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10.10.2018

Vorratsschutz im Fokus

Rund 500 Teilnehmer aus 70 Länder trafen sich anfang Oktober in Berlin zur 12. Internationalen Vorratsschutzkonferenz (IWCSPP).

Wissenschaftler, Vertreter von NGOs und Unternehmen diskutierten auf der Konferenz in Berlin über moderne Lagerverfahren, um Lebensmittel besser zu schützen.
Quelle: 
Julius Kühn-Institut/ Daniel Schmuck

Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und schrumpfenden Ressourcen wird es immer wichtiger, Nahrungsmittel nicht zu verschwenden. Doch laut eines Berichtes der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) aus dem Jahr 2011 gehen zwischen Ernte und Verbrauch weltweit ein Drittel der Lebensmittelvorräte verloren. Deshalb sei die Vorratsschutzforschung so wichtig wie nie, sagt Cornel Adler vom Julius Kühn-Institut (JKI). Adler ist Mitglied der International Working Conference on Stored Product Protection (IWCSPP) und hat die 12. Internationale Tagung zum Vorratsschutz organisiert, die vom 7. bis 11. Oktober in Berlin stattfand. Rund 500 internationale Experten aus Forschung und Industrie kamen im Hotel Maritim proArte im Zentrum Berlins zusammen, um neue Forschungsergebnisse im Bereich Vorratsschutz und deren Implementierung zu diskutieren.

Erkenntnisaustausch im Fokus

Schirmherr der Konferenz war das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL). Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner eröffnete den fachlichen Teil der Veranstaltung am Montagmorgen per Videobotschaft. „Was nutzt die beste Ernte, wenn sie danach nicht gelagert werden kann?“, fragte die Ministerin. Sie sei froh, dass so viele Experten in Berlin zusammengekommen seien, schließlich ginge es bei der Konferenz vornehmlich um den Austausch von neuen Erkenntnissen.

Anschließend wandte sich JKI-Präsident Georg Backhaus an die Teilnehmer und unterstrich die Bedeutung der Vorratssicherung im Hinblick auf unsichere Weltmärkte sowie extreme Wetterbedingungen durch den Klimawandel: „Dieser Sommer hat uns in Deutschland vor Augen geführt, wie schnell es aufgrund von Dürre und Hitze zu erheblichen Ernteausfällen kommen kann. Um für solche Situationen gewappnet zu sein, müssen wir in der Lage sein, Ernteüberschüsse aus guten Jahren langfristig zu lagern.“

Fehlende Innovationen in Deutschland

Auch Adler hatte in seiner Begrüßungsrede auf die Missstände beim Vorratsschutz in Europa und hierzulande hingewiesen. Demnach haben deutsche Universitäten in den vergangenen 30 Jahren die angewandte Forschung auf diesem Themengebiet vernachlässigt. „Gleichzeitig wurde nicht in Lageranlagen investiert, wegen des Druckes auf die Landwirte, ihre Produkte immer billiger zu verkaufen. Wir haben einen eklatanten Innovationsrückstau im Vorratsschutz, den wir nun, auch in Kooperation mit Kollegen aus tropischen Ländern, dringend überwinden müssen“, so Adler.

Mit besserem Vorratsschutz gegen den Hunger

Im anschließenden Hauptvortrag von Isabelle Mballa wurde die politische Bedeutung des Vorratsschutzes deutlich. Mballa ist die Leiterin der Lebensmittelsicherheit und -qualität beim Welternährungsprogramm (World Food Programme, WFP). Sie argumentierte, dass gerade in Krisengebieten wie in Teilen Afrikas oder Syrien die Menschen auf gelagerte und haltbare Lebensmittel angewiesen seien. Der Vorratsschutz dürfe daher nicht nur in großen Lagerhallen untersucht und optimiert werden, sondern auch portionsweise wie durch smarte Verpackungen, sodass Menschen auf der Flucht haltbare Lebensmittel problemlos mitnehmen könnten.

Mballa verwies außerdem auf die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) und dabei insbesondere auf die beiden Eckpunkte „Zero Hunger“ und „Partnerships for the goals“. „Nur durch internationale und branchenübergreifende Kooperationen können wir den Hunger in der Welt bekämpfen. Bessere Methoden, um Lebensmittel sicherer und länger lagern zu können, sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin“, so Mballa.

Quelle: 
Julius Kühn-Institut/ Daniel Schmuck

Isabelle Mballa vom World Food Programme (WFP) tauschte sich nach ihrem Vortrag mit IWCSPP -Teilnehmerinnen über neue Erkenntnisse zum Vorratsschutz aus.

Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln schärfen

Friedrich Wacker, Leiter der Unterabteilung „Internationale Zusammenarbeit, Welternährung“ im BMEL, verwies auf die Dringlichkeit im Kampf gegen Mangel- und Unterernährung vor allem in den Entwicklungsländern. „Inzwischen gibt es rund 800 Millionen hungernde Menschen – teilweise verursacht durch internationale Konflikte, teils durch den Klimawandel. Diese Zahl ist schlicht unakzeptabel!“ Neben den Ernteverlusten durch schlechte Lagerung sprach Wacker auch das Konsumentenverhalten in den Industrienationen an, wo viele Lebensmittel einfach im Müll landen. Mit der Initiative „Zu gut für die Tonne!“ will das BMEL das Bewusstsein für und eine Wertschätzung von Lebensmitteln in der gesamten Kette, von der Landwirtschaft über Industrie und Handel bis hin zum Verbraucher, wecken.

Verlustpotenzial erkennen und gezielt bekämpfen

Im Rahmen der Konferenz wurde auch über konkrete Beispiele diskutiert, die die Vorratssicherung und Lagerung von Lebensmittel verbessern könnten. Dabei wurde deutlich: Der Trend zu unverpackten Lebensmitteln stellt die Händler vor neue Herausforderungen. „Hier sollen möglichst schonende präventive Maßnahmen verhindern, dass Lager zur Brutstätte von Schädlingen werden. Extrem trockene und schädlingsdichte Lagerung, Vakuumlagerung und Kühlung sind Konzepte zur Vermeidung“, so Adler. Außerdem könnte in Lagerhallen mittels akustischer Systeme künftig ein Schädlingsbefall deutlich früher erkannt werden, als das mit  Thermometern derzeit möglich sei. Mit Kameraüberwachung und Laserstrahlen ziehe zudem Hightech in die Vorratslager ein, so Adler.

Ab Montagnachmittag wurden in parallelen Vortragsreihen und Workshops zu insgesamt zehn Themenbereichen die neuesten Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert. Darin ging es unter anderem um die speziellen Herausforderungen bei der Vorratssicherung, aber auch um Lagerbedingungen, Schädlingsbekämpfung, Kontrollmechanismen sowie Quarantäneregelungen und weitere regulatorische Aspekte.

Tanya Stathers vom Natural Resources Institute der Greenwich-Universität südöstlich von London betonte in ihrem Vortrag, wie wichtig es sei, zunächst einmal zu erkennen, wann und wo genau Lebensmittel verloren gingen. „Wir müssen herausfinden, wann genau die Verluste zustandekommen – während der Trocknung auf dem Feld, während des Transportes oder später bei der Aufreinigung der Ernte? Erst wenn wir die Verlustschritte genau kennen, können wir gezielt gegensteuern.“

jmr

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