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12.07.2016

Nützliche Vielfalt: Biodiversität als Ressource

Die biologische Vielfalt sichert unsere Lebensgrundlagen und ist unerlässliche Ressource für die biobasierte Wirtschaft. Das Dossier beleuchtet, wie sich Biodiversität erfassen, wertschätzen, schützen und nachhaltig nutzen lässt.

Tomaten gibt es in vielen Farben und Formen. Die Biodiversität ist eine wichtige Ressource für die biobasierte Wirtschaft.
Quelle: 
Quelle: Philipp Graf/BIOCOM

Die Vielfalt der Arten, Gene und Lebensräume macht die Biodiversität auf unserem Planeten aus. Die biologische Vielfalt sichert nicht nur existenzielle Lebensgrundlagen, sie ist auch unerlässliche Ressource für die biobasierte Wirtschaft. Das Dossier beleuchtet, wie sich Biodiversität erfassen, wertschätzen, schützen und nutzen lässt. Dazu gibt es einen Überblick über aktuelle Themen aus Forschung und Anwendung sowie über relevante Strategien der Biodiversitätspolitik auf globaler und nationaler Ebene. Ein Trend geht hin zur ökonomischen Bewertung von Leistungen der Natur. Mit dem ab Juli 2016 auch in Deutschland umgesetzten Nagoya-Protokoll wird der Umgang mit genetischen Ressourcen gesetzlich geregelt.

 

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Was ist Biodiversität?

Mit dem vielschichtigen Begriff der Biodiversität ist die biologische Vielfalt auf unserem Planeten in all ihren Formen und Ausprägungen gemeint, also die Mannigfaltigkeit der Natur mit ihren Lebensräumen, Arten und genetischen Informationen. Der Begriff „Biodiversität“ machte ab den 1980er Jahren Karriere – es handelt sich um ein facettenreiches Konzept, das sich je nach wissenschaftlichem oder politischem Blickwinkel anders fassen lässt. Eine erschöpfende Definition gibt es daher bis heute nicht.

naturwissenschaftlich: Der Begriff biologische Vielfalt bzw. Biodiversität bezeichnet die Vielfalt der unterschiedlichen terrestrischen und aquatischen Lebensformen, ihre genetische Vielfalt, die Artenvielfalt, die Vielfalt von Ökosystemen sowie ihre Wechselbeziehungen untereinander und mit der natürlichen Umwelt (Standarddefinition gemäß der Biodiversitätskonvention).

gesellschaftlich: Die natürliche Vielfalt der Organismen (Biodiversität) ist eine der wesentlichen Grundlagen für das menschliche Überleben und ihr Wohlergehen. Auf der Vielfalt von Organismen und ihren Interaktionen beruhen Prozesse und Produktionswege in Ökosystemen, die von Menschen genutzt werden. Entsprechend ist der Erhalt von Biodiversität Voraussetzung für Ernährung und Gesundheitsvorsorge (Medizin), die Bereitstellung von Naturstoffen (Kleidung, Baumaterial, Werkstoffe) und anderer sogenannter Ökosystemdienstleistungen, wie z.B. die Pufferung des Klimas, die Verfügbarkeit von (Trink-)Wasser und der Schutz vor Überflutung.

politisch: Die enorme Bedeutung der Biodiversität für die menschliche Existenz hat ihren politischen Niederschlag vor allem im Übereinkommen zum Schutz der Biodiversität (Convention on Biological Diversity - CBD) gefunden, welches im Anschluss an den ersten Weltumweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurde. Die größte, inzwischen von über 190 Staaten unterzeichnete Umweltkonvention hält fest, dass Biodiversität grundlegend für das Wohlergehen und die Lebensqualität von Menschen ist. Der Erhalt der Biodiversität, die nachhaltige Nutzung und die gerechte Teilung der Vorteile aus ihrer Nutzung sind als gleichwertige Ziele formuliert worden.

