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20.05.2019

Von biobasierten Hygieneartikeln und Kaffeekapseln

Auf der 12. Internationalen Konferenz zu biobasierten Materialen in Köln standen neben neuen Produkten ganzheitliche Ansätze im Vordergrund.

Mehr als 200 Experten besuchten die „Bio-based Materials“-Konferenz.
Mehr als 200 Experten besuchten die „Bio-based Materials“-Konferenz in Köln.
Quelle: 
Björn Lohmann

Biobasierte Produkte in ihrer ganzen Vielseitigkeit standen im Fokus der Konferenz „Bio-based Materials“ in Köln vom 15. bis 16. Mai. Mehr als 200 Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft tauschten sich über Produkte, Prozesse und Politik aus. Höhepunkt des ersten Tages war die Verleihung des Innovationspreises „Bio-based Material of the Year 2019“: Die indische Firma Aakar Innovations setzte sich dabei mit ihren vollständig kompostierbaren Damenbinden gegen fünf Mitnominierte durch. Auf Platz drei kam das in Nordrhein-Westfalen ansässige Unternehmen Golden Compound mit seinen Kaffeekapseln aus Pflanzenfasern.

Neue Produkteigenschaften

Von Fein- über Spezial- bis zu Plattformchemikalien reichte die Palette, für die Start-ups, Großkonzerne oder Forschungseinrichtungen biotechnologische Produktionswege aufzeigten. Während einige Prozesse gerade erst den Machbarkeitsnachweis erbracht haben, sind andere bereits in der Umsetzung im industriellen Maßstab. So stellte Covestro vor, wie biobasierte Rohstoffe nicht nur mehr Nachhaltigkeit, sondern ganz neue Produkteigenschaften ermöglichen. Daneben ging es immer auch um praktische und regulatorische Anforderungen, beispielsweise in einem Vortrag der Firma Henkel, der sich mit neuen Substanzen für die Kosmetikindustrie beschäftigte.

Gold aus Schlacke

Besondere Formen der Nachhaltigkeit standen am zweiten Tag im Fokus. So stellte die BRAIN AG vor, wie das Unternehmen aus mehr als 450 bakteriellen Isolaten Kandidaten für einen dreistufigen Prozess identifiziert hat, mit dem Gold aus Schlacke oder Asche gewonnen werden kann. Danach befinden sich unter den rund 5 Millionen Tonnen Deponieabfällen, die jährlich in Deutschland anfallen, auch ein bis drei Tonnen Gold. Für Anreicherung, Extraktion und Rückgewinnung kommen individuelle Organismen zum Einsatz. In der Machbarkeitsstudie lag die Effizienz der Rückgewinnung bei 90%, die CO2-Emissionen betrugen nur ein Drittel des konventionellen Goldabbaus.

Spezialchemikalien aus Abfallströmen

Fuchs Schmierstoffe stellte vor, wie das Unternehmen aus gebrauchtem Speiseöl mithilfe von Mikroorganismen neue Zusatzstoffe für Schmiermittel gewinnt. Ein häufiges Problem bei Abfallströmen als Rohstoffquelle ist demnach deren undefinierte Zusammensetzung. Enzyme allerdings würden im Gegensatz zu chemischen Verfahren gezielt die Wertstoffe herausfischen, wodurch eine teure Vorfilterung entfallen könne.

Bio-based Material of the Year 2019
  • Platz 1 ging an Aakar Innovations aus Indien für vollständig kompostierbare Damenbinden. Unter Kompostbedingungen zersetzen sie sich innerhalb eines halben Jahres zu 90%, länger dauert es in der freien Natur. Aakar verwendet zur Herstellung lokale Fasern wie Jute, Bananenfasern und Wasserhyazinthen. 
  • Platz 2 ging an Spinnova Oy aus Finnland für eine zellulosebasierte Textilfaser. Die patentierte Technologie kommt ohne Abfall- oder Nebenprodukte aus und benötigt keine problematischen Chemikalien. Als Rohstoff nutzt das Unternehmen FSC-zertifiziertes Holz und Abfallströme.
  • Platz 3 ging an Golden Compound aus Deutschland für Kaffeekapseln, die zu 70 Prozent aus Fasern der Sonnenblumensamenschalen bestehen sowie aus anorganischen Füllern. Das Produkt kann im heimischen Kompost entsorgt werden.

Biobasiert bedeutet nicht automatisch bioabbaubar

Vielen Referenten war es wichtig zu betonen, dass „biobasiert“ nicht automatisch ein Nachhaltigkeitskriterium sei, weshalb die Lebenszyklusanalyse zu einem Produkt dazugehöre. Zudem gebe es bei Verbrauchern viele Missverständnisse, wie das nova-Institut als Veranstalter aus einer Studie berichtete: So sei Konsumenten oft nicht klar, dass Kunststoffe meist aus Erdöl hergestellt würden. Bei biobasierten Alternativen erwarteten sie, dass harte Rohstoffe wie Holz auch zu harten Kunststoffen führten. Und nicht zuletzt bedeute für viele Verbraucher „biobasiert“ automatisch „bioabbaubar“.

Missverständnisse der Verbraucher

Letzteres war ein weiterer Schwerpunkt am zweiten Konferenztag. So wies die Firma OWS darauf hin, dass „100% biologisch abbaubar“ ein unrealistisches Ziel sei. Als Gegenprozess zur Photosynthese sei darunter die vollständige Umsetzung des organischen Kohlenstoffs zu CO2 zu verstehen. Doch bei biologischen Abbauprozessen gehe immer auch ein Teil des Kohlenstoffs ins Wachstum der Biomasse und in Nebenprodukte. Auch biobasierte Produkte, deren Abbau beispielsweise Schwermetalle oder ökotoxische Substanzen freisetzt, seien keinesfalls bioabbaubar.

Kompostieren oder recyceln?

In weiteren Vorträgen wurde aber auch deutlich, dass die Kompostierung neben dem Recycling ein wichtiger Baustein der Kreislaufwirtschaft ist. Insbesondere Kunststoffe, die gezielt in die Umwelt ausgebracht würden – wie die Fäden für Rasentrimmer – oder an Produkte angebracht würden, die kompostiert werden sollen – wie Hundekotbeutel – sollten kompostierbar sein. Gegenüber einem stofflichen Recycling sei die biologische Abbaubarkeit aber nur dann vorteilhaft, wenn eine Sammlung mit anschließendem Recycling nicht möglich ist oder die Separation der Materialien schwierig. Die Empfehlung des Kunststoffherstellers FkuR lautete daher, Produkte, insbesondere Verpackungen, aus einem einzigen Material herzustellen.

bl

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