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Der Pflanzendoktor

Andreas
von Tiedemann

Beruf
Agrarwissenschaftler und promovierter Phytomediziner

Position
Professor für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz an der Universität Göttingen

Pflanzenphytomediziner Andreas von Tiedemann
Quelle: 
Universität Göttingen

Der Göttinger Agrarwissenschaftler Andreas von Tiedemann forscht an Pflanzenkrankheiten, um Pilzerregern den Garaus zu machen, die unsere Ernten bedrohen. 

Ob Grauschimmelerreger oder Buchsbaumzünsler: Schädlinge, die sich in dem Garten von Andreas von Tiedemann verirren, haben oft das Nachsehen – denn sie legen sich mit einem Experten an, der sich mit Leib und Seele dem Pflanzenschutz verschrieben hat. Seit fast 40 Jahren sucht der Agrarwissenschaftler und promovierte Phytomediziner nach neuen Strategien, um Pflanzenkrankheiten wirksam zu bekämpfen. Dafür wurde er kürzlich mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die ein „Pflanzendoktor" bekommen kann: Im August 2018 wurde von Tiedemann von der Deutschen Phytomedizinischen Gesellschaft die Anton-de-Bary-Medaille für sein „Lebenswerk" verliehen. Damit steht der Göttinger Professor für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz mit jenen Koryphäen in einer Reihe, die – wie er sagt – für ihn einst „unerreichbar" schienen. Eine Ruhepolster ist die Medaille für den heute 62-Jährigen keinesfalls: „Ich habe noch viel vor. Der Preis motiviert, dass ich weitermache", sagt der Forscher.

Die Leidenschaft für Pflanzen wurde dem in Brasilien geborenen Sohn eines deutschen Pflanzenzüchters buchstäblich in die Wiege gelegt. „Mein Vater ging in den 1950er Jahren für eine schwedische Saatzuchtfirma nach Brasilien, um dort Braugerste für die brasilianische Bierindustrie zu züchten und eine Zuchtstation aufzubauen", erklärt der Forscher seine Herkunft. Von Tiedemann war vier Jahre alt, als die Familie nach Deutschland zurückkehrte. Kindheit und Jugend verbrachte er im rheinland-pfälzischen Worms. Sein Interesse für Biologie wurde bereits in der Schulzeit geweckt. Neben Versuchen mit Wasserflöhen war es vor allem der Gemüsegarten der Mutter, der ihn als Kind begeisterte. „Ich habe gesehen, wie es ist, wenn man was aussät und was wächst. Das war eine Anschauungsmöglichkeit, die nicht jeder hat, der in der Stadt groß wird. Aber das hat mich dem Thema Pflanze nahegebracht."

Dennoch war es zunächst Skepsis, die den Jungen aus der Stadt zum Studium der Agrarwissenschaften 1981 nach Wien an die Universität für Bodenkultur begleitete. Doch seine „Berührungsängste" waren, wie er sagt, schnell verflogen. „Es war erstaunlich, wie ich nach den ersten Vorlesungen sofort infiziert war. Es hat sich geradezu etwas gelöst im Inneren", erinnert sich von Tiedemann. Nach nur vier Semestern wechselte er von Wien nach Göttingen, wo er, wie einst sein Vater, an der Universität in Agrarwissenschaften diplomierte.

Mit Mikroorganismen gegen Pilzerreger

Das Thema seiner Diplomarbeit war schließlich der Katalysator für seine Karriere als Pflanzendoktor. Damals galt seine Aufmerksamkeit der Zwiebelweißfäule, die von einem bodenbürtigen Pilzerreger verursacht wird. „Die Krankheit ist schwierig zu bekämpfen, weil sie die Zwiebel vom Boden aus befällt und im Grunde nicht mit klassischem Pflanzenschutz kontrolliert werden kann. So kam die Idee auf, einen biologischen Pflanzenschutzansatz zu finden, also Mikroorganismen, die als Gegenspieler zur Kontrolle der Weißfäule eingesetzt werden können."

Die Suche nach natürlichen Antagonisten, die Pflanzenkrankheiten bekämpfen, zieht sich dem Forscher zufolge seither „wie ein roter Faden" durch sein Leben. Die Protagonisten seiner Arbeit variierten dabei. 1985 promovierte er in Göttingen auf dem Gebiet der Pflanzenpathologie, konkret zu Pilzerkrankungen bei der Weinrebe. 1993 folgte die Habilitation. Hier untersuchte er, welchen Einfluss Ozon auf Kulturpflanzen wie Weizen oder Bohnen hat. Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA am Boyce-Thompson-Institut in Ithaca von 1994 bis 1996 widmete er sich dem Grauschimmelerreger, der bevorzugt Obstpflanzen wie Erdbeeren angreift. 1996 wurde von Tiedemann zum Professor für Phytomedizin an der Universität Rostock ernannt. 2001 kehrte er an seine frühere Wirkungsstätte an die Universität in Göttingen zurück, wo er seither den Lehrstuhl für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz leitet und einen europaweit einmaligen Masterstudiengang dazu etabliert hat.