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Die biologische Vielfalt vermessen

Wie lässt sich biologische Vielfalt erfassen? Forscher haben sich in der Vergangenheit besonders darauf fokussiert, den Artenreichtum auf der Welt zu messen. Auch wenn die Inventur der Arten die gesamte biologische Vielfalt aus heutiger Sicht nur lückenhaft beschreibt, so ist sie immer noch ein zentrales Maß der Biodiversitätsforschung.

Im Jahr 2005 veröffentlichten die Vereinten Nationen mit dem „Millenium Ecosystem Assessment“ (MEA) eine umfassende Bestandsanalyse der globalen Biodiversität. Demnach sind weltweit gerade einmal knapp 2 Millionen verschiedene Spezies beschrieben worden, davon sind rund 1 Million Insektenarten und rund 350.000 Pflanzenarten. Das ist ein Bruchteil der existierenden Biodiversität. Der Bericht geht von 10 bis zu 30 Millionen Arten von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen auf der Welt aus, die noch nicht erforscht sind.

Klar ist auch: Die biologische Vielfalt schrumpft rapide. Das dokumentiert zum Beispiel der globale Biodiversitätsindex für Tiere der Umweltorganisation WWF. Laut dem jüngsten „Living Planet Report 2014“, der die Entwicklung von mehr als 10.000 Populationen von mehr als 3.000 Wirbeltierarten verfolgt, hat sich die Populationsgröße von 1970 bis 2010 halbiert. Wichtige Ursachen dafür sind insbesondere der große Ressourcenverbrauch der wachsenden Weltbevölkerung, Landnutzungswandel und der damit verbundene Verlust von Lebensräumen, Verschmutzung, Klimawandel sowie invasive Arten.

Moderne Werkzeuge der Biodiversitätsforscher

Botanisiertrommel, Kescher und Vergrößerungsglas sind in der Biodiversitätsforschung zwar auch weiterhin gefragt. Zu diesen traditionellen Utensilien hat sich mittlerweile eine Reihe modernster Hightech-Werkzeuge gesellt.

Molekulare Analysen: Insbesondere um die genetische Vielfalt zu erforschen, sind moderne DNA-Technologien aus der Biodiversitätsforschung nicht mehr wegzudenken. Mittels Hochdurchsatz-Sequenzierung lassen sich Erbgutabschnitte oder sogar ganze Genome aus Zell- und Gewebeproben rasch und kostengünstig auslesen. So lassen sich mittlerweile sogar sämtliche Erbinformationen eines Lebensraums, etwa eine Bodenprobe, sequenzieren. Durch einen Abgleich mit einer Datenbank lassen sich die „genetischen Fingerabdrücke“ bereits bekannten Spezies zuordnen und ein Bild über die Artenzusammensetzung eines Lebensraums gewinnen. Für die Interpretation und Analyse der gewonnenen Daten ist Bioinformatik-Expertise, entsprechende Rechenkapazität und digitale Vernetzung gefragt.

Das sogenannte genetische Barcoding basiert auf dem Prinzip, dass Lebewesen charakteristische DNA-Abschnitte/Codes in ihrem Erbgut enthalten, mit deren Hilfe sie sich exakt einer Art zuordnen lassen. Untersucht wird hierbei in der Regel ein bestimmter Abschnitt in der DNA der Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Im Gegensatz zur konventionellen Artbestimmung lassen sich so auch dann Individuen ermitteln, wenn sie noch in einem frühen Entwicklungsstadium (etwa Larvenstadium) sind oder nur Überreste von ihnen gefunden werden. Das Barcoding kann die häufig aufwendige Bestimmungsarbeit durch Spezialisten enorm beschleunigen und sogar ersetzen. In Deutschland ist die vom Bundesforschungsministerium geförderte Initiative „German Barcode of Life“ derzeit mit der Inventur aller 60.000 in Deutschland lebenden Tier- und Pflanzenarten beschäftigt. Das Ziel: eine Referenzbibliothek aufbauen, damit das Barcoding zu einer einfach anwendbaren Routinetechnik wird, nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für die Landwirtschaft, für Lebensmittelkontrolleure, den Zoll oder die Forensik. Auch weitere bioanalytische Verfahren sind heute für Biodiversitätsforscher bedeutsam geworden, zum Beispiel Proteom- und Metabolom-Analysen.  Sogenannte Isotopen-Analysen verraten zum Beispiel etwas über die geographische Herkunft von Organismen.

