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Bioökonomie-Politik im Blick

Michael
Böcher

Beruf    
Politikwissenschaftler

Position
Professor und Leiter des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

 

Michael Böcher, Leiter des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Quelle: 
Harald Krieg, Universität Magdeburg

Der Politikwissenschaftler Michael Böcher untersucht an der Universität Magdeburg, wie bioökonomische Prozesse politisch gesteuert werden und zeigt als Berater mögliche Wege auf.

In der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie „Perspektiven für Deutschland“ hat die Bundesregierung bereits 2002 thematisiert, dass für eine nachhaltige Entwicklung Ökologie und Ökonomie in einem ausgewogenen Verhältnis stehen müssen. Seither ist der Weg hin zu einer biobasierten Wirtschaft auch holprig verlaufen und die Wirkungen keinesfalls unumstritten. Die Tank-Teller-Debatte, die mit der Erzeugung neuer Biokraftstoffe aufkam, ist ein Beispiel dafür, wie bioökonomische Prozesse Konflikte hervorrufen, aber auch zu nachhaltigen Lösungen führen können. „Man kann aus den Misserfolgen lernen. Das Spannende ist dann herauszufinden, unter welchen politischen Bedingungen sich nachhaltige Lösungen verwirklichen lassen“, sagt Michael Böcher.

Nachhaltigkeitspolitik analysieren

Der aus Hessen stammende Politologe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Prozesse der Nachhaltigkeitspolitik zu analysieren und Optionen zu identifizieren, wie Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie dabei vermieden werden können. Seit November 2016 leitet er den Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Dafür pendelt der zweifache Familienvater regelmäßig zwischen seinem Heimatort Lahnau und der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt hin und her. „Ich sehe es als meine Aufgabe an, unvoreingenommen politische Prozesse der Nachhaltigkeit wissenschaftlich zu untersuchen. Ich will besonders deutlich machen, dass Nachhaltigkeit sich nicht von sich aus verwirklicht. Sie ist ein gesellschaftlich umstrittenes Thema, das durch politische Entscheidungen geprägt wird“, sagt Böcher.

Politische Instrumente schaffen

Seine jahrelangen Erfahrungen auf dem Feld der Umweltpolitikforschung haben Böcher eines gelehrt: Die Politik muss wirksame Instrumente schaffen, damit Nachhaltigkeit zum Erfolg wird. Seit Beendigung seines Studiums der Politikwissenschaft in Marburg von 1991 bis 1997 arbeitet er auch als Politikberater. Sein Studium war dafür ausschlaggebend, dass er sich schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der Umweltpolitikforschung engagiert, sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. An der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie der Universität Göttingen, wo er 2008 promovierte, war er bis 2015 als Wissenschaftler tätig. Anschließend zog es ihn für etwas mehr als ein Jahr an die Fernuniversität in Hagen, bis er 2016 den Ruf auf eine Professur an die Universität Magdeburg erhielt.

Berater für die Politik

Über all die Jahre ist Böcher seiner Beratertätigkeit treu geblieben. Bis heute berät er Behörden wie das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau und Institutionen wie das Österreichische Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Wien. Sein erster Beratungsauftrag als frisch gebackener Politologe kam damals vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Er sollte untersuchten, warum der erste Anlauf zur Entwicklung einer deutschen Nachhaltigkeitsstrategie in den 1990er Jahren nur wenig Erfolg hatte . Die Gründe, so erinnert sich Böcher, waren damals vielfältig: „Beim Naturschutz ist es daran gescheitert, dass sich die Akteure nicht auf gemeinsame Nachhaltigkeitsziele einigen konnten, die Landwirtschaft nur wenige Kompromisse eingehen wollte und das Bundesumweltministerium damals den Prozess nur sehr schwach steuerte. Meines Erachtens war das damals reine politische Symbolik.“

Veränderung in kleinen Schritten

Als Professor und wissenschaftlicher Politikberater sind politische Fehler der Vergangenheit für Böcher wichtige Anhaltspunkte für seine weitere Arbeit. Dabei bleibt er Realist und weiß, dass sein Einfluss auf politische Entscheidungen, wie er sagt, „eher gering ist und Veränderungen in der häufig auf kurzfristigen machtpolitischen Erwägungen basierenden Politik, wenn überhaupt, nur in kleinen Schritten vorangehen“. Böcher sieht seine Aufgabe darin, den Auftraggebern bestimmte Optionen aufzuzeigen, die aus wissenschaftlicher Sicht möglich sind. Dass seine Vorschläge mitunter auch ins Leere laufen, kann den Politologen nicht entmutigen.

Das will Böcher als Leiter des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung auch weitertragen. „Die Studierenden sollen solide, wissenschaftlich basierte Erkenntnisse gewinnen, wie Politik mit Nachhaltigkeit umgeht, welche Akteure und Institutionen welchen Einfluss ausüben, wie die Politik in dem Bereich funktioniert und was die Ansatzpunkte für die Wissenschaft sind, um die Politik in diesem Feld beraten zu können“.

Verbundprojekt nimmt aktuelle Bioökonomie-Politik ins Visier

Im Rahmen des aktuell laufenden Verbundprojektes „Politische Prozesse der Bioökonomie zwischen Ökonomie und Ökologie – „Bio-Ökopoli“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, nimmt Böcher mit Partnern der Fernuniversität Hagen die Nachhaltigkeitspolitik der Bundesregierung derzeit hinsichtlich des Themas Bioökonomie unter die Lupe. Dabei geht es aber nicht nur um regionale und nationale Entwicklungen, sondern auch um die Frage, wie europaweit bioökonomische Prozesse politisch gesteuert werden können, damit Konflikte zwischen Wirtschaft und Ökologie politisch entschärft oder gelöst werden.

Handlungsoptionen erarbeiten

Der Fokus liegt dabei auf den Bereichen Biokunststoffe, Biotreibstoffe und Bioenergie. „Wir wollen herausfinden, ob die propagierten Versprechungen der Bioökonomie, Produkte mit nachwachsenden Rohstoffen zu ersetzen, politisch zu Konflikten führen und abschätzen, zu welchen ökologischen Wirkungen diese neuen Lösungen führen können“, erläutert der Politologe. Im Ergebnis will das Team Mechanismen politischer Prozesse identifizieren und Handlungsoptionen für die Bioökonomiepolitik formulieren.

Aus schlechten Erfahrungen lernen

Ob die Handlungsempfehlungen des Bio-Ökopoli-Teams bei der Politik auf offene Ohren stoßen werden, wird die Zukunft zeigen. Was die Nachhaltigkeitspolitik generell angeht, bleibt Böcher Optimist: „Wenn es auf internationaler Ebene stockt, müsse man auf regionaler Ebene aktiv werden. Viele empirische Beispiele zeigen, dass solche  „polyzentrischen Lösungen“  durchaus einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten können.“ Doch, so Böcher,  entstehen diese nicht selten erst aus der Not heraus. „Meist lernen wir aus schlechten Erfahrungen. Erst wenn man mit den konkreten Auswirkungen des eigenen Handelns konfrontiert wird wie etwa bei Hochwasserereignissen oder jetzt beim Bienensterben, passt man sich an, weil da bestimmte Punkte der Wahrnehmung von ökologischen Wirkungen überschritten sind“.

Autorin: Beatrix Boldt

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