Quote könnte Investitionen in Biokunststoffe fördern
Das nova-Institut rechnet vor, welches Investitionssignal eine europäische Quote für biobasierte Polymere setzen könnte. Schon ein kleiner Marktanteil würde neue Kapazitäten erfordern.
Kunststoffe bestehen noch immer überwiegend aus fossilen Rohstoffen. Biobasierte Alternativen sind verfügbar, erreichen im europäischen Markt aber bisher nur kleine Mengen. Das nova-Institut hat nun ein Szenario vorgelegt, das die mögliche Wirkung einer Quote für biobasierte Polymere abschätzt. Demnach könnte schon ein Anteil von fünf Prozent an der europäischen Kunststoffproduktion Investitionen von mehr als fünf Milliarden Euro auslösen.
Die Rechnung versteht sich ausdrücklich als Diskussionsbeitrag. Sie geht von der gesamten Kunststoffproduktion in Europa aus. Diese lag 2024 bei 54,6 Mio. Tonnen. Davon entfielen laut der zugrunde gelegten PlasticsEurope-Daten 1,1 Prozent auf biobasierte und sogenannte bio-attribuierte Kunststoffe. Das entspricht rund 0,6 Mio. Tonnen. Eine Quote von fünf Prozent würde etwa 2,7 Mio. Tonnen erfordern. Gegenüber heute müssten also rund 2,1 Mio. Tonnen zusätzliche biobasierte Produktionskapazität entstehen.
Drei Wege zu biobasierten Polymeren
Das Szenario teilt diese zusätzliche Menge in drei Gruppen auf. Rund 30 Prozent könnten demnach aus bio-attribuierten Quellen kommen. Dabei werden biogene Rohstoffe in bestehende Anlagen eingespeist und bilanziell bestimmten Produkten zugerechnet. Der Vorteil liegt in der schnellen Skalierung. Für den Aufbau neuer Anlagen wäre dieser Weg aber nur begrenzt wirksam, weil vor allem bestehende Produktionsstrukturen genutzt würden.
Ein Viertel der zusätzlichen Menge entfällt im Szenario auf eigenständige biobasierte Polymere. Als Beispiel nennt das nova-Institut Polymilchsäure, kurz PLA. Für die Herstellung braucht es eigene Anlagen für den Baustein Milchsäure beziehungsweise Lactid und für den daraus entstehenden Kunststoff PLA. Für eine zusätzliche Jahreskapazität von 0,53 Mio. Tonnen PLA veranschlagt das Institut einen Investitionsbedarf von rund 2,1 Mrd. Euro.
Der größte Anteil würde auf sogenannte Drop-in-Kunststoffe entfallen. Das sind Materialien wie Polyethylen oder Polypropylen, die chemisch ihren fossilen Gegenstücken entsprechen, aber aus biobasierten Bausteinen hergestellt werden. Für biobasiertes Polyethylen wäre zum Beispiel Bioethanol ein Ausgangspunkt. Für weitere Polyolefine könnte Biomethanol genutzt werden. In beiden Fällen könnten vorhandene Kunststoffanlagen weiterverwendet werden, wenn ausreichend biobasierte Zwischenprodukte wie Ethylen oder Propylen verfügbar sind. Die Investitionen würden dann vor allem für die Herstellung dieser biobasierten Zwischenprodukte anfallen.
Marktsignal statt Einzelprojekt
Insgesamt kommt das nova-Institut für das Fünf-Prozent-Szenario auf 5,3 Mrd. Euro Investitionsbedarf. Eine spätere Quote von 30 Prozent würde rechnerisch Investitionen von 32 Mrd. Euro erforderlich machen. Zum Vergleich verweist der Autor Michael Carus auf die Entwicklung bei Biokraftstoffen. Dort hätten EU-Quoten in den 2000er Jahren den Bau zahlreicher Produktionsanlagen angestoßen.
Für die Bioökonomie ist die Rechnung vor allem deshalb interessant, weil sie den Blick von einzelnen Materialien auf Marktbedingungen lenkt. Biobasierte Kunststoffe konkurrieren häufig mit etablierten fossilen Produkten, kleinen Produktionsmengen und unsicheren politischen Rahmenbedingungen. Eine Quote könnte Planungssicherheit schaffen. Offen bleibt jedoch, wie Nachhaltigkeitskriterien, Rohstoffverfügbarkeit, Recycling und Kosten fair geregelt würden. Genau an diesen Punkten würde sich entscheiden, ob eine Quote tatsächlich zu mehr biobasierter Produktion in Europa führt.
ag