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06.07.2017

Wie Neonics den Bienen zusetzen

Gleich drei wissenschaftliche Studien gehen den Gründen für das Bienensterben nach. Besonders chemische Pflanzenschutzmittel, die Neonicotinoide, schaden Bienen und Hummeln.

Sammlerbienen werden durch Neonicotinoid-Pestizide orientierunglos, finden nicht mehr zu ihrem Stock und sterben früher.
Quelle: 
Pixabay

20 Prozent der Bienenvölker in Deutschland haben den vergangenen Winter nicht überlebt, ein hoher Wert. Im Schnitt gelten 10 bis 15 Prozent Verluste als normal. Bienenforscher halten einen Mix an Faktoren für das alljährliche Bienensterben verantwortlich. Die Hauptverdächtigen: Der Klimawandel, die Varroa-Milbe und Pestizide aus der industriellen Landwirtschaft - wie die Neonicotinoide (kurz: Neonics). Eine Reihe an kürzlich veröffentlichten Studien hat einige dieser Stressfaktoren für die Bienen genauer untersucht.

Bienen und Blüten verpassen sich

Durch den Klimawandel kommt zu zeitlichen Fehlabstimmungen zwischen Bienen und Frühjahrsblühern. Wenn die Bienen zu früh aus ihrer Winterruhe erwachen, bevor die Blüten auf den entsprechenden Pflanzen ausgebildet sind, müssen sie hungern. Dadurch werden nicht nur sie selbst sondern auch ihr Nachwuchs in Mitleidenschaft gezogen. Ökologen der Universität Würzburg haben in einer Studie gezeigt, dass bereits eine zeitliche Fehlabstimmung von drei bis sechs Tagen genügt, um das Überleben der Bienen zu beeinträchtigen. Die Forscher haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Journal of Animal Ecology“ publiziert.

Neonicotinoide machen Bienen orientierungslos

Zum Einsatz und den Auswirkungen von Pestiziden, insbesondere den Neonicotinoiden, wurden zeitgleich zwei große, internationale Studien in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht. Neonicotinoide sind ein Nervengift, das besonders für Nutzpflanzen schädlichen Insekten gezielt den Garaus machen soll. Leider haben die Neonics auch auf nützliche, bestäubende Insekten einen negativen Effekt. So haben Laborexperimente gezeigt, dass das Pestizid die Orientierung von Sammlerbienen durcheinanderbringt. Die Tiere finden schlechter oder gar nicht mehr zurück zu ihrem Bienenstock. Ohne ihren Bienestock haben sie jedoch nur sehr geringe Überlebenschancen. Der Bienenstock auf der anderen Seite erfährt Pollendefizite durch die fehlenden Sammlerbienen- die Vorräte sind kleiner, wodurch das langfristige Überleben des gesamten Volks in Gefahr gerät.

Vom Mais in die Umgebung gelangt

Zwei in Science veröffentlichte Studien liefern erstmals Daten aus groß angelegten Freilandstudien. Eine der Science-Studien befasst sich mit den Auswirkungen des Neonicotinoid-Gebrauchs für Bienen in der Nähe von kanadischen Maisanbaugebieten. Mais ist eigentlich eine luftbestäubte Pflanze, doch offenkundig gelangen Spuren der wasserlöslichen Pestizide in die Umgebung und werden von Pflanzen aufgenommen, die wiederum von den Bienen bestäubt werden. Die kanadischen Forscher beobachteten eine erhöhte Sterblichkeit bei den den Arbeiterinnen in den mit Neonics belasteten Völkern. Zudem zeigte sich, dass Spuren der Pestizide auch lange in der Umwelt überdauern.

Neonics-Schäden je nach Standort verschieden ausgeprägt

Die zweite im Journal Science publizierte Studie wurde zwei Jahre lang an 33 Standorten in Deutschland, Ungarn und Großbritannien durchgeführt. Finanziert wurde die Neonics-Freilandstudie von den Agrarchemie-Konzernen Bayer Crop Science und Syngenta. Die Unternehmen investierten 2,8 Mio. Britische Pfund dafür, nahmen aber keinerlei Einfluss auf die Auswertung der Daten. Im Fokus: Die Bienenforscher pflanzten mit den Neonics Clothiandidin und Thiamethoxam ummantelte Rapssamen aus und untersuchten die Gesundheit der in der Nähe aufgestellten Bienenvölker. Die Ergebnisse zeichnen allerdings ein gemischtes Bild: in England und Ungarn ließ der Clothianidin-Gebrauch die Größe der Bienenvölker im Folgejahr um fast ein Viertel schrumpfen.

In Deutschland hatten die Chemikalien indes keine nachweisbaren negativen Effekte gezeigt. Allerdings kritisieren einige Wissenschaftler, die Bedingungen der Science-Studie seien nicht gut genug kontrolliert gewesen sein. So seien beispielsweise die Blühpflanzen nahe den Rapsfeldern nicht vergleichbar gewesen, und die anfängliche Gesundheit der Bienenvölker nicht ausreichend kontrolliert worden. Daher seien die Ergebnisse nicht wirklich vergleichbar zwischen den Ländern und ließen somit keine endgültigen Schlüsse bezüglich der Nebenwirkungen der Neonicotinoide zu.

Obwohl die schädlichen Nebenwirkungen schon länger diskutiert werden, gibt es kein flächendeckendes Verbot für Neonicotinoide in der Landwirtschaft. Seit 2013 dürfen drei von der Europäischen Kommission als besonders gefährlich eingestufte Neonicotinoide nur noch stark eingeschränkt verwendet werden. Noch dieses Jahr soll die European Food Safety Authority (EFSA) den Gebrauch dieser Pestizide neu bewerten. Sie wird dafür auch die neuen wissenschaftlichen Publikationen zu Rate ziehen.

jmr/pg

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