirtschaftlichkeit

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Wirtschaftlichkeit. Während es schon einige Studien zu den Nachhaltigkeits- und Gesundheitsvorteilen gibt, wird der wirtschaftliche Erfolg auch davon abhängen, ob die Insektenprodukte beim Konsumenten ankommen und ob sich der Markt für Tierfutter erschließen lässt. Hier gilt es noch einige Hürden zu überwinden: durch steigende Produktion könnten Preise reduziert werden und die Wettbewerbsfähigkeit steigen – dazu bedarf es aber an Investitionen und Rechtssicherheit. Die Aufzucht von Insekten ist umweltfreundlich und ökonomisch sinnvoll, wenn Abfälle, also zum Beispiel Nebenprodukte aus Lieferketten für Getreide, Obst, Gemüse sowie lokalen Lebensmittelverarbeiten verfüttert werden können. Bisher ist dies noch nicht erlaubt – hier wird eine Entscheidung ab Anfang 2020 erwartet.

Wenn sich die INSECTA-Experten 2020 wieder zusammenfinden, werden auf europäischer Ebene viele Weichen neu gestellt sein. Bleibt abzuwarten, ob der Sektor sein dynamisches Wachstum fortsetzen kann – an Gesprächsstoff wird es den Experten jedenfalls nicht mangeln.

lg

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