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22.06.2015

Chemiemesse ACHEMA: Innovationsmotor Biotechnologie

Mit 166.000 Besuchern und knapp 4.000 Ausstellern hat sich die ACHEMA 2015 erneut als weltgrößter Branchentreff für die Chemie- und Prozesstechnik behauptet. Und es wurde deutlich: Etliche Innovationen kommen aus der Biotech-Branche.

Knapp 4.000 Aussteller und mehr als 160.000 Besucher kamen in diesem Jahr zur ACHEMA 2015.
Knapp 4.000 Aussteller und mehr als 160.000 Besucher kamen in diesem Jahr zur ACHEMA 2015.
Quelle: 
Helmut Stettin

Alle drei Jahre versammelt sich die globale Chemie- und Prozesstechnikindustrie auf der ACHEMA in Frankfurt/Main. Knapp 4.000 Aussteller und mehr als 160.000 Besucher fanden Mitte Juni den Weg in die Messestadt. Während sich die einen neueste Geräte in Labor, Produktion und Verpackung präsentieren ließen, tauschten sich Entwickler über aktuelle Forschungstrends aus. Der Zentralverband der Elektroindustrie beleuchtete in einer Roadmap zur industriellen Biotechnologie künftige Chancen für die Automatisierungsindustrie. In einer Podiumsdiskussion stellten sich Industrievertreter der Frage, in wieweit sich der Fracking-Boom auf den Aufbau einer biobasierten Wirtschaft auswirkt. Die Biotech-Firma 4Gene wiederum wurde mit dem Gründerpreis der ACHEMA ausgezeichnet.

Für eine Woche behauptete sich die Messestadt Frankfurt am Main erneut als Zentrum der weltweiten Chemie- und Prozessindustrie. Insgesamt 3813 Aussteller (2012: 3773) aus der Chemie-, Pharma-, Lebensmittel- und Prozessindustrie präsentierten sich vom 15. bis 19. Juni bei der diesjährigen ACHEMA dem Fachpublikum. Insgesamt 166.000 Besucher (2012: 167.000) zog es zur Messestand in Hessen. Inhaltlich gab es eine breite Palette an Produkten zu sehen: Von der Laborausrüstung über Komponenten und den Anlagenbau bis hin zur Verpackungsstraße war zu sehen, was in Chemie, Verfahrenstechnik und Biotechnologie derzeit gebraucht wird. Einen Blick in das Labor der Zukunft warf zum Beispiel die Initiative Nexygen: Arbeitsflächen sollen hier am besten gar nicht berührt werden, mit Handbewegungen in der Luft starten Geräte, öffnen sich Schubladen oder geben das Signal zum Start des Wasserhahns. Hinter Nexygen verbergen sich die Laborausrüster Sartorius, Köttermann, Memmert, 2mag und Hirschmann. "Unser Ziel ist es, Labormöbel und -oberflächen intelligenter, Laborabläufe effizienter und den Umgang mit Ressourcen schonender zu gestalten", sagt Tobias Thiele, Geschäftsführer von Köttermann. Gemeinsam soll in abgestimmten Geräten und Labormöbeln der gesamte Analyseprozess von der Probenaufbereitung bis hin zur Entsorgung und Dokumentation berücksichtigt werden. „Hier auf der ACHEMA stellen wir uns erstmals direkt unseren Kunden und zeigen erste Prototypen“, berichtet Katja Rosenke, Marketingleiterin von Memmert. Die erste Resonanz sei positiv. Auf Basis der Messeeindrücke sollen dann die nächsten Schritte beraten und konkrete Prototypen entwickelt werden.

Biotech-Firmen erfolgreich beim Gründerpreis

Beim erstmalig vergebenen ACHEMA-Gründerpreis holten sich zwei Biotech-Firmen – 4Gene in der Sparte Industrielle Biotechnologie und Ionera im Bereich Messtechnik – die mit je 10.000 Euro dotierten Hauptpreise. Außerdem durften sie ihre Produkte die gesamte ACHEMA-Woche an einem Gemeinschaftsstand in Halle 9.2 kostenlos präsentieren. 4Gene ist eine Ausgründung der TU München und wirbt mit dem Slogan „Duft auf Abruf“. Die biotechnologisch hergestellten Aromastoffe werden bei 4Gene an bestimmte Zucker – Glykoside – gekoppelt. Damit werden die äußerst flüchtigen Terpene stabilisiert und haltbarer gemacht. Die natürlichen, biotechnisch hergestellten Aroma-Glykoside können in Konsumartikeln eingesetzt werden. In Deodorants beispielsweise: Beim Schwitzen bilden sich auf der menschlichen Haut Enzyme, die Aroma-Glykoside spalten. Dieser Vorgang könnte es einem Deodorant ermöglichen, seine Duftstoffe erst dann freizusetzen, wenn sie am dringendsten gebraucht werden. Der aktive Wirkungszeitraum des Deodorants würde sich auf diese Weise verlängern. Ionera wiederum will den Alltag der Laboranalytik vereinfachen. So wurden in den letzten Jahren in Nanotechnologie, Chemo- und Bioanalytik vielversprechende messtechnische Methoden auf den Weg gebracht, deren gemeinsame Basis ein Ionenstrom ist, der durch einzelne Poren oder Kanäle in elektrisch isolierenden Membranen verläuft. Allerdings war eine solche Analyse bislang spezialisierten Forschungslabors vorbehalten. Ionera liefert nun einen neuen Ansatz, der Messungen schnell, einfach und mit erhöhtem Durchsatz ermöglicht. Ionera Technologies  hat eine Technologie zur Herstellung von Doppelmembranen („bilayer“) entwickelt. 16 von diesen stabilen Doppelschichten liegen auf dem Microelectrode Cavity Array (MECA) der Firma vor. Für Forscher besonders interessant: So ziemlich jedes (porenbildendes) Membranprotein kann in Ioneras Doppelmembranen integriert werden. Die mit den Chips von Ionera gewonnenen Daten lassen sich zudem mit den Geräten eines anderen Münchener Startups (Nanion Technologies) auslesen.

