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04.07.2014

Studie: Steigende Agrarpreise durch Bioethanol nicht belegt

Der Bundesverband der Bioethanolwirtschaft hat eine Studie zu agrarökonomischen Auswirkung der Biokraftstoffproduktion veröffentlicht und reagiert damit auf öffentliche Kritik.

Eine Bioethanolanlage in Sachsen-Anhalt. Ist die industrielle Produktion des Biotreibstoffes in derartigen Produktionsstätten agrarökonomisch sinnvoll? Oder sorgt sie indirekt für mehr Hunger in der Welt? Damit beschäftigten sich die Berliner Wissenschaft
Eine Bioethanolanlage in Sachsen-Anhalt. Ist die industrielle Produktion des Biotreibstoffes in derartigen Produktionsstätten agra

Der Bundesverband der Bioethanolwirtschaft hat eine Studie zu agrarökonomischen Auswirkungen der Biokraftstoffproduktion veröffentlicht und reagiert damit auf öffentliche Kritik. Entwicklungsorganisationen kritisieren, die Erzeugung des Kraftstoffes mit Biomasse treibt die Agrarpreise in die Höhe. Der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe) hält diese These wegen wissenschaftlicher Unsicherheiten für nicht belegbar. In einer Auftragsstudie analysierten Berliner Wissenschaftler nun den aktuellen Kenntnisstand. Ihre Ergebnisse präsentierten die Forscher am 3. Juli bei einer Pressekonferenz in Berlin. Demnach sind die Auswirkungen auf Preisentwicklungen jedoch weitaus geringer als hinlänglich behauptet.  

Verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie die britische Oxfam, die sich dem Kampf gegen Hunger und Armut verschrieben hat, kritisieren die Produktion und politische Förderung von Biokraftstoffen aus Nahrungsmitteln. Die Erzeugung wirke sich negativ auf die Agrarpreise aus und ist für eine zunehmende Flächennutzung verantwortlich. Würde die Politik die Förderung der Biokraftstofferzeugung beenden, hätte das eine sinkende Nachfrage und damit eine Preissenkung aller Agrarprodukte zur Folge. Im Falle von Getreide, das auch zur Bioethanolherstellung genutzt wird, würde die EU von einem Exporteur zu einem Importeur werden. Der Beitrag zum Klimaschutz sei zudem fragwürdig, das Bild eines CO2-neutralen Kraftstoffs sei verzerrt. Das sind einige der Argumente, die derzeit in der öffentlichen Debatte zum Für und Wider von Biokraftstoffen angeführt werden. „Ein Minus an Biosprit ist ein Plus für die Ernährungssicherheit. Niedrigere Weltmarktpreise für Agrarrohstoffe können die Preise in Regionen, in denen viele Menschen unterernährt sind, sinken lassen. Menschen in Armut könnten davon profitieren“, betonte Marita Wiggerthale, Agrarexpertin bei Oxfam Deutschland Ende des vergangenen Jahres in einer öffentlichen Stellungnahme der Entwicklungsorganisation.

Studie sagt: Ja, aber...

Um aufzuklären, inwieweit diese Debatte wissenschaftlich fundiert ist, hat der BDBe eine Studie in Auftrag gegeben. Darin haben die Agrarökonomen Harald von Witzke von der Humboldt-Universität Berlin und Steffen Noleppa vom Agripol Network for policy advice vorhandene Studienergebnisse zur Thematik aus den vergangenen beiden Jahren miteinander verglichen. Darunter auch jene Publikationen, die Kritikern als Basis für ihre Beurteilung dienten. Ihren Ergebnissen nach trage Biotehanol zwar zum Anstieg von Agrarpreisen bei. Wahrscheinlich jedoch bei weitem nicht so hoch, wie von den Kritikern konstatiert. „Die Konzentration auf Biokraftstoffe in der öffentlichen Debatte um die globale Ernährungssituation lenkt von den wesentlichen Gründen anhaltenden Hungers in der Welt ab“, schlussfolgerte von Witzke in Berlin. Die Argumentation könne zudem zu nicht zweckmäßigen politischen Entscheidungen führen, die das Hungerproblem verstärken, warnt der Professor.  

Wissenschaftliche Unsicherheiten

Eine weitere wesentliche Feststellung der Forscher: Es handle sich bei der Argumentation der Bioethanol-Skeptiker um eine selektive Informationspolitik. „Häufig werde bei Studien nur ein einzelner Autor zitiert“, so Noleppa. „Dort werden auch nur die maximalen jeweils ermittelten Preiseffekte artikuliert.“ Zu anderen Behauptungen mancher NGOs  gebe es keine wissenschaftliche Literatur, so sei laut der Kritik mit 30 bis 442 Millionen weiteren Hungernden durch die Biokraftstoffwirtschaft zu rechnen. In vielen Modellen würden zudem positive Koppeleffekte der Bioethanolherstellung außer Acht gelassen. Die Gewinnung gehe Zulasten der Stilllegungsflächen und Nebenprodukte wie Proteinfutter für Vieh fielen an, so von Witzke. Alles in allem berechnen die Ökonomen den reinen Effekt des Bioethanols auf die Weltmarktpreise auf weit unter 1 Prozent. Der Wert liegt damit niedriger als etwa bei Biodiesel. Wiederholt wiesen die Forscher auf den bisherigen Forschungsstand und die geringe Erfahrung mit Biokraftstoffen hin. „Es steht außer Frage, dass auch Biokraftstoffe die Nachfrage nach Agrarprodukten erhöhen. Die tatsächlichen Auswirkungen der Biokraftstofferzeugung und deren Verbrauch zu bestimmen, erfordert noch weitere Forschungsanstrengungen“, betonte von Witzke. „In der Tat geht es um Landnutzungskonflikte, die Faktoren sind jedoch vielfältig." 

Wissenschaftliche Einigkeit

Zumindest in diesem Punkt dürfte sich Oxfam und der BDBe einig sein. Modellanalysen zu Intensivierungs- und Landnutzungseffekten seien komplex und mit Unsicherheiten behaftet, schreiben Wissenschaftler um Harald Grethe von der Universität Hohenheim in einer von Oxfam in Auftrag gegebenen Studie. Das rechtfertige jedoch nicht, die durch die Biokraftstoff-Nachfrage verursachten Effekte zu ignorieren. Stattdessen sollte die wissenschaftliche Praxis der Bewertung von Landnutzungs- und Intensivierungseffekten kontinuierlich verbessert werden, heißt es dort weiterhin.  

Laut den Berliner Forschern seien Variablen wie steigende Energiepreise und limitierte Ressourcen mit rasant wachsender Bevölkerung und Nachfrage tragende Einflussfaktoren für den Agrarpreis-Trend.

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