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13.05.2019

Bioabfälle mit Regenwürmern veredeln

Michael
Quintern

Beruf:
Agrarwissenschaftler und promovierter Bodenkundler

Position:
Geschäftsführer von Noke GmbH in Lübeck

Michael Quintern
Quelle: 
Privat
Michael Quintern züchtet Regenwürmer, um mit ihrer Hilfe Bioabfälle in kostbaren Humus zu verwandeln.

Regenwürmer sind nicht jedermanns Sache. Doch die im Boden lebenden Tierchen haben ihre Qualitäten: Sie lockern die Erde auf und sorgen damit für eine bessere Wasser- und Nährstoffaufnahme der Pflanzen. Auf ihrem Weg durchs Erdreich verzehren sie zudem riesige Mengen organisches Material, das letztendlich als Humus ausgeschieden wird. Die Qualitäten dieser natürlichen Bodenverbesserer hat sich NOKE-Gründer Michael Quintern zunutze gemacht. Seit 2017 züchtet der promovierte Bodenkundler Regenwürmer in Farmen, um Bioafälle aus der Landwirtschaft in Humus zu verwandeln. Mit der mobilen Wurmfarm Hungry Bin will der Lübecker nun auch Kantinen von der Idee überzeugen.

Frage 

Wie kamen Sie auf die Idee, Bioabfälle mithilfe von Regenwürmen zu veredeln?

Michael Quintern
Antwort 

Auf die Idee, zusammen mit Regenwürmern den Bioabfall zu veredeln, kam ich in Neuseeland. Hier hatte ich 2006 den Auftrag, Bioabfall in Bodenhumus zu verwandeln. Ich traf einen 'Wurmfarmer', der im Familienbetrieb mit seinen Regenwürmern Humus aus Schweinemist produzierte. Die Herausforderung war für mich damals: „Kann ich an einem Tag anstatt zehn Schubkarren voll auch zehn LKW-Ladungen voll Bioabfall an Regenwürmer verfüttern?“

Frage 

Wie viele Regenwürmer werden in einem Komposter aktiv und woher stammen sie?

Michael Quintern
Antwort 

Wir verwenden sogenannte Kompostwürmer, die im Kompost- oder Misthaufen leben und in jedem Garten oder Landwirtschaftsbetrieb vorkommen. Es sind Regenwürmer, die auf organische Reststoffe spezialisiert und sehr gefräßig sind; sie fressen ihr Körpergewicht am Tag. Für ein Kilo Bioabfall brauche ich etwa ein Kilo Würmer - das sind etwa 1.000 Tiere. Wir züchten unsere Kompostwürmer selbst oder in Zusammenarbeit mit Partnern in der Landwirtschaft. Da wir in vielen Regionen aktiv sind, arbeiten wir stets mit heimischen Regenwürmern.

Frage 

Wie funktioniert die Vererdung mit Regenwürmern und für welche organischen Reststoffe ist die Methode geeignet?

Michael Quintern
Antwort 

In unseren kommerziellen Anlagen 'vererden' wir im Jahr 250.000 Tonnen organische Reststoffe mit Regenwürmern. Dies geschieht direkt auf dem Boden, dem natürlichen Lebensraum für Regenwürmer. Dabei werden von Frühling bis Herbst so viele organische Reststoffe, also 'Wurmfutter', auf dem Boden ausgelegt wie die Regenwürmer fressen können. Die leicht verfügbaren Nährstoffe werden von Regenwürmern aufgenommen, und ein stabiler Dauerhumus bleibt als Regenwurmlosung übrig. Diese wird dann im Herbst ohne Würmer ‚geerntet‘ und der Prozess beginnt im nächsten Frühjahr auf einer neuen Fläche. Geeignet sind dafür feuchte organische Reststoffe, abgepresste Gärrückstände aus Biogasanlagen, abgepresste Gülle, Mist und natürlich auch organische Küchenabfälle. Diese sollten aber besser in einer geschlossenen Wurmfarm wie der Hungry Bin verarbeitet werden.

Frage 

Wer nutzt die Methode in Deutschland?

Michael Quintern
Antwort 

Regenwürmer vererden unsere Bioabfälle bereits seit 460 Millionen Jahren.
Gezielt genutzt wird die Methode heute in Haushalten, Kindergärten, Schulen, Büros, Kantinen von Betrieben, im Gefängnis, auf Landwirtschaftsbetrieben und von kommerziellen Wurmfarmen wie der unsrigen. Wir verarbeiten die organischen Abfälle von Molkereien, Papierfabriken, lebensmittelverarbeitender Industrie, Landwirtschaft, Kommunen und sogar Klärschlamme von ländlichen Gemeinden. Deutschland ist in diesem Sektor noch in den Anfängen. Wir sind aber überzeugt, dass wir auch in den nächsten Jahren die ersten kommerziellen Vererdungsanlagen mit Landwirtschaftsbetrieben und in Kooperation mit Biogasanlagen betreiben werden.

Frage 

Welche Vorteile hat die Methode im Vergleich zur herkömmlichen Kompostierung im Garten oder in industriellen Gäranlagen?

Michael Quintern
Antwort 

Die herkömmliche Kompostierung ist im Gegensatz zur Vererdung mit Regenwürmern ein teures, aufwändiges und hochtechnisiertes Verfahren. Die komplexen und geschlossenen Kompostierungsanlagen sind zum Teil mit hohen Betriebskosten verbunden, etwa für Belüftung oder Bewässerung. Durch die hohen Temperaturen entstehen Dämpfe, die unangenehm riechen und bei industriellen Anlagen Luftfilteranlagen brauchen. Feuchte organische Reststoffe - wie die aus Biogasanlagen - sind nur schwer kompostierbar und müssen mit Holzhäckseln gemischt werden. Regenwürmer dagegen bevorzugen feuchte Nahrung. Bei der kalten Vererdung entstehen keine unangenehmen Gerüche. Regenwürmer mischen alles selbst und sparen dadurch Energie und Betriebskosten. Vor allem aber ist der Regenwurmhumus doppelt so wertvoll wie Kompost. Das liegt daran, dass Regenwürmer einen stabilen Humus erzeugen. Die herkömmliche Kompostierung reduziert das ‚Bioabfall‘-Volumen nur um etwa ein Drittel, während Regenwürmer diesen um zwei Drittel abbauen.

Frage 

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Michael Quintern
Antwort 

Zum einen werden wir Haushalten, Schulen, Kindergärten und kleinen Betrieben helfen, ihre Bioabfälle selber zu Humus zu veredeln, zum Beispiel mit der Hungry Bin-Wurmfarm. Vor allem aber werden wir in den nächsten Monaten mit Betreibern, beratenden Personen und Kundschaft von Landwirtschaften, Biogasanlagen, Landwirtschaftskammern, Umwelt- und Wasserbehörden zusammenarbeiten, um das Verfahren umweltverträglich in die Landbewirtschaftung bezeihungsweise Bodenbewirtschaftung zu integrieren. Als Bodenkundler ist mein vorrangiges Ziel, den Humusgehalt unserer Böden zu verbessern, um die natürliche Bodenfruchtbarkeit zu fördern.

Interview: Beatrix Boldt

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