Phänotypisierung:  Um die biologische Vielfalt zu verstehen, greift der Blick ins Erbgut zu kurz. Immer stärker rückt auch der Phänotyp eines Organismus in den Fokus. Dieser offenbart, wie sich die genetische „Innenausstattung“ tatsächlich in konkreten Eigenschaften ausprägt. Dies ist für Pflanzenzüchter – etwa beim Blick auf die Wechselwirkung zwischen Pflanze mit ihrer Umwelt – entscheidend. Um Analysen mit einer Vielzahl von Pflanzen durchführen zu können, werden sogenannte Phänotypisierungs-Plattformen etabliert. Hier werden die Gewächse vollautomatisiert in großer Stückzahl nach bestimmten Merkmalen durchmustert. Zur Vermessung der Pflanzen werden nicht-invasive bildgebende Verfahren und leistungsfähige Datenanalysen eingesetzt. Das vom BMBF geförderte Deutsche Pflanzen-Phänotypisierungs-Netzwerk DPPN entwickelt für diesen Forschungszweig relevante Methoden.

Fernerkundung: Leistungsfähige Messtechnik, verbaut in Flugzeugen oder Satelliten, ermöglicht es, wichtige Daten zur Meteorologie, zu den Böden und der Vegetation von Lebensräumen zu erfassen. Mithilfe von Hyperspektralaufnahmen lässt sich zum Beispiel die Reflexion des Sonnenlichts von Oberflächen messen. So kann man Baumarten anhand artspezifischer Reflexionsmuster erkennen. Auch die Tierbeobachtung wird durch moderne Telemetrie-Verfahren ständig verbessert: Die von DLR und Max-Planck-Gesellschaft geförderte ICARUS-Inititative (International Cooperation for Animal Research Using Space) will die globalen Wanderbewegungen kleiner Tiere durch ein auf der ISS installiertes Satellitensystem beobachten.

Crowd Sourcing/Citizen Science: Ehrenamtliche Naturschützer oder Hobby-Beobachter haben schon immer ein besonderes Auge auf die Artenvielfalt in Lebensräumen gehabt. Durch das Internet können ehrenamtlich aktive Bürger stärker für umfassende wissenschaftliche Beobachtungs- und Monitoringprojekte mobilisiert werden. Gerade in der Biodiversitätsforschung haben Citizen-Science-Projekte bereits zu bemerkenswerten Erkenntnissen geführt. Ein aktuelles Projekt ist zum Beispiel der Mückenatlas, hier sind Bürger seit 2012 dazu aufgerufen, Stechmücken per Post einzuschicken; die Forscher können mit diesen Proben Verbreitungskarten einzelner Arten erstellen. Weitere Projekte unter www.buergerschaffenwissen.de.

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Vielfalt als Rohstoff für die biobasierte Wirtschaft

Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen, ob als Wildform oder gezüchtete Kulturform, sind wichtige Lieferanten für Nahrungsmittel, Materialien und Wirkstoffe. Sie stellen damit die zentrale Ressource für die Bioökonomie dar. Einige Beispiele:

Landwirtschaft: Die Landwirtschaft ist nichts anderes als angewandte Biodiversitätsforschung: Vor rund 13.000 Jahren hat der Mensch begonnen, wilde Tiere und Pflanzen für seine Zwecke zu nutzen und sie in ihren Eigenschaften zu verändern. Tier- und Pflanzenzüchtung haben so eine Vielzahl an Tierrassen und Pflanzensorten und damit also enorme genetische Vielfalt hervorgebracht. Die Artenvielfalt auf unserem Speisezettel gestaltet sich jedoch sehr übersichtlich: 90 Prozent der Kalorien, die Menschen heute verzehren, stammen von 16 Nutztier- und Pflanzenarten ab. Vier Gräser dominieren dabei den globalen Ackerbau: Weizen, Mais, Reis und Zuckerrohr.