Biologische Pflanzenschutzmittel und ihre Grenzen

Wie vielen andere Forscherkarrieren war der des preisgekrönten Phytomediziners nicht immer nur Erfolg beschienen, aber selbst dann war sie überaus lehrreich. Der Agrarwissenschaftler musste die Erfahrung machen, dass seine natürlichen Protagonisten im Feld nicht immer die im Labor erzielte Wirkung erreichen. „In dem sehr komplizierten Netzwerk, in dem Lebewesen untereinander in Wechselwirkung stehen, im Freiland, im Boden oder auf dem Feld, steht natürlich auch der Antagonist, den man einsetzt, unter dem Einfluss anderer", erklärt von Tiedemann. Tiefschläge konnten ihn bei seiner Suche nach natürlichen Gegenspielern für Pflanzenkrankheiten jedoch nicht aufhalten.

Erfolg durch „Misserfolg"

Im Gegenteil: Einen seiner spektakulärsten „Misserfolge" hat der Forscher sogar ganz bewusst publiziert, um auf die Grenzen des biologischen Pflanzenschutzes hinzuweisen. Damals hatte ein Mikroorganismus, der im Labor gegen eine Pilzkrankheit beim Raps eine beeindruckende Wirkung erzielte, im Feld komplett versagt. Eineinhalb Jahre hat der Forscher damals für die Veröffentlichung gekämpft. „Ich wollte zeigen, dass ein biologisches Pflanzenschutzmittel erst dann ein brauchbares Instrument ist, wenn es sich im Feld auch so darstellt", erklärt von Tiedemann. „Doch es ist wahnsinnig schwer, solche negativen, aber auch wichtigen Ergebnisse zu publizieren. Das sehe ich als ein großes Problem in unserer Wissenschaftskultur." Doch der Erfolg des Papers gab dem Forscher im Nachhinein recht und motiviert ihn weiterzumachen.

Der Forscher ist überzeugt, dass biologische Pflanzenschutzmittel bei bestimmten Krankheiten wesentlich besser funktionieren als chemische Substanzen. „Heutige Pflanzenschutzmittel wirken in der Regel über die oberen Pflanzenteile. Dort sind sie sehr gut und leistungsfähig. Aber was die Bodenseite und die Wurzelgesundheit betrifft, die erreichen wir damit nicht." Genau diese Lücke könnte laut von Tiedemann mit biologischen Mitteln geschlossen werden.

Chemischer Pflanzenschutz ist nicht ersetzbar

Nach all diesen Erfahrungen überrascht es wenig, dass selbst der erfahrene Experte für biologischen Pflanzenschutz im eigenen Garten – wenn es nicht anders geht – zu herkömmlichen Fungiziden oder Herbiziden greift, um Schädlinge zu vertreiben. „Die Möglichkeiten, die Natur zu nutzen, sind – wie ich heute weiß – sehr eingeschränkt. Ich habe mich längst davon verabschiedet, dass biologische Pflanzenschutzmittel den chemischen Pflanzenschutz ersetzen könnten. Das ist eine Illusion. Aber es ist immer wieder den Versuch wert, doch was zu finden."

Evidenz statt Hypothese

Seinen Optimismus hat sich der Phytomediziner trotz allem Realismus bewahrt. Denn neben der Forschung ist es die Lehre, die dem promovierten Pflanzendoktor am Herzen liegt. Sein Credo: den Studenten vermitteln, dass die Einhaltung wissenschaftlicher Standards das wichtigste ist und stets zwischen Evidenz und Hypothese unterschieden werden muss. Problematisch sieht der Forscher, dass heutzutage in der Öffentlichkeit „ganz oft hypothesen- und weniger evidenzbasiert" gehandelt werde. „Das kann zu einem riesigen Problem werden, wo gravierende Fehlentscheidungen zustandekommen", argumentiert er. Deshalb drängt der Professor seine Studenten zu den oft mühsamen, aber notwendigen Feldversuchen und warnt davor, dass „die Feldbetrachtung in der modernen Agrarwissenschaft hinten runterfällt".

Hier folgt von Tiedemann dem Weg seines großen Vorbildes, dem Göttinger Phytomediziner Rudolf Heitefuß: „Er hat immer gesagt: Ein guter Agrarwissenschaftler steht immer mit einem Bein in der Furche." Die Landwirtschaft ist dem „Stadtkind" von Tiedemann längst ans Herz gewachsen und zur Richtschnur seiner Karriere geworden: „Es wäre für mich schon befriedigend, wenn ich am Ende Erkenntnisse gewonnen habe, die die Landwirtschaft weiterbringen."

Autorin: Beatrix Boldt

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