Nahrungsmittel, Futtermittel, Rohstoff und Einkommensquelle auf der einen Seite, Umweltschäden, Gesundheitsprobleme und Armutsfalle auf der anderen Seite: Es gibt wohl wenige Bereiche der Gesellschaft, die so stark sowohl mit Lösungen wie Problemen assoziiert sind, wie die Landwirtschaft. Matin Qaim kommt nicht vom Bauernhof, und doch war für ihn schon als Jugendlicher klar, dass er Agrarwissenschaften studieren würde. Heute ist Qaim einer der renommiertesten deutschen Professoren auf den Gebieten Agrarökonomie und ländliche Entwicklung.
Durch Chancen und Neugier Forscher geworden
„Mein Ziel war immer die Arbeit in der Entwicklungspolitik“, erinnert sich der 49-Jährige. Weil er häufiger seinen Vater begleitete, der als Wissenschaftler viel in der Welt herumreiste, war Qaim früh mit anderen Kulturkreisen und Lebenssituationen konfrontiert: „Ich fand es spannend darüber nachzudenken, was die dortigen Lebenssituationen verbessern kann. Das Studium der Agrarwissenschaften war dafür genau der richtige Fokus“, erläutert er mit Blick auf Themen wie Armut und Hunger. Selbst zu Zeiten seiner Promotion in Agrarökonomie an der Universität Bonn sei es nicht sein Ziel gewesen, in der Wissenschaft zu bleiben. „Ich wollte in die praktische oder politische Entwicklungsarbeit.“ Dass er dann „aufgrund interessanter Chancen gepaart mit einer guten Portion Neugier“ doch die akademische Laufbahn einschlug, hat am Ende vielleicht mehr bewirkt.
Der Agrarökonom hat schon früh Technologie, fachliche Praxis und ökonomische Rahmenbedingungen zusammengedacht. In seiner Diplomarbeit befasste er sich mit der beduinischen Landwirtschaft in Ägypten. Seine Promotion fiel dann in die Frühzeit der Kommerzialisierung gentechnisch veränderter Pflanzen: „Ich stand Bio- und Gentechnik zunächst skeptisch gegenüber und war zu Beginn meiner Forschung nicht der Auffassung, dass sie ein besonderes Potenzial für Kleinbauern und Entwicklungsländer haben.“
In seiner Promotion habe er aufzeigen wollen, dass Gentechnik für die Ärmsten der Armen eher problematisch sei – doch dann habe sich seine Einschätzung durch die eigene Forschung gewandelt. Damals analysierte er, welche Folgen die zu dieser Zeit in der Entwicklung befindlichen Technologien – darunter eben auch die Gentechnik – für Kleinbauern in Mexiko und Kenia haben würden. Nach der Promotion führte der Weg Qaim für zwei Jahre in die USA, bevor er mit nur 33 Jahren habilitierte und als Professor für Internationalen Agrarhandel und Welternährung an die Universität Hohenheim in Stuttgart berufen wurde.
Kontroverse Themen wie den „Goldenen Reis“ untersucht
Anfangs blieb der Agrarökonom am Thema Gentechnik hängen, auch wegen der vielen Kontroversen, die es dazu gab, und befasste sich unter anderem auch mit dem „Goldenen Reis“. Dahinter verbirgt sich eine gentechnisch veränderte Pflanze, deren Körner das Provitamin A enthalten und so insbesondere in Asien einen verbreiteten Vitamin-A-Mangel reduzieren können.
„Die Entwicklung des Goldenen Reises durch Ingo Potrykus und Peter Beyer war Ende der 1990er Jahre ein wissenschaftlicher Durchbruch, den Pflanzenzüchter damals nicht für möglich gehalten hatten“, blickt Qaim zurück. Allerdings seien verfrüht Versprechungen gemacht worden, und auch die mediale Aufmerksamkeit habe verfrühte Erwartungen geweckt. Von einer in der Praxis nutzbaren Sorte sei man in den 1990er-Jahren noch weit entfernt gewesen. Nicht zuletzt habe die Gentechnikindustrie, die da bereits Gegenwind spürte, das Projekt für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert.
Dass es dann sogar 20 Jahre gedauert hat, bis heute in Bangladesch und auf den Philippinen die weltweit ersten Zulassungen für Goldenen Reis bevorstehen, habe unter anderem an strikten Regularien für die Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen gelegen, aber auch daran, dass Gegner den Fortschritt immer wieder verhindert und Feldversuche zerstört haben. „Viele Gegner haben den Goldenen Reis bekämpft, weil er ihre Argumente widerlegte, dass Gentechnik nur reichen Ländern helfe und immer profitgetrieben sei“, sagt Qaim.
Einzelne Technik nie Allheilmittel
Der Forscher warnt jedoch vor Technologiegläubigkeit: „Man darf von einer einzelnen Technologie nicht die Überwindung des Hungers erwarten, dafür ist das Problem zu komplex. Aber das heißt nicht, dass die Technologie keine Rolle spielt.“ So hätten seine eigenen Studien ergeben, dass der Goldene Reis etwa 60% des Vitamin-A-Mangels reduzieren könne. „Das macht ihn nicht zum Allheilmittel, aber 60% sind schon ein ganz erheblicher Beitrag“, findet Qaim.
Auch für die umstrittene gentechnische Bt-Baumwolle, die über ein artfremdes Gen verfügt, das die Pflanze vor bestimmten Schadinsekten schützt, zieht Qaim ein positives Fazit: „Kleinbauern, die Bt-Baumwolle anbauen, erzielen ein deutlich höheres Einkommen, weil sie weniger Schädlingsverluste haben und weniger Insektizide spritzen müssen.“ Ernsthafte Resistenzprobleme hätten die eigenen Daten innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren damals nicht gezeigt, und auch heute werde in Ländern wie Indien, China und Pakistan auf über 90% der Felder Bt-Baumwolle erfolgreich angebaut.
„Natürlich muss man das vernünftig managen“, betont der Forscher, und weist darauf hin, dass an einigen Standorten durchaus auch Resistenzen aufgetreten sind, im Gegenzug aber auch die Technologie weiterentwickelt werde und inzwischen ein weiteres Bt-Gen dem entgegenwirke. „Bei der Schädlingsbekämpfung muss man mögliche Resistenzen immer im Auge behalten – das ist kein Spezifikum, welches nur für die Gentechnik gilt.“