ZVEI stellt Roadmap industrielle Biotechnologie vor

Dass die Biotechnologie auch für die Automatisierungsindustrie zunehmend von Interesse ist, stellte der Zentralverband der Elektroindustrie (ZVEI) in einer neuen Roadmap zur industriellen Biotechnologie auf der ACHEMA vor. Hierin wurden neueste Trends und Entwicklungen analysiert. Demnach zählen die Bereiche Sensor-Messtechnik, Software und Modellierung sowie Leit- und Prozesstechnik zu den Schlüsseltechnologien, in denen biotechnologische Verfahren in der Automatisierungsbranche eine wesentliche Rolle spielen. "Mit der Roadmap verbinden wir keine politischen Forderungen", so Markus Winzenick, Geschäftsführer des Fachverbandes Automation im ZVEI. Vielmehr gehe es darum, den Mitgliedsfirmen Hinweise auf potentielle Marktfelder und künftige Herausforderungen zu geben. Vertreter von Siemens und Evonik stellten denn auch die Bedeutung der Biotechnologie für ihre Firmen heraus. Während Siemens bislang noch in kleinerem Umfang vor allem beim Aufbau von Bioraffinerien in den Bereichen Pharma und Bioenergie tätig ist, präsentierte Evonik sein breites Portfolio an biobasierten Produkten. "Bis zum Jahr 2019 wollen wir unseren Biotech-Umsatz um 6% steigern", sagte Thomas Böhland von Evonik.  

Hemmt der Fracking-Boom die Bioökonomie?

Inwieweit der aktuelle Fracking-Boom in der Industrie für ein nachlassendes Interesse an der Bioökonomie sorgt, darüber waren sich die Experten uneins. "Auch wenn es bei Bioraffinerien derzeit eine gewisse Investitionspause gibt, denken wir, dass wir hier uns hier als Anlagenbauer bereit halten müssen", betonte zum Beispiel Miguel Fernandez von der Siemens AG gegenüber biotechnologie.de. Bei der ACHEMA-Podiumsdiskussion „Bioökonomie in der Shale-Gas-Falle?“ waren die Meinungen deutlich zurückhaltender. Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, geht davon aus, dass sich Shale-Gas aufgrund des niedrigen Preises durchsetzen werde. Er hielt es zudem für fraglich, ob Kunden bereit sind, für biobasierte Produkte mehr zu zahlen. Holger Zinke, nicht nur Vorstandsvorsitzender der BRAIN AG, sondern als Mitglied des Bioökonomierates auch Berater der Bundesregierung, sieht die Bioökonomie indes als Gewinner: Womöglöich sei Shale-Gas kurzfristig erfolgreich, aber die Bioökonomie stehe auf Seiten des gesellschaftlichen Wandels. „Das politische und gesellschaftliche Denken hat sich in den letzten Jahren verändert“, erklärte Zinke. Das sei die eigentliche Revolution. Vor noch etwa 10, 15 Jahren sei Nachhaltigkeit etwas „Esoterisches“ gewesen. Heutzutage tauche die Frage der Nachhaltigkeit fast überall auf: Sowohl in Regierungserklärungen als auch in Präambeln von Dax-Konzernen. Sein Fazit: „Es findet ein Wandel im Bewusstsein statt.“

Sind die Potenziale der Bioökonomie begrenzt?

Eher wettbewerbsorientiert sah Wolgang Büchele von der Linde AG die aktuelle Situation: „Am Ende des Tages stehen biobasierte Produkte im Wettbewerb.“ Anlagen der Bioökonomie beispielsweise müssten kleiner sein als herkömmliche. Das allerdings habe Grenzen: Sinkt die Jahresproduktion unter 100.000 Tonnen, dann mache es aus seiner Sicht keinen Sinn: „Wie klein darf eine Anlage sein, damit sie noch wirtschaftlich arbeiten kann?“ Diesen Aspekt  ließ Holger Zinke jedoch nicht gelten: „Die Bioökonomie ist nicht die Lösung für alles.“ Aus seiner Sicht könnten bioökonomische Produkte im Premiumbereich durchaus auch mit kleineren Anlagen rentabel sein. Man müsse sich im System richtig aufstellen, gab aber auch er zu Bedenken. Aber, so Zinke: "Vieles ist lösbar, wenn man neu denkt."

Dass etliche biobasierte Produkte bereits im Verbraucheralltag zu finden sind, davon konnte sich jeder ACHEMA-Besucher sein eigenes Bild machen. Rund 40 Produkte wurden von der BIOCOM AG im Auftrag der Dechema in der Ausstellung "Bioökonomie im Alltag" präsentiert.  Vor allem das Mountainbike mit Leichtbauröhren aus Echtholzfurnieren lockte das Fachpublikum auf den Stand. Aber auch der Gummireifen aus Löwenzahn oder die Kleider aus Kaffee- und Milchresten sorgten immer wieder für Überraschung. Mit der neuen Messe "Biobased World" will die Dechema ihr Veranstaltungs-Portfolio künftig in Richtung Bioökonomie erweitern. Die BiobasedWorld wird am 15. bis 16. Februar 2017 auf dem Messegelände Köln stattfinden, gab Thomas Scheuring, Geschäftsführer der Dechema Ausstellungs-GmbH, in Frankfurt zum Ende der ACHEMA bekannt. Die nächste ACHEMA gibt es vom 11. bis 15. Juni 2018 in Frankfurt am Main.

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