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11.10.2018

Quallen nutzbar machen

Jamileh
Javidpour

Beruf
Meeresbiologin

Position
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel, und Koordinatorin des EU-Projektes „GoJelly“

Jamileh Javidpour
Quelle: 
IPR
Meeresbiologin Jamileh Javidpour will beweisen, dass Quallen nicht nur Störenfriede sind, sondern auch sinnvoll genutzt werden können.

Quallen sind hierzulande nicht sonderlich beliebt. Vor allem am Strand oder im Wasser werden sie eher als störend empfunden. Doch die Meeresbewohner könnten durchaus sinnvoll genutzt werden – davon ist Jamileh Javidpour überzeugt. Im EU-Projekt "GoJelly" untersucht ein Team um die Kieler Meeresbiologin, ob sich die marinen Organismen ähnlich wie Algen auch als Mikroplastikfilter oder zur Herstellung von Dünger und Fischfutter eignen können. 

Frage 

Woraus ergibt sich die Notwendigkeit, Quallen als Rohstoff und Biomasse zu nutzen? 

Jamileh Javidpour
Antwort 

Mit bald 9 Milliarden Menschen auf der Erde sind wir an den Grenzen des Wachstums angekommen. Viele „traditionelle“ Ressourcen wie Fische als Proteinquelle sind bereits ausgeschöpft. Umso wichtiger ist in Zukunft die Suche nach neuen Ressourcen. Quallen treten in riesigen Mengen als Biomasse in den Ozeanen auf, nehmen global sogar eher zu. Bisher werden Quallen aber nur in wenigen, insbesondere asiatischen Ländern als Lebensmittel genutzt. 

Frage 

Wofür könnten Quallen konkret nützlich sein? 

Jamileh Javidpour
Antwort 

Das Potenzial für die Nutzung von Quallen als Nahrung und mariner Rohstoff erscheint riesig. Sie sind nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch für landwirtschaftliche Dünger geeignet. Auch als Rohmaterial für kosmetische und pharmazeutische Produkte sowie neuartige biotechnische Anwendungen oder gar als Mikroplastikfilter könnten Quallen genutzt werden.

Frage 

Welches Ziel verfolgt das Forschungsvorhaben GoJelly? 

Jamileh Javidpour
Antwort 

Wir wollen in GoJelly drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erstens wollen wir Wege aufzeigen, wie die Ressource Qualle besser genutzt werden kann. Dafür wollen wir mögliche Anwendungen wie in Kosmetika, Pharmazeutika, als Nahrungs- und Düngemittel testen und weiterentwickeln. Auch wollen wir  Modelle erarbeiten, die das Auftreten von Quallenblüten besser vorhersagen können. Dahinter verbirgt sich die Idee, die kommerzielle Befischung von Quallen möglich zu machen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung des auf Quallenschleim beruhenden neuartigen Mikroplastikfilters für Kläranlagen. Hier wollen wir die Grundlage schaffen, um Quallenschleim als Material für den Bau von Mikroplastikfiltern in Kläranlagen nutzen und somit den Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt zu verringern. Bisher gibt es solche Filter nicht oder nur in experimentellen Anwendungen zu enormen Kosten. Erste Studien haben ergeben, dass  Quallenschleim ein herausragendes Filtermaterial für Mikroplastik ist. Die technische Machbarkeit im kommerziellen Betrieb wollen wir im Projekt vorantreiben.

Frage 

Welche Ergebnisse gibt es nach knapp einem Jahr Projektarbeit? 

Jamileh Javidpour
Antwort 

Wir haben nach bisher fünf wissenschaflichen Expeditionen auf Forschungsschiffen ein weltweit anwendbares Protokoll für die Beprobung von Quallen und ihren Nahrungsnetzen sowie für die genetischen Untersuchungen entwickelt. Auch haben wir die Grundlage für die Parameterisierung von Modellen geschaffen, um die Vorhersage von Quallenblüten zu verbessern. Mit Flow2Vortex existiert bereits eine erste Anlage, um die Zucht (also Aquakultur) von Quallen in Offshoreanlagen zu testen. Solche Anlagen wären als zweites Standbein neben der Fischerei für die kommerzielle Nutzung von Quallen wichtig. Derzeit testen wir gerade an unterschiedlichen Quallenarten die Qualität und die Menge des zu erntenden Schleims prüfen die Methoden, um die Ernte zu optimieren, ohne die Filterfunktion zu beeinträchtigen. 

Frage 

Was sind die nächsten Aufgaben?

Jamileh Javidpour
Antwort 

Als nächstens wollen wir die Quallen im Labor chemisch und genetisch auf deren Eigenschaften untersuchen sowie Fischereimethoden- und Aquakulturanlagen testen, um Quallen in größeren Mengen zu ernten. Neben weiteren Schiffsexpeditionen zur Nahrungnetzbeprobungen sollen erste Modelle für die Vorhersage von Quallenblüten einsatzfähig werden. Zu guter Letzt arbeiten wir mit Hochdruck an unserer App Jellysopter, mit der jeder Besucher an der Ost- oder Nordsee Quallenfunde melden kann, wodurch der Blick auf Quallen geschult und die Meldung von Blüten vereinfacht werden soll.

Interview: Beatrix Boldt

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