Den politischen Grundstein für die Bioökonomie legte Italien bereits im Jahr 2010. In Umsetzung europäischer Richtlinien verabschiedete Italien eine Nationale Meeresstrategie, eine Nationale Biodiversitätsstrategie sowie einen Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien. Im europäischen Vergleich gelang es Italien früh, diese Strategien eng mit EU-Programmen zu koordinieren.
2013 richtete das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung den Fonds für nachhaltiges Wachstum (Fondo per la Crescita Sostenibile) ein. Der Fonds richtet sich insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen und stellte in der Anfangsphase rund 300 Mio. Euro für Forschungs- und Entwicklungsprojekte bereit. Inhaltlich orientiert er sich an den zentralen Innovationsfeldern des EU-Programms Horizon 2020.
Zusätzliche Unterstützung erhielt die Bioökonomie durch den Umweltpolitischer Anhang zum italienischen Stabilitätsgesetz 2014. Eine zentrale Rolle spielte dabei die grüne öffentliche Beschaffung (Green Public Procurement), bei der Umweltkriterien für staatliche Einkäufe verbindlich eingeführt wurden. Diese Kriterien stützen sich unter anderem auf etablierte Kennzeichnungen und Zertifizierungen wie EMAS, Ecolabel, Environmental Footprints oder Made Green in Italy.
Im Jahr 2015 entwickelte Italien einen Strategie-Aktionsplan für Innovation und Forschung in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Forstwirtschaft, um nationale Maßnahmen mit den Prioritäten von Horizon 2020 abzustimmen. Als Reaktion auf die Agenda 2030 folgte 2017 die Nationale Strategie für nachhaltige Entwicklung. Das politische Dokument bildeten die Grundlage für die erste eigenständige nationale Bioökonomiestrategie Italiens: "Bioeconomy in Italy: A unique opportunity to reconnect Economy, Society and the Environment" (BIT I, 2017).
Ein wichtiger weiterer Schritt war das Strategiedokument "Towards a Model of Circular Economy for Italy – Overview and Strategic Framework" (2018). Es definierte Italiens strategische Position in der Kreislaufwirtschaft und ist Teil der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Inhaltlich verbindet das Dokument Bioökonomie- und Kreislaufwirtschaftsansätze und hebt die Rolle von Bioraffinerien hervor, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Impulse für Regionen liefern können.
2018 trat ein neues Gesetz zur Forstwirtschaft und zu forstlichen Wertschöpfungsketten in Kraft (Testo Unico in materia di foreste e filiere forestali). Darauf aufbauend begann 2019 die Ausarbeitung der Nationalen Forststrategie 2019–2039, die eine nachhaltige Bewirtschaftung der italienischen Waldressourcen über einen Zeitraum von 20 Jahren sicherstellen soll.
Die erste Bioökonomiestrategie BIT I wurde auf Initiative des Präsidiums des Ministerrats überarbeitet. Im Mai 2019 wurde die aktualisierte Strategie "Bioeconomy in Italy: A new bioeconomy strategy for a sustainable Italy" (BIT II) offiziell vorgestellt. Ziel der Überarbeitung war es, die zentralen Säulen der italienischen Bioökonomie stärker miteinander zu verknüpfen. Ein Jahr später folgte der Umsetzungsaktionsplan BIT II für den Zeitraum 2020–2025, ergänzt durch einen nationalen Plan zur wirtschaftlichen Erholung nach der Covid-19-Pandemie auf Basis einer zirkulären Bioökonomie.
Im Dezember 2024 wurde ein aktualisierter Umsetzungsaktionsplan BIT II für die Jahre 2025–2027 verabschiedet. Dieser Plan baut auf der bisherigen Umsetzung der nationalen Bioökonomiestrategie auf und zielt darauf ab, die nachhaltige und zirkuläre Bioökonomie in ganz Italien und in Partnerschaft auf internationaler Ebene weiter zu konsolidieren. Der neue Plan setzt ambitionierte wirtschaftliche Wachstumsziele: Der jährliche Umsatz der italienischen Bioökonomie soll bis 2030 von rund 437,5 Mrd. € auf 503,1 Mrd. € steigen, und die Beschäftigtenzahl soll von etwa 2 Mio. auf 2,3 Mio. Personen zunehmen. Das entspricht jeweils einem Plus von 15 % gegenüber dem Stand von 2023.