Dass die Domestizierung der Pflanzen noch nicht abgeschlossen ist, zeigen einige Newcomer in der Agrarlandschaft: Die Zuckerrübe entstand erst im 19. Jahrhundert, durch gezielte Züchtung konnte ihr Zuckergehalt enorm gesteigert werden, sodass in Europa eine heimische Alternative zum tropischen Zuckerrohr entstand. Das jüngste Beispiel für eine neuartige Kulturpflanze ist Triticale, eine Kreuzung aus Weizen und Roggen, die erst in den vergangenen 100 Jahren entstanden ist. Gerade in den Ländern mit moderner Landwirtschaft, die auf intensivierten Pflanzenbau, Hochleistungssorten und industrialisierte Tierhaltung setzt, ist die sogenannte Agrobiodiversität stark geschrumpft. Viele traditionelle Nutztierrassen und Pflanzensorten sind verschwunden oder vom Aussterben bedroht, großflächige Monokulturen lassen Lebensräume und Böden veröden. Wichtige Hebel, dem rapide voranschreitenden Verlust der biologischen Vielfalt gegenzusteuern, liegen in der Charakterisierung und dem Einsatz wilder Verwandter in der Züchtung. Auch sogenannte Genbanken sind bedeutende Archive der Biodiversität. Am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung IPK in Gatersleben ist die größte europäische Genbank für landwirtschaftliche und gärtnerische Kulturpflanzen angesiedelt. Hier lagert Saatgut von über 3000 Nutzpflanzenarten aus 800 Pflanzengattungen. Auch Anbauverfahren, wie sie der ökologische Landbau entwickelt, tragen zur Vielfalt auf den Äckern bei.

Medizin/Pharmazie: Die Pflanzenwelt ist ein schier unerschöpflicher Quell von Naturstoffen, die medizinische Wirkung entfalten und als Heilmittel eingesetzt werden können. 50.000 bis 70.000 Pflanzenarten werden nach Schätzungen von Wissenschaftlern heute medizinisch genutzt. Nur bei einem Bruchteil sind jedoch die pharmakologisch wirkenden Inhaltsstoffe bekannt. Ein klassisches Beispiel ist Aspirin: Das 1899 herausgebrachte Medikament geht auf einen Wirkstoff der Weidenrinde zurück. Neue Herzmedikamente wurden aus dem Roten Fingerhut entwickelt. Wirkstoffe aus der Pazifischen Eibe wiederum wirken gegen Krebs. Bei der Suche nach neuen Medikamenten auf pflanzlicher Basis sind sogenannte Ethnobotaniker in den entlegenen Winkeln der Welt unterwegs, um exotische Arzneipflanzen zu beschreiben und das traditionelle Wissen von Heilkundigen zu dokumentieren. Der derzeit wichtigste Anti-Malaria-Wirkstoff, Artemisinin, entstammt aus dem Wissen der traditionellen chinesischen Medizin. Pflanzliche Quelle ist der chinesische Beifuß Artemisia annua. Neben den Pflanzen sind Mikroorganismen die wichtigste Quelle für Arzneistoffe. Ein klassisches Beispiel ist das Penicillin, ein antibakterieller Wirkstoff hergestellt vom Schimmelpilz Penicillium notatum. Auf der Suche nach neuen Antibiotika durchforsten Mikrobiologen die unterschiedlichsten Lebenräume. Das Bodenbakterium Eleftheria terrae stellt den Wirkstoff Teixobactin her, der sich als schlagkräftiges Breitbandantibiotikum erwiesen hat. Forscher aus dem Saarland haben wiederum im Myxobakterium Cystobacter sp. einen potenziellen Wirkstoff einer neuen Stoffklasse aufgespürt, die gefährlichen multiresistenten Krankenhauskeimen den Garaus machen können.

