Die Modeaktivistin

Cecilia Palmér

Beruf:
Mode- & Digitaldesignerin 

Biopionierin für:
Nachhaltigkeit und Open Source in der Mode

Cecilia Palmer Portrait
Cecilia Palmér Porträt Zitat
„Ich ziele in meiner Arbeit darauf Menschen zu aktivieren. Wir sind nicht nur passive Konsumenten und wir müssen das gar nicht hinnehmen so behandelt zu werden von Marken oder von der Marktwirtschaft.“
Cecilia Palmér

In der Atelierwohnung unterm Dach surrt und rattert es. Zickzacknähte wandern über Jeansreste. Cecilia Palmér nimmt den Fuß von der Wippe und dreht den Stoff. Die Designerin liebt den haptischen Umgang mit Textilien – und ihre alte Nähmaschine. Die türkisgrüne Husqvarna ist ein Mitbringsel aus ihrer Heimat Schweden. Die Maschine steht für vieles, was Cecilia wichtig ist: Sie ist zwar alt, aber noch gut in Schuss. Und sie lädt ein, selbst Hand anzulegen, weil sie mit etwas Übung leicht zu bedienen ist.

Das Handwerk des Nähens, die Schönheit des Vintage, Nachhaltigkeit an sich. Alles Werte, die Cecilia gerne in der Mode verkörpert sieht, ohne selbst rückwärtsgewandt zu agieren. Am Laptop auf dem Schreibtisch gegenüber wird programmiert und entwickelt. Die Designerin arbeitet mit ihrem Creative Studio Fashion & Code an der Schnittstelle von analog und digital. Doch warum stützt sie sich dabei am liebsten auf vorhandene Stoffe?

Cecilia Palmér im heimischen Atelier
Das gute alte Handwerk des Nähens ist ein schöner Ausgleich zur Digitalarbeit am Bildschirm

„Als ich vor 15 Jahren in Tansania, Ostafrika war und diese großen Märkte gesehen hab, dass die Sachen aus dem Altkleidercontainer von hier direkt da landen und das so massenhaft und viel – das war eine krasse Erfahrung, das einfach zu sehen, und das war der Auslöser, dass ich mich viel mit Upcycling und Recycling beschäftigt habe.“

Und damit ist sie nicht allein. – Neukölln, ein paar Straßen weiter: Araberläden, Spätis, dichter Verkehr. Nicht unbedingt das Pflaster, um entspannt zu flanieren. Doch genau hier hat sich ein nachhaltiges Label mutig dazwischen gequetscht: Im Shio Store sucht Cecilia nach neuer Mode aus alten Stoffen. Ein großblättrig gemusterter Vorhang gibt sich gewandelt als Kleid zu erkennen. Daneben monochrome Stücke mit klaren Schnitten aus Upcycling Materialien und neuen ökologischen Stoffen. Die Designerin überzeugt das Konzept:

Cecilia Palmér im Schaufenster des Shio Store
Discover Green Fashion: Mittlerweile gibt es Modeführer für nachhaltige Mode in Berlin. Der Shio Store in Neukölln ist nur einer davon.

„Wenn man auf kleine Serien guckt, öffnen sich viele Möglichkeiten. Ich glaube persönlich auch, dass Mikrobusiness und kleinere Serien von Produkten, da es geht nicht nur um Mode, sondern auch um andere Sachen, die Zukunft sind. Ich denke das ist unglaublich wichtig, damit wir Diversität auch bewahren.“

Wie könnte man die Käufermassen aus ihrer Arglosigkeit erwecken?

In der Realität scheint die große Modemaschinerie noch unbesiegbar, übermächtig. Ständig werden neue Reize gesetzt. Wie könnte man die Käufermassen aus ihrer Arglosigkeit erwecken? Charlottenburg: Auf der Einkaufsmeile am Tauentziehen zieht Cecilia einen kleinen Sticker aus ihrer Tasche. Unbemerkt klebt sie ihn an die Fassade eines Shoppingtempels. Auf dem Sticker steht Fashion Revolution, dann geht sie weg.

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Der Scherenschnitt als symbolischer Akt der Verbraucher-Ermächtigung

Wo die kapitalistische Produktionslogik die Textilindustrie in die Sackgasse führt, setzt die Modeaktivistin bewussten Konsum gegen Fast Fashion. Weltweit bekannt wurde ihr Kleidertausch- und Näh-Event Fashion Reloaded, das sie als regelmäßiges Format etablierte. Auf der digitalen Bühne erregte Cecilia Aufsehen mit ihrem Modelabel Pamoyo, wo sie ihre Designs unter einer Creative-Commons-Lizenz offen ins Netz stellte: 

„Das sind open source Gedanken, die ich auf die Mode übertragen habe. Wir haben früher ein open source Modelabel geführt haben, um Schnittmuster zu teilen, was auch eine Einladung war an unsere Nutzer, diesen Zugang zu dem Quellcode zu geben, dass man ein aktiver Nutzer von einem Produkt wird, was man auch ändern kann.“

Ein Webshop im Netz: Das Male Model im weißen D-Shirt lächelt aus digitaler Ferne herüber. Nichts Außergewöhnliches. Nur der unverschämt günstige Preis der Ware macht stutzig: 50 Cent für ein bedruckbares T-Shirt! Cecilia klickt den Add to Card-Button. Urplötzlich fällt der Shop wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Stattdessen: schwarze Leere, aus der ein mahnender Abspann blinkt: „Crisis is not a Brand. Fashion is in crisis… Let‘s make Fair Fashion the new normal. Take action.”

