Ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit

Ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit

Internationale Forschende fordern ein neues Modell nachhaltiger Entwicklung, das Natur, Wirtschaft und Gesellschaft als eng verknüpftes System betrachtet und Werte, Governance sowie Resilienz in Einklang bringt.

Modell Nachhaltigkeit mit vernetzten Ebenen von Natur, Wirtschaft und Gesellschaft.
Das neue Modell nachhaltiger Entwicklung zeigt Natur, Wirtschaft und Gesellschaft als eng vernetzte Ebenen, deren Zusammenspiel für echte Nachhaltigkeit entscheidend ist.

Natur, Gesellschaft und Wirtschaft als vernetztes System

Ein internationales Team um Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung fordert ein radikal überarbeitetes Konzept, das Natur, Wirtschaft und Gesellschaft nicht länger als getrennte Bereiche betrachtet. Bisher basierte die Nachhaltigkeitspolitik auf einem Drei-Säulen-Modell, das ökonomisches Wachstum, gesellschaftliches Wohlergehen und Umweltbelange isoliert behandelt. Angesichts der drängenden Krisen durch Klimawandel, Artenverlust und soziale Ungleichheit zeigt sich jedoch, dass dieses Modell an seine Grenzen stößt.

In ihrem Artikel in Nature Communications Sustainability präsentieren die Forschenden ein neues, dynamisches Modell. Die Natur bildet demnach die Grundlage, auf der die Wirtschaft aufbaut, die wiederum der Gesellschaft Vorteile verschafft. Gleichzeitig bestimmen gesellschaftliche Werte und Governance-Strukturen, wie wirtschaftliche Aktivitäten die Umwelt beeinflussen. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Natur, Wirtschaft und Gesellschaft getrennte Bereiche sind“, betont Dr. David Obura, Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrates IPBES. "Unser Modell betrachtet sie als miteinander verbundene Ebenen eines integrierten Systems“. Das Modell erlaubt es, Flüsse von ökologischen Vorteilen durch Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar zu machen und Entscheidungen auf allen Ebenen nachvollziehbar zu gestalten.

Vier Schlüssel für eine systemische Transformation

Das neue Modell zeigt, dass heutige Nachhaltigkeitsprobleme nicht allein auf Marktversagen zurückzuführen sind, sondern auf tief verwurzelten Werteversäumnissen. Wirtschaftliche Kurzsichtigkeit hat zentrale Werte wie Fürsorge, gegenseitige Verantwortung und Respekt vor der Natur verdrängt. Prof. Mike Christie von der Aberystwyth University verdeutlicht: „Nachhaltige Entwicklung (…) erfordert mehr als nur die Behebung von Marktversagen. Sie erfordert auch die Anerkennung und Integration der unterschiedlichen Werte verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.“

Die Forschenden schlagen vier zentrale Veränderungen vor: Erstens die Neudefinition von Nachhaltigkeit als Gleichgewicht zwischen natürlichem, wirtschaftlichem und sozialem Kapital. Zweitens die Einbeziehung pluralistischer Werte, etwa indigener oder kultureller Perspektiven. Drittens die Einführung systembasierter Governance, die Abhängigkeiten und Rückkopplungen zwischen Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft berücksichtigt. Viertens eine neue Definition von Fortschritt, die über das Bruttoinlandsprodukt hinausgeht und ökologische Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und langfristiges menschliches Wohlergehen umfasst.

Dieses integrative Konzept könnte die globale Nachhaltigkeitsagenda über 2030 hinaus prägen und insbesondere für die Bioökonomie eine wichtige Orientierung bieten, wie Ressourcen genutzt und gleichzeitig Gesellschaft und Umwelt gestärkt werden können.

hb