Newsletter

Link versenden

Saatgut als Gemeingut

Stefanie
Sievers-Glotzbach

Beruf
promovierte Umweltwissenschaftlerin

Position
Juniorprofessorin am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik der Universität Oldenburg

Stefanie Sievers-Glotzbach
Quelle: 
Universität Oldenburg

Die Umweltwissenschaftlerin Stefanie Sievers-Glotzbach erforscht an der Universität Oldenburg, wie die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft gelingen kann.

Modernes Hochleistungssaatgut hat in den vergangenen Jahrzehnten die landwirtschaftlichen Erträge enorm gesteigert. Gleichzeitig hat es zu einer starken Verarmung der Sorten geführt und bietet meist keine Lösungen für ökologische Anbausysteme, kleinbäuerliche Strukturen und weniger fruchtbare Böden – die aber einen großen Teil der weltweiten Anbauflächen ausmachen. Die Umweltwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin Stefanie Sievers-Glotzbach untersucht deshalb, ob eine Gemeingüterorientierung im Saatgutsektor diese Probleme besser lösen könnte, und wie der Weg dorthin aussehen müsste. Eine Gemeingüterorientierung bedeutet konkret, dass Sorten für die Weiterzüchtung und Vermehrung offengehalten werden – also kein Sortenschutz und keine Hybridzüchtung.

Schon in ihrer Jugend haben praktische Umweltfragen und der Klimaschutz Stefanie Sievers-Glotzbach bewegt. Als Mitglied der Naturschutzorganisation BUND engagierte sie sich politisch, war in der Umweltbildung aktiv, wirkte bei der Organisation großer Kongresse mit. Dabei merkte sie: „Die ganzen Fragen haben mich auch auf einer wissenschaftlichen Ebene interessiert.“ Das Studium der Umweltwissenschaften an der Universität Lüneburg lag da nahe.

Nicht im Kämmerlein forschen

Wichtig war der jungen Frau von Anfang an, nicht Forschung im Kämmerlein zu betreiben, sondern damit Dinge zu erzielen, die wichtig sind. Schnell stellt sie fest: „Die Wissenschaft liegt mir mehr als die Arbeit in einer NGO, wo die Arbeit inhaltlich oberflächlicher stattfinden muss.“ Ihr Doktorvater Stefan Baumgärtner lenkt schließlich ihre Aufmerksamkeit auf Wirtschaftsfragen. „Ich habe schnell gemerkt, wie stark die Wirtschaft unser ganzes System bestimmt“, schildert Sievers-Glotzbach. Von der Umweltwissenschaft verschiebt sie ihren Fokus Richtung Nachhaltigkeitsforschung.

In ihrer Promotion befasst die junge Wissenschaftlerin sich damit, wie sich in der Landwirtschaft Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit verankern lassen. Sind globale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit in der Umweltnutzung (un)vereinbar, wie können Nutzungskonflikte aufgelöst werden? Sievers-Glotzbach entwirft Modelle, deren Ziele sich – anders als in der industriellen Landwirtschaft heute üblich – nicht an maximaler Effizienz, sondern an Gerechtigkeit orientieren. 2013 wird sie mit dem „Leuphana Nachwuchspreis Forschung“ der Universität gewürdigt und für den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung nominiert.

Geprägt wird Sievers-Glotzbach in dieser Zeit von zahlreichen Forschern aus dem Bereich der ökologischen Ökonomik und sozial-ökologischen Forschung, insbesondere dem Landschaftsökologen Jörn Fischer. „Er arbeitet transdisziplinär und kommuniziert seine Forschung gut nach außen“, lobt sie den bloggenden Professor. „Viele Forscher machen zwar Politikberatung, wirken aber wenig in der Praxis“, findet sie.

Nachwuchsforschungsgruppe „RightSeeds“

An der Universität Oldenburg beginnt sie zunächst als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, koordiniert dort den Studiengang „Sustainability, Economics and Management“, die Forschung tritt etwas in den Hintergrund. Schließlich wird sie Juniorprofessorin für das Fachgebiet „Ökonomie der Gemeingüter“ und leitet seit Oktober 2016 die BMBF-Nachwuchsforschungsgruppe „RightSeeds“.