Fashion Revolution ist eine globale Bewegung, die seit dem Einsturz des Rana Placa 2013 in Bangladesch Jahr um Jahr an die tragische Katastrophe erinnert. Damals kamen 1134 Menschen ums Leben, vor allem junge Schneiderinnen. Die online Kampagne von 2020, Crisis Fashion, hat die Digitaldesignerin mit entworfen:

Fake Webshop der Kampagne Crisis Fashion
Crisis Fashion karikiert die absurde Produktionslogik der Fast Fashion Industrie und kritisiert zugleich die schlechten Arbeitsbedingungen in Asien.

„Der Fake Webshop war eine Falle. Es gab nichts zu kaufen, aber die Option zu spenden, sich direkt an Organisationen oder Marken zu richten. So ermöglichen wir es Konsumenten aktiv zu werden. Fashion Revolution ist als Social Media Kampagne gestartet mit dem #whomademyclothes?, um einfach nach mehr Transparenz bei den Marken zu fragen, dass sie ihre Lieferketten auch transparent darlegen.“

Von den Niederungen des Modesumpfes zur Haute Couture der Sustainable Fashion. – Nicht mehr als drei Prozent der Kleider werden recycelt. Doch einem Promille davon widerfährt ein besonderes Schicksal gepaart mit einer exklusiven Geschichte – wo sie beginnt?

Cecilia Palmér - im Video

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Eugenie Schmidt & Cecilia Palmér

Hinter dem Herrmannplatz in Neukölln. Im oberen Stockwerk eines großen Backsteingebäudes befindet sich das Atelier von SchmidtTakahashi, einem Premium Upcycling Brand. Mit Eugenie Schmidt arbeitet Cecilia eng zusammen. Kein Wunder, denn die Art und Weise, wie hier Mode entsteht, passt zu Cecilias Linie wie angegossen.

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Kleiderspende Plisseestoff

Über den ausladenden Schneidertisch rollt ein karamellfarbener Stoff. Cecilia kann nicht anders, als immer wieder über das feine Material zu streichen. Der Plisseestoff ist eine Spende aus Polen, einem der wenigen Orte, wo man das Handwerk rund um Faltenstoffe noch beherrscht.

Was von außen betrachtet einer gewissen Ironie nicht entbehrt, scheint in der Welt der nachhaltigen Mode selbstverständlich: Die Premiummarke, beliebt bei Stars und Sternchen, sie lebt von Kleiderspenden:

„Alle Kleidungsstücke, die bei SchmidtTakahashi eingehen, bekommen eine Registriernummer. Die Informationen speichern wir in einer Datenbank, bevor die Kleider umgeschneidert und reanimiert werden. Neue Kleidungsstücke bekommen einen QR Code, den man als Käufer mit dem Handy scannen kann. So sieht man, woraus das eigene Kleidungsstück entstanden ist. Wir benutzen also digitale Mittel, um eine individuelle Geschichte von Upcycling und Wiederverwendung zu erzählen.“

Storytelling multipliziert: Die alten Kleidungsstücke tragen ihre eigenen Geschichten mit sich, die beim Kombinieren und Schneidern mit denen anderer Kleider verwoben werden. Dem hübschen Modellpärchen, das gerade posiert, stellen sich ganz automatisch Fragen nach der Herkunft ihrer kunstvollen Patchwork Klamotten.

Designerinnen & Models beim Fitting
Gruppenbild mit Cecilia Palmér, Models Malte & Lara, Eugenie Schmidt

Cecilia Palmér geht indes noch einen Schritt weiter hinein in die Kulturgeschichte. Ihr aktuelles Projekt ist ein Crafts Atlas fürs Internet, der traditionelle Textiltechniken weltweit aufspürt, konserviert und für die kreative Anwendung zugänglich macht. Designer und Künstler sollen davon profitieren, genauso wie die Handwerker in den Ländern vor Ort. In der Rückbesinnung auf die Quelle der Mode liegt ein Teil ihrer Zukunft. Himmelblauen Augen strahlen zuversichtlich: 

Die Modeindustrie, das System, geht zu Ende irgendwann, weil es auf einem Modell aufbaut, das wir nicht tragen können. Die Modeunternehmen brauchen jetzt neue Wege. Und deshalb leben wir gerade in einer schönen Zeit, wo ganz viel Experimentierfreudigkeit und Innovation auch da ist. Die eine Lösung wird es nicht geben.

Cecilia Palmér trägt ein Upcycling Kleid
Cecilia Palmér trägt ein Upcycling Kleid von schmidttakahashi mit einer besonderen Geschichte
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Cecilia Palmér - im Podcast

Der Black Friday steht vor der Tür. Zeit, noch mehr zu shoppen! Trotz Corona. – Nachhaltig ist das nicht. Davon ist Cecilia Palmér überzeugt. Die Designerin setzt bewussten Konsum gegen Fast Fashion. Sie kämpft für eine Mode, die sich den sozialen und ökologischen Problemen der Textilindustrie annimmt. Im Podcast erzählt Cecilia wie das funktioniert. Recycling und Upcycling, Handwerk und Digitalität gehen Hand in Hand.