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Der Biosystemtechniker

Fred
Lisdat

Beruf
Promovierter und habilitierter Chemiker

Position
Professor für Biosystemtechnik an der Technischen Hochschule Wildau (Brandenburg)

Fred Lisdat
Quelle: 
TH Wildau

Der Chemiker Fred Lisdat forscht an der TH Wildau südlich von Berlin daran, technische und biologische Systeme zu verbinden – vom Blutzuckersensor bis zum Produktionssystem für Spezialchemikalien.

Es ist ein typischer Montagmorgen, so manches Gesicht im Hörsaal der Technischen Hochschule Wildau wirkt noch etwas müde. Einer aber ist munter und erläutert geduldig die Zusammenhänge der Biochemie und Bioanalytik. „Es macht mir Spaß, etwas zu erklären – und auch, es noch mal zu erklären“, sagt Fred Lisdat. Der 54-Jährige ist an der Campushochschule südlich von Berlin Professor für Biosystemtechnik. Er liebt die Forschung, aber eben auch die Lehre. Letztere war einer der Gründe, weshalb Lisdat sich seinerzeit für eine akademische Karriere entschieden hat, einen Lebensweg, der noch zu Beginn seines Studiums keineswegs so geplant war.

Wahl zwischen Geschichte, Kunst und Chemie

„Zum Ende der Schulzeit waren meine Lieblingsfächer Geschichte, Kunst und Chemie“, erinnert sich Lisdat. Es war eine Zeit, in der man nicht so einfach wie heute das Studienfach oder gar den Beruf wechselte, also musste eine Entscheidung her. Ausschlaggebend seien die Chancen am Arbeitsmarkt gewesen: „Ich habe mich für Chemie entschieden, weil es damit viele Berufsfelder gibt.“ Gerne hätte er mal ein Jahr pausiert und Geschichte studiert, „aber dann hätte ich den Studienplatz aufgeben und mich wieder neu bewerben müssen“.

Das Studium der Chemie an der Humboldt-Universität in Berlin öffnet dem jungen Mann die Augen für die Reize der Forschung: „In Lehrbüchern wirkt alles immer so klar und übersichtlich. Aber dann gewinnt man eigene Eindrücke und erlebt die Faszination, was alles noch nicht klar ist.“ Man stellt fest, wie viel noch zu entdecken und zu verstehen ist. „Während der Doktorarbeit habe ich gemerkt, dass das für mich das Richtige ist, das mich interessiert und zu mir passt.“

Fremde Kulturen als persönliche Bereicherung

Als Postdoc an der Kyushu-Universität in Japan sammelt Lisdat 1993 zwei wichtige Erfahrungen: Zum einen arbeitet der Chemiker erstmals „in der Biowelt“. Er forscht daran, technische Systeme und biologische System für Sensoren zusammenzuführen – etwas, das ihn bis in die Gegenwart begleiten wird. Zum anderen schätzt er die kulturelle Erfahrung. „Ich ermutige alle meine Studenten, so etwas zu machen, weil man dabei fürs Leben lernt.“ Er selbst reist heute noch gern, um „Hintergründe für Kultur, Religion und Verhalten der Menschen in anderen Ländern zu erkunden und verstehen zu lernen“.

Zurück in Berlin arbeitet Lisdat zunächst am Institut für Technologie und Umweltschutz (INTUS e.V.), wechselt aber bald an die Universität Potsdam ins Institut für Biologie und Biochemie. „Das war ein Institut mit vielen angewandten Forschungsthemen“, erinnert sich der Wissenschaftler an seine Forschung im Bereich Analytische Biochemie. Dort trifft er auf Frieder Scheller, einen der Väter der deutschen Biosensorik und seinen späteren Mentor. Noch zu DDR-Zeiten entwickelte Scheller in Kooperation mit der Firma Eppendorf praktische Geräte zur Glukosemessung, die beispielsweise Diabetespatienten das Leben erleichtern sollten. „In diese Richtung wollte ich auch“, schildert Lisdat seine damalige Erkenntnis, „aber da hatte ich noch einiges dazuzulernen an bioelektrischen Zusammenhängen“. Scheller ermutigt ihn schließlich zur Habilitation – und Lisdat entscheidet sich endgültig für die akademische Karriere. 2004 wird er Professor.