Interdisziplinäres Forschen und eine gute Öffentlichkeitsarbeit sind der 34-Jährigen auch bei ihrer heutigen Arbeit wichtig. „Wissenschaftskommunikation ist in den Weiterbildungen für Gruppenleiter erst nach drei oder vier Jahren dran“, bedauert Sievers-Glotzbach. Die Zeit dafür ist knapp, denn als Juniorprofessorin muss sie Ergebnisse in der Lehre und Publikationen nachweisen – weit früher, als das im Forschungsprojekt „RightSeeds“ selbst gefordert ist.

Saatgut vor Vereinnahmung schützen

Darin beschäftigen die Wissenschaftlerinnen sich mit Gemüse und Getreide. Der Zugang zu Saatgut wird nämlich durch Sortenschutz und Patentrecht stark privatisiert. „Das macht es den Konzernen leichter, ist aber ein Problem in Entwicklungsländern und im Ökoanbau“, erläutert Sievers-Glotzbach und findet: „Wir müssen das Saatgut vor der Vereinnahmung durch Konzerne schützen.“ Sie möchte untersuchen, wie gemeingüterbasierte Sortenzüchtung und Saatgutproduktion den Pflanzenbau sozial und ökologisch verändern können. Schließlich war Saatgut noch bis vor gut einhundert Jahren ein Gemeingut, das zwischen Bauern getauscht wurde.

„Können Gemeingutansätze als zweiter Pfad existieren?“, fragt die Forscherin. Einzelne Beispiele dafür gibt es. „Wie holen wir den Ansatz aus der Nische raus? Und wie wird die Züchtung dann finanziert?“ Eine mögliche Antwort: Aus dem Verkaufspreis im Geschäft fließen ein paar Cent an den Züchter zurück.

Ähnliches beschäftigt Sievers-Glotzbach im Projekt „EGON“, in dem es um ökologische Apfelzüchtung in gemeingutorientierten Initiativen geht. Zwar erfolgt die Obstzüchtung in Deutschland weniger durch Konzerne, sondern vor allem im Julius-Kühn-Institut. Doch auch das konzentriert sich auf Sorten mit den größten Umsatzchancen. „Die modernen Apfelsorten stammen von wenigen Stammeltern und sind so genetisch sehr ähnlich“, kritisiert die Nachhaltigkeitsforscherin. Erhöhte Anfälligkeit gegen Krankheiten und weniger Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel sind nur zwei der Nachteile.

Auswirkungen aufs Privatleben

Sievers-Glotzbachs Arbeit wirkt sich auch auf ihr Privatleben aus. „Ich kaufe schon lange bewusst ‚bio‘, aber jetzt achte ich noch mehr darauf, Bioland oder Demeter zu kaufen, weil die einen höheren Standard bei der Sortenauswahl haben.“ Je mehr sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftige, desto mehr denke sie nach, wie sie für sich, ihren Mann und ihre Tochter einkaufe.

Zeit für ihre Familie findet die junge Mutter neben der Arbeit vor allem dadurch, dass sie ihre Zeit recht frei einteilen kann. Gemeinsam kümmern die Drei sich um eine eigene Streuobstwiese.

Tipps für angehende Akademiker

Angehenden Akademikern rät sie, sich früh die Schnittstelle oder Nische zu überlegen, wo sie arbeiten wollen. Die Promotion sollte ein Herzensthema behandeln. „Sonst funktioniert das nicht“, glaubt Sievers-Glotzbach. „Und unbedingt kumulativ promovieren, in Artikeln denken, keine Monografie schreiben.“ Vor allem sollte die Promotion dazu dienen, sich das methodische Handwerkszeug anzueignen: „In neue Themen kann man sich später gut einarbeiten, aber die Methoden sollte man beherrschen und kann sie dann übertragen.“ Außerdem sollten Doktoranden früh an ihrem Netzwerk arbeiten, ruhig schon im ersten Jahr Tagungen besuchen. Aus eigener Erfahrung weiß die Jungforscherin: „Man bekommt dort viel mit und erhält gutes Feedback.“

Autor: Björn Lohmann

Back to top of page