Der aktualisierte Umsetzungsaktionsplan 2025–2027 der italienischen Bioökonomiestrategie (BIT II) setzt auf konkrete, investitionsnahe Flagship-Initiativen als sichtbaren Kern der Umsetzung. Diese sechs Modellvorhaben sollen exemplarisch zeigen, wie Bioökonomie regional verankert, sektorübergreifend organisiert und wirtschaftlich wirksam umgesetzt werden kann:
- Regionale Wertschöpfungsketten und Multi-Input-Bioraffinerien: Aufbau neuer lokaler und regionaler Bioökonomie-Wertschöpfungsketten über Multi-Input-, Multi-Produkt-Bioraffinerien, die biotechnologische und chemische Prozesse sowie Biomassekraftwerke integrieren sollen.
- Bioraffinerien für lokale Bio-Ressourcen: Entwicklung von Bioraffinerien, die speziell auf lokale Quellen erneuerbarer Kohlenstoffträger ausgerichtet sind (z. B. landwirtschaftliche, urbane oder industrielle Bio-Abfälle und Nebenprodukte) und diese in hochwertige Produkte umwandeln.
- Regeneration industrieller Standorte: Nutzung der Bioökonomie zur Umnutzung oder teilweisen Umwandlung ehemals fossiler Raffinerien, chemischer Produktionsstätten und anderer Industrieflächen in nachhaltige Produktionszentren.
- Wiederherstellung mariner Ökosysteme: Maßnahmen zur Renaturierung mariner Lebensräume und zur Stärkung des italienischen Meeresbeobachtungssystems, um biologische Vielfalt und marine Ressourcennutzung zu verbessern.
- Nachhaltiges Lebensmitteldesign: Förderung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion durch regenerative Landwirtschaft, innovative Lebensmittelverpackungen und Ernährungsmodelle, die italienische Wertschöpfung und Ernährungstrends verbinden.
- Forstwirtschaftliche Wertschöpfungshubs: Aufbau von lokalen "Forest Valorization Hubs", die holzbasierten Wertschöpfungsketten voll entfalten.
Über die Flagship-Initiativen hinaus enthält der Umsetzungsplan weitere operative Elemente. Dazu gehören gezielte Pilotmaßnahmen in ausgewählten Regionen, Aktivitäten zur Beseitigung regulatorischer Hemmnisse, Qualifizierungs- und Bildungsmaßnahmen sowie der Ausbau von Monitoring- und Evaluierungsinstrumenten. Zudem betont der aktualisierte Plan stärker die internationale Dimension der italienischen Bioökonomiepolitik, insbesondere die Einbindung in europäische und mediterrane Kooperationen.
Die italienische Bioökonomie stützt sich auf eine leistungsfähige, räumlich klar verortete Forschungslandschaft. Eine Schlüsselrolle spielt der italienische Forschungsrat CNR, insbesondere das Institute of BioEconomy (CNR-IBE) mit Hauptsitz in Sesto Fiorentino bei Florenz. Weitere Standorte in Bologna, Rom, Catania, Sassari und San Michele all’Adige ermöglichen eine enge Anbindung an regionale Produktionssysteme. Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Biomassenutzung, Holztechnologie, Bioenergie und biobasierte Prozesse.
Ein weiterer zentraler Akteur ist ENEA, die nationale Agentur für neue Technologien, Energie und nachhaltige Entwicklung. Am Forschungszentrum Trisaia in Rotondella (Basilikata) werden Bioraffinerie-Konzepte, Fermentationsverfahren und zirkuläre Bioökonomiesysteme im Labor- und Pilotmaßstab entwickelt. Für die agrarische Bioökonomie ist zudem CREA von Bedeutung, insbesondere das Research Centre for Agricultural Policies and Bioeconomy, das Wertschöpfungsketten analysiert und Politikfolgen bewertet.
Ergänzt wird diese Landschaft durch Technologie- und Innovationsparks wie den PTP Science Park in Lodi oder den Bioindustry Park Silvano Fumero im Piemont, die Forschung, Unternehmensgründungen und industriellen Transfer miteinander verbinden.
Die nationale Bioökonomiestrategie Italiens ist eng an den europäischen Politikrahmen angebunden. Die Europäische Union hat im November 2025 eine aktualisierte EU-Bioökonomie-Strategie veröffentlicht, die als zentrales Referenzdokument für die nationale Umsetzung dient und den strategischen Rahmen für die weitere Entwicklung der Bioökonomie in Italien vorgibt.
Autorin: ch