„Von Frieder Scheller habe ich viel für meine eigene Entwicklung gelernt. Er war immer bereit zur Interaktion mit anderen und stark darin Netzwerke aufzubauen“, berichtet Lisdat. „Er hat auch den Kontakt mit Firmen nicht gescheut und hier in der Region viel erreicht.“ Eines der Ergebnisse ist das „DiagnosticNet Berlin-Brandenburg“, in dessen Beirat heute auch Lisdat wirkt.

Freiheit der akademischen Forschung

Trotzdem zieht es ihn selbst nicht in die Industrie: „In der akademischen Forschung gibt es ein paar Freiheiten mehr“, findet der Chemiker. „Es ist zwar immer schön, wenn man sieht, dass es für etwas eine Anwendung gibt – wenn man es hinbekommt.“ Für manche Mitarbeiter sei die Kommerzialisierbarkeit auch durchaus motivierend. „Aber ich stelle bei der Forschung immer wieder fest, dass es noch viele Grundlagenfragen gibt, die nicht verstanden sind.“ Die seien wichtig, um andere Forschungsaufgaben besser umsetzen zu können. „Es ist schön, wenn man gute Tools zur Hand hat. Solche Dinge zu entwickeln, reizt mich am meisten.“

Besonders schätzt Lisdat Fördermaßnahmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). „Es ist zwar schön, durch eine Firma einen Mitarbeiter finanziert zu bekommen, aber für eine Forschungsgruppe ist es auch wichtig, Publikationen zu veröffentlichen und an Tagungen teilzunehmen.“ Das gelinge bei den BMBF-Programmen besser.

Chemie nach dem Vorbild Pflanze

Im Rahmen der Initiative „Biotechnologie 2020+“, in der es im die nächste Generation biotechnologischer Verfahren geht, hat sein Team gerade die erste Förderphase abgeschlossen: Im Tandemprojekt „Nutzung von Sonnenenergie für die Bioelektrokatalyse – Entwicklung von Photobioelektrodenstrukturen“ geht es darum, gemeinsam mit Partnern der HU Berlin auf einer Elektrode geeignete Proteinkomplexe zu verankern, die Licht einfangen, Elektronen transportieren und über diesen Weg Enzyme aktivieren.

Mit Sonnenlicht als Energiequelle sollen so in biohybriden Systemen Spezialchemikalien synthetisiert werden – ganz nach dem Vorbild der natürlichen Photosynthese in Pflanzen. Dazu müssen die Forscher die molekularen Strukturen aufklären, es schaffen, die Moleküle in großer Menge aufzureinigen und deren Funktion zu verstehen und schließlich mit diesem Wissen die Moleküle auf Elektroden funktionell zu immobilisieren. Nicht zuletzt möchte der Chemiker mit Blick auf spätere Anwendungen wissen: „Kann man mit solchen Systemen einen interessanten Grad an Effektivität erreichen?“

Ein weiteres der vielen Themen, mit denen Lisdat sich beschäftigt, ist die Biobrennstoffzelle. „Nicht als Energiequelle der Zukunft, sondern um mit der körpereigenen Energie Sensoren anzutreiben“, beschreibt er das Potenzial unter anderem für die Diabetestherapie. „Die Knopfzelle ist heute bei Sensoren das schwerste Teil, und der Kontakt zum Körper ist eh nötig. Warum nicht direkt dessen Energie nutzen?“ Erst recht, wo der Strombedarf moderner Sensoren stark gesunken ist. „Man kann heute Dinge machen, die vor 20 Jahren nicht möglich waren“, sagt Lisdat. Inzwischen gebe es zwar mehr Konkurrenz in diesem Bereich, „aber durch Erfahrungsaustausch kann man voneinander für die eigenen Fragestellungen lernen“.

Freude an der Lehre

Und dann befasst sich der Professor natürlich weiter mit der Lehre in dem Studiengang, den er mit aufgebaut hat – Biosystemtechnik und Bioinformatik. „Es macht Spaß, vom Konzept bis zur Umsetzung – und bei der Nachjustierung – mit dabei zu sein“, freut sich der 54-Jährige. Manchmal sei es zwar schwierig, die Studenten durch einen komplexen Stoff hindurch zu motivieren. „Aber wenn Absolventen später zurückkehren und freudig erzählen, dann ist das schon eine Bestätigung.“

Autor: Björn Lohmann

 

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