Biotechnologie/Chemie: In der Biotechnologie werden Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze eingesetzt, um als lebende Biofabriken nützliche Moleküle herzustellen oder Stoffe umzuwandeln und zu veredeln. Jede Art hat sich im Laufe ihrer Evolution an unterschiedlichste Lebensräume angepasst und die unterschiedlichsten Stoffwechselprozesse und deren wichtigste Akteure, die Enzyme, hervorgebracht. Die Technologie der Metagenomik ermöglicht heute, mikrobielle Lebensgemeinschaften – sogenannte Mikrobiome – in bestimmten Lebensräumen oder Umweltproben zu erfassen. Durch die Entzifferung der gesamten Erbinformation in solchen Proben wird die riesige Zahl von Mikroorganismen und deren Fähigkeiten greifbar, auch jene, die sich nicht im Labor kultivieren lassen. Zu den biologischen Leistungsträgern der chemischen und pharmazeutischen Industrie zählen gut charakterisierte Produktionsorganismen wie der Darmkeim Escherichia coli, Bacillus subtilis, der Schimmelpilz Aspergillus niger oder die Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae. Zu den Neuentdeckungen zählt das Bakterium Basfia succiniproducens, das im Pansen von Rindern aufgespürt wurde: es ist in der Lage, die Plattformchemikalie Bernsteinsäure zu produzieren.

Materialien: Holz ist der mit Abstand wichtigste nachwachsende Bau- und Werkstoff. Je nach Baumart gibt es eine riesige Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten. Pflanzen wie auch Tiere sind für Materialforscher und Ingenieure eine große Inspirationsquelle. So stellen Spinnen und Florfliegen Seidenfäden mit herausragenden Eigenschaften her. Biochemiker in Bayreuth haben im Detail analysiert, wie die Tiere ihre Seidenproteinfäden erzeugen. In einem weiteren Schritt haben sie Bakterien so umfunktioniert, dass sie die Seidenproteine nun biotechnologisch herstellen können. Weitere Beispiele für den Forschungszweig der Bionik, der sich mit dem Übertragen von Phänomen der Natur auf die Technik beschäftigt, sind selbstreinigende Oberflächen mit Lotus-Effekt, Schwimmanzüge mit Haifischhaut oder Haftstreifen nach Gecko-Prinzip.

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Wieviel ist Biodiversität wert?

Trotz der Bemühungen zum Naturschutz und zur Bewahrung der Biodiversität ist die Erfolgsbilanz deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In Wissenschaft, Naturschutz und Politik gibt es in den vergangenen Jahrzehnten einen Trend hin zu einer stärker ökonomisch ausgerichteten Betrachtung und Wertschätzung der Biodiversität, die damit ihre gesellschaftliche Bedeutung betont.

Doch wie beziffert man den Wert der Natur? Zentral ist das Konzept der Ökosystemleistungen. Damit sind all jene durch Ökosysteme bereitgestellte Dinge und Funktionen gemeint, die zum Überleben und Wohlbefinden von Menschen beitragen und als solche nachgefragt werden. Die Natur wird quasi als Unternehmen betrachtet, das Dienstleistungsprodukte anbietet, die vom Mensch nachgefragt werden. Ökosystemleistungen sind mit einem direkten oder indirekten Nutzen für den Menschen verbunden. Dazu zählen  

  • Basisleistungen (Bodenbildung, Photosynthese)
  • Versorgungsleistungen (Nahrung, Trinkwasser),
  • Regulierungsleistungen (CO2-Speicherung, Wasserreinigung)
  • kulturelle Leistungen (Erholung)

Zu den Ökosystemleistungen, die man kaum wahrnimmt, zählt die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten. 30 Prozent des weltweiten Ertrags in der Landwirtschaft hängt von tierischer Bestäubung ab. Auch die natürliche Schädlingsbekämpfung, die Bereitstellung medizinisch wirksamer Pflanzeninhaltsstoffe oder die Erzeugung fruchtbarer Böden sind wichtige Ökosystemleistungen.

