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18.05.2017

Halle: Biobasierte Kreisläufe im Fokus

Wie können Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam die Bioökonomie vorantreiben? Darüber wurde auf der „International Bioeconomy Conference“ in Halle diskutiert. 

Die International Bioeconomy Conference 2017 mit rund 160 Teilnehmern fand in den Räumen der Leopoldina in Halle statt.
Quelle: 
Michael Deutsch

Bereits zum sechsten Mal fand in Halle an der Saale die „International Bioeconomy Conference“ statt. Ausgerichtet wird die Konferenz vom WissenschaftsCampus pflanzenbasierte Bioökonomie und dem Spitzencluster BioEconomy, dieses Jahr zusammen mit dem Partnerland Frankreich. Die Veranstaltung vom 10. und 11. Mai fand in den ehrwürdigen Hallen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina statt, mehr als 160 Besucher folgten der Einladung der Bioökonomie-Experten aus Mitteldeutschland. Das Ziel: insbesondere relevante wissenschaftliche Durchbrüche in Land- und Forstwirtschaft in Richtung Anwendung bringen.

Klaus Pillen vom WissenschaftsCampus Halle sowie Horst Mosler, Geschäftsführer der BCM BioEconomy Cluster Management GmbH, zeigten sich erfreut von der Resonanz, vor allem seitens der Wirtschaft. So hatten sich deutlich mehr mittelständische Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr zur Konferenz angemeldet.  „Dabei hat vor allem das Vernetzungsdinner am ersten Konferenztag im MoritzKunstCafé unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen“, so Mosler.

Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft zusammenbringen

Das Programm startete zunächst politisch. Auf den Hausherrn, Leopoldina-Präsident Jörg Hacker, folgte mit Christian Patermann als Redner ein langjähriger Kenner der europäischen Bioökonomie-Politik. Patermann hatte einst in seiner Funktion als Direktor bei der EU-Kommission das Konzept der „wissensbasierten Bioökonomie“ in Brüssel auf die Agenda gebracht. Er betonte, dass es nicht im Sinne der Bioökonomie sei, schlicht überall nachwachsende statt fossiler Rohstoffe in der Industrie einzusetzen. Kern der Bioökonomie sei auch nicht die "gern zitierte Biomasse", es gehe vielmehr um biobasierte Ansätze mit verschiedenen Rohstoffquellen und Verfahrenswegen und um eine sinnvolle Nutzung in der Industrie. Ein nachhaltiger bioökonomischer Kreislauf ist für ihn vor allem dann möglich, wenn ein deutlicher Mehrwert für den Verbraucher erkennbar sei, so Patermann. Auf politischer Ebene, so berichtete er, ginge es derzeit vor allem darum, die Konzepte der Bioökonomie und der "Circular Economy" zu verknüpfen. Dies würde vor allem von den Finnen in Brüssel vorangetrieben.

Von Geschmacksverstärkern, Pflanzen und Hölzern

In den Präsentationen hielten sich Themen aus Wissenschaft und Industrie die Waage. Insgesamt führten an beiden Veranstaltungstagen 24 Referenten und sieben Chairmen aus ganz Europa durch die Sessions. Dabei ging es unter anderem um biobasierte Geschmacksverstärker, Fortschritte in der Getreidezüchtung, den Beitrag der Holzwirtschaft für die Bioökonomie sowie die Gewinnung pflanzenbasierter Öle. Die Hauptvorträge der jeweiligen Themenblöcke wurden von den geladenen französischen Experten gehalten. Dabei wurde jeweils deutlich, wie weit die Forschung bereits biobasierte Produktionswege entschlüsselt und ermöglicht hat.

So stellte Monika Spiller vom Schweizer Saatgut-Konzern Syngenta neue Gerstesorten vor, die mittels Hybridzüchtung entstanden sind. Auch nach der Übernahme durch ChemChina wollen die Basler an ihrem Konzept der Hybridzüchtung festhalten. „Die hybridisierten Gerstesorten haben ihr Versprechen gehalten und einen wesentlich höheren Ertrag eingebracht“, sagte Spiller. Aus ihrer Sicht könnte damit ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen Hungersnöten weltweit geleistet werden, doch nicht überall dürfen diese speziellen Sorten angebaut werden.

Wie Genomforschung den Züchtern nützt

Die Gerste wurde auch im Vortrag von Nils Stein vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben (IPK) thematisiert. Sein Team war maßgeblich an der Sequenzierung des Gerstegenoms beteiligt, erst kürzlich berichteten die Forscher im Fachblatt „Nature“ über ihre Errungenschaften. Dank immer detaillierterer Genominformationen und mittels Hybridzüchtung könnten so zahlreiche neue Gerstesorten entstehen, die mehr Ertrag bringen und resistent gegen Pflanzenkrankheiten und Schädlinge sind.

Der Spitzencluster BioEconomy hat insbesondere Holz als Rohstoff für die biobasierte Wirtschaft ins Visier genommen. Deshalb war der Holzwirtschaft auch ein eigener Themenblock gewidmet. Veronika Auer von der University of Applied Sciences Rosenheim wies hier auf die vielen unterschiedlichen Interessen der Industriepartner hin. Denn verschiedene Hölzer würden für verschiedene Anwendungsgebiete verwendet, was beim Anbau und Aufforsten der Wälder durchaus zu Konflikten führen könne.

Quelle: 
bioökonomie.de/jmr

Nils Stein erklärte dem Publikum, wie er und sein Team das Gerstengenom entschlüsselt haben.

Fensterrahmen mit Buchenholz verstärkt

Bekräftigt wurde hingegen von vielen Experten, dass es in Zukunft zahlreiche neue Einsatzmöglichkeiten für Buchenholz in der biobasierten Industrie geben wird. Bisher ist dieses relativ harte und stabile Laubholz als Industrierohstoff noch nicht sehr weit verbreitet. Christian Fischer arbeitet mit seinem Team der Schüco Polymer Technologies KG bereits an einer Verwendung von Buchenholz als Verstärkungsmaterial in Fenster- und Türrahmen und anderen Produkten der Polymer- und Verpackungsindustrie.

Wachsende Bedeutung von Sensorik und Bioinformatik 

Udo Seiffert vom Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) beschrieb die Bedeutung der neuen Prozessorleistungen für die biobasierte Wirtschaft. So könnten immer bessere Sensoren und Frühwarnsysteme vor Schädlingen für die Landwirtschaft entwickelt werden.

Über die immer stärkere Verzahnung von Bioinformatik und biologischer Grundlagenforschung sprach Ivo Große von der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg. Der Bioinformatiker erläuterte das enorme Wachstum von Prozessorleistung im Rahmen der Datenanalysen – doch auch, wenn bald verschiedenste Genome innerhalb kürzester Zeit sequenziert werden könnten, dürfte dennoch die menschliche Auswertung der Daten nicht vernachlässigt werden.

Insgesamt wurde auf der Konferenz in Halle deutlich, wie vielfältig und weitreichend mittlerweile der Einfluss der Bioökonomie regional und international ist. Das französische Unternehmen Global Bioenergies eröffnete zeitgleich in Leuna die neue Isobuten-Anlage.

Auch 2018 ist wieder eine „International Bioeconomy Conference“ geplant: Dann werden sich die Bioökonomie-Experten am 6. und 7. Juni in Halle wiedersehen.

jmr

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