Naturfasern von belasteten