Das Konzept der Ökosystemleistungen wurde entwickelt, um den Nutzen von Ökosystemen systematisch zu erfassen. Der Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen ist jedoch sehr komplex. Vielfach lassen sie sich nicht in einfachen experimentellen Modellen untersuchen.

Wegweisend war das 2007 gestartete internationale Forschungsprojekt „The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB)“. Unter Schirmherrschaft des UN-Umweltprogramms UNEP initiiert wurde es von dem Ökonomen Pavan Sukhdev von der Deutschen Bank geleitet.  Das Ziel: den globalen gesamtwirtschaftlichen Nutzen der biologischen Vielfalt erfassbar machen, um den ökonomischen Wert stärker im öffentlichen Bewusstsein verankern zu können (zu den einzelnen Berichten: hier klicken). Die deutsche Nachfolgestudie der internationalen TEEB-Studie trägt den Titel „Naturkapital Deutschland – TEEB DE. Die Studie wird vom Bundesumweltministerium gefördert und wird vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) koordiniert (2012-2015).

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Biodiversitätsforschung in Deutschland

Die Biodiversitätsforschung ist in Deutschland breit aufgestellt. Geforscht wird an den Universitäten und an den außeruniversitären Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft sowie den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und der Länder.

Herausragende wissenschaftliche Zentren sind die naturkundlichen Sammlungen, wie etwa das Berliner Naturkundemuseum, das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig und das Senckenberg Naturmuseum. Viel Expertise ist auch bei den Naturschutzverbänden vorhanden, wie dem NABU, WWF, BUND etc.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert diverse Forschergruppen sowie das Schwerpunktprogramm „Biodiversitätsexploratorien“. Das BMBF unterstützt im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt das „nachhaltige Landmanagement“.

Um die Wissenschaftslandschaft bundesweit zu vernetzen, hat es in den vergangenen Jahren folgende Entwicklungen gegeben:

  • 2009 wurde der Verein DIVERSITAS Deutschland e.V. gegründet
  • es wurde das „Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) gegründet. Kern des vom BMBF geförderten Projekts ist die Online-Plattform biodiversity.de. Hier findet sich ein umfassender Überblick zu aktuellen Entwicklungen und den Akteuren der hiesigen Forschungslandschaft.
  • Die DFG fördert seit Oktober 2012 das interdisziplinäre Forschungszentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Leipzig-Jena. Ein Fokus des institutionell in Leipzig angesiedelten Zentrums liegt auf der Erforschung der nachhaltigen Bewirtschaftung der Biodiversität mit modernsten Technologien. In der erster Förderperiode bis 2016 wird es mit 33 Millionen Euro von der DFG gefördert.

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Politische Strategien international und national

So vielfältig wie die Biodiversität ist auch die Anzahl der politischen Abkommen zum Thema. Das maßgebliche internationale Abkommen für den Erhalt der Biodiversität ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity – CBD). Die wichtigsten Beschlüsse und Initiativen in diesem Kontext sind das Nagoya-Protokoll, das Cartagena Protokoll, der Strategic Plan for Biodiversity 2011-2020 mit den Aichi-Zielen und die Sustainable Development Goals (SDG). Darüber hinaus gibt es seit den 1970er Jahren weitere internationale  Naturschutzabkommen, die sich bestimmten Teilen oder Aspekten der Biodiversität widmen, wie z.B. das Washingtoner Artenschutz- Übereinkommen (CITES), das Übereinkommen zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) und das Übereinkommen zum Schutz von Feuchtgebieten ("Ramsar-Konvention"), die insgesamt die politische Bedeutung der Biodiversität unterstreichen.

Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD)

International liegt dem Schutz der Biodiversität das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) zu Grunde. Die Biodiversitätskonvention wurde 1992 in Rio de Janeiro auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung beschlossen und inzwischen von 193 Vertragsparteien, darunter Deutschland und die EU, unterzeichnet. Die Konvention ist das maßgebliche Übereinkommen auf internationaler Ebene und gibt seit mehr als 20 Jahren den Takt in der globalen Biodiversitätspolitik vor. Das Besondere: die Biosphäre wurde hier erstmals als facettenreiche Gesamtheit betrachtet – unter dem Dach eines völkerrechtlichen Abkommens. Die CBD geht über den reinen Naturschutz hinaus und bezieht auch das wirtschaftliche Potenzial der natürlichen Ressourcen und soziale Belange mit ein. Die drei gleichrangigen, übergeordneten Hauptziele der CBD sind:

  • Schutz der biologischen Vielfalt
  • nachhaltige Nutzung der Bestandteile der Biodiversität
  • gerechter Ausgleich von Vorteilen, die sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergeben.

Die CBD ist ein völkerrechtliches Rahmenabkommen, das Leitlinien und allgemeine Prinzipien vorgibt, die von den Vertragsstaaten in nationalen Strategien umgesetzt werden. Alle zwei Jahre findet eine Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties – COP) statt. Wesentliche Ergebnisse dieser Konferenzen sind Protokolle, die der Regulierung konkreter Themenfelder dienen. Das Cartagena-Protokoll von 2003 befasst sich mit Problematik der biologischen Sicherheit. Das Nagoya-Protokoll von 2010 formuliert spezifische Regelungen für den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich (mehr dazu im Kapitel 7).

The Strategic Plan for Biodiversity 2011-2020

Der Strategische Plan 2011-2020 wurde auch 2010 auf der COP 10 in Nagoya beschlossen. Da es sich um ein übergreifendes Rahmenwerk handeln sollte, wurde der Plan jedoch nicht von den Vertragsstaaten des CBD, sondern von der Konferenz aller Vertragsparteien der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) verabschiedet. In diesem strategischen Plan ist die Vision festgehalten, das bis 2050 die genetische Vielfalt der Erde geschätzt, konserviert, wiederhergestellt und nachhaltig genutzt werden soll. Die im Plan enthaltenen Aichi Biodiversity Targets spezifizieren 20 Ziele, die bis 2020 erreicht werden sollen. Strategische Eckpunkte der Aichi-Ziele sind:

  • die Ursachen des Biodiversitätsverlustes adressieren, indem die Biodiversitätsproblematik stärker in die Regierungen und in die Gesellschaft eingebracht wird
  • den nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen fördern
  • die Ökosysteme, verschiedenen Arten und genetische Vielfalt schützen
  • sicherstellen, dass die Vorteile, die aus der Biodiversität gezogen werden können, gerecht verteilt und eingefordert werden können
  • das vorhandene Wissen besser zugänglich zu machen und zu nutzen

Nachhaltigkeitsziele - die Sustainable Development Goals                      

Die Sustainable Development Goals (SDG) definieren die Hauptziele der Entwicklungsagenda der UN nach 2015. Während die Millenniums Development Goals (MDG) sich vor allem auf die Armutsreduzierung konzentrierten, verfolgen die Sustainable Development Goals einen breiteren Ansatz. Die Ziele sollen helfen die Armut zu beenden, den Planeten zu schützen und Wohlstand für alle zu erreichen. Das 15. Ziel fordert, den Biodiversitätsverlust zu stoppen und Ökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und ihre nachhaltige Nutzung zu fördern. Bis 2020 soll unter anderem die Entwaldung gestoppt, Wälder wieder aufgeforstet und das Aussterben von neuen Spezies verhindert werden. Die 17 Ziele der SDG gelten seit Anfang 2016 und sollen im Laufe der nächsten 15 Jahre umgesetzt werden. Es handelt sich um universelle Ziele, deren Umsetzung auf nationaler Ebene vorangetrieben werden soll, die aber nicht legal verbindlich sind.

