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03.09.2020

Macht und Verantwortung in einer Bioökonomie

Im Rahmen der Diskussionsreihe „Wissenschaft kontrovers" sprachen in Berlin ein Biotechnologe, ein Philosoph und eine Landwirtin über das Unbehagen der Menschen gegenüber der Gentechnik.

Die Diskussionsrunde „Fortschritt – Macht – Verantwortung" im State Studio in Berlin
Quelle: 
Anne Freitag

Welche Macht üben wir auf die Natur aus? Wie viel Macht hat Natur über uns? Und was sind die Rahmenbedingungen für unser Leben von morgen? Diesen grundsätzlichen Fragen in Bezug auf Natur und Technik widmete sich in dieser Woche die Veranstaltungsreihe Wissenschaft kontrovers. Auf der PaneldiskussionFortschritt – Macht – Verantwortung" diskutierten der Insektenbiotechnologe Marc Schetelig von der Universität Gießen mit dem Technikphilosophen Thomas Hilgers (Universität Potsdam) und der ökologischen Landwirtin Katrin Rust vom VERN e.V. im STATE Studio in Berlin Schöneberg über Macht und Verantwortung in einem zukünftigen Leben mit der Bioökonomie.

Den Diskurs über neue Technologien suchen

„Wir haben wirkmächtige technische Werkzeuge, die Auswirkungen auf alle Lebewesen haben, hierfür ist ein gesellschaftlicher Diskurs notwendig“, leitete Jannis Hülsen, Initiator der Veranstaltung, die Runde ein. „Mit dem Projekt Farming the Uncanny Valley wollen wir ergründen, wie wir diesen Diskurs führen können.“ Die Diskussionsrunde ist Teil des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts, welches das Unbehagen ergründet, das viele Menschen in Bezug auf biotechnologische Entwicklungen hegen. Das Projekt wird von der Universität der Künste Berlin, Fraunhofer UMSICHT, der Kunst & Wissenschaftsgalerie STATE Studio und dem Marktforschungsunternehmen YOUSE umgesetzt.

Die Notwenigkeit einer Technikfolgenabschätzung

Mit Hilfe der Sterilen Insektentechnik (SIT) forscht der Insektenbiotechnologe Marc Schetelig an einer Technologie, die nicht selten ein solches Unbehagen hervorruft. Mittels Gentechnik werden sterile Insekten erzeugt, die nicht mehr fortpflanzungsfähig sind. Bringt man diese Tiere ins Freiland aus, sorgen sie dafür, dass sich die jeweilige Insektenpopulation allmählich dezimiert. Die Technologie ist ein vielversprechendes biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel, welches zukünftig im Kampf gegen von Insekten übertragenen Krankheiten wie Malaria eingesetzt werden kann. Da die Technologie im Unterschied zu chemischen Mitteln auf eine bestimmte Insektenarten abzielt und nicht unspezifisch alle Insekten angreift, trägt sie auch zum Schutz der Biodiversität bei. „Solche Systeme sollten natürlich nicht unerforscht eingesetzt werden“, so Schetelig. „Für die Technikfolgenabschätzung sind belastbare Daten aus Studien unabdingbar.“

Zeitdruck beim Entwickeln von Lösungen

Die ökologische Landwirtin Katrin Rust arbeitet bei VERN e.V. daran, historisches Saatgut zu erhalten und zu rekultivieren. Dieses alte Saatgut sieht sie als wichtige genetische Ressource für die Zukunft. Den modernen Züchtungstechnologien steht sie kritisch gegenüber, ihr bereitet es Unbehagen, dass durch diese Technologien Merkmale so schnell verändert werden. „Der Faktor Zeit ist ein wichtiger Aspekt, denn heute herrscht bei solchen Technologien ein großer Innovationsdruck“, ergänzte der Technikphilosoph Thomas Hilgers. Marc Schetelig gab allerdings zu bedenken, dass „in der Geschwindigkeit, in der der Mensch die Natur zerstört, keine Zeit bleibt, auf natürliche Technologien zu warten".

Abschließend stellte sich in der Diskussionsrunde die Frage, ob Gentechnik mit Biodiversität zu vereinen sei. „Man muss jeden Fall einzeln anschauen. Das Tool allein ist nicht gut oder schlecht. Es kommt darauf an, wie man es nutzt“, resümierte der Marc Schetelig.

Ausstellung präsentiert Projektergebnisse

Aus dem Projekt Farming the Uncanny Valley ist außerdem die Ausstellung MACHT NATUR hervorgegangen. Sie präsentiert Ergebnisse aus Workshops, die Gefühle des Unbehagens, die sich im Kontext von biotechnologischen Entwicklungen in der Gesellschaft abzeichnen. Für die Workshops wurden Orte im ländlichen und städtischen Raum ausgewählt und inszeniert, um Widersprüche zwischen dem Verständnis und dem Umgang mit Natur aufzudecken.

Beispiele aus der aktuellen Forschung wurden in Szenerien übersetzt, um Aspekte für ein zukünftiges Leben mit Bioökonomie in der Lebenswelt erfahrbar und diskutierbar zu machen. Die Ausstellung zeigt, wie sich Teilnehmer diesen Szenerien näherten, eigene Positionen dazu entwickelten und öffnet für die Besucher einen Diskursraum zum Mitgestalten. Die Ausstellung findet im Rahmen des Wissenschaftsjahres Bioökonomie statt und ist noch bis zum 12.09.2020 im STATE Studio in Berlin zu sehen.

ih

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