Nationale Biodiversitätsstrategie

Sowohl die EU als auch Deutschland haben gemäß der CBD eigene Biodiversitätsstrategien aufgelegt, in denen Ziele zum Schutz der Biodiversität formuliert werden.
Seit 2007 gibt es die unter Federführung des Bundesumweltminsteriums erarbeitete Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS). Diese behandelt den Schutz, die nachhaltige Nutzung und die sozialen Aspekte der Erhaltung der biologischen Vielfalt. Die Strategie ist eingebettet in die nationale Nachhaltigkeitsstrategie und die Biodiversitätsstrategie der EU. Der Zeitrahmen für die Umsetzung der Strategie reicht bis 2020. Seit 2011 unterstützt das Bundesprogramm zur Biologischen Vielfalt die Umsetzung der NBS. Jährlich werden hier bis zu 15 Millionen Euro investiert. Insgesamt enthält die Strategie rund 330 Ziele, 430 Maßnahmen und Indikatoren, um sie zu kontrollieren und zu verbessern.

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Umgang mit genetischen Ressourcen: das Nagoya-Protokoll

Eines der drei übergreifenden Ziele der Biodiversitätskonvention CBD ist der gerechte Ausgleich von Vorteilen, die sich aus der Nutzung von genetischen Ressourcen ergeben.
Zur Umsetzung dieses Ziels wurde 2010 auf der Vertragsstaatenkonferenz COP 10 das Nagoya-Protokoll konzipiert. Der international rechtsverbindliche Vertrag ist am 12. Oktober 2014 in Kraft getreten.
Das Protokoll definiert Regeln über den „Zugang zu genetischen Ressourcen und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der Vorteile, die sich aus ihrer Nutzung ergeben“. Ein Grund für die Notwendigkeit des Protokolls ist, dass die landwirtschaftliche Biodiversität – und damit einhergehend die genetische Vielfalt – in den Entwicklungsländern häufig höher ist, als in den Industrieländern. In der Vergangenheit wurden immer wieder genetische Ressourcen aus Entwicklungsländern verwendet und Patente entwickelt, ohne die Zustimmung der Ursprungsländer einzuholen und diese an den Gewinnen zu beteiligen.
Mithilfe des Protokolls soll nun sichergestellt werden, dass die Länder, in denen genetische Ressourcen gefunden werden, auch von der Nutzung dieser profitieren und entschädigt werden. Das zentrale Konzept wird „Access and Benefit-Sharing“ (ABS) genannt. Access (also Zugang) steht für den Erwerb oder die Aneignung einer genetischen Ressource oder darauf bezogenen traditionellen Wissens. Der faire und gerechte Ausgleich soll zwischen den Nutzern und den Staaten erfolgen, die die Ressourcen zur Verfügung gestellt haben.
Weiterhin wird erhofft, dass der Erhalt der Artenvielfalt in den Entwicklungsländern durch die ökonomischen Anreize einen dauerhaft höheren Stellenwert einnehmen kann. Die EU unterzeichnete das Protokoll und veröffentlichte Ende 2014 die EU Verordnung 511/2014 über die Maßnahmen für die Nutzer zur Einhaltung der Vorschriften des Protokolls von Nagoya.  Ein entsprechendes Vollzugsgesetz für Deutschland wurde vom Bundestag am 15.10.2015 beschlossen und wird am 1. Juli 2016 in Kraft treten. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist die für dieses Gesetz die zuständige Vollzugsbehörde. Es wird künftig untersuchen, ob die Nutzer genetischer Ressourcen die Vereinbarungen des Nagoya-Protokolls einhalten. Welche Auswirkungen die Umsetzung des Protokolls auf die Grundlagenforschung und Produktentwicklung in Deutschland hat, ist noch nicht vollständig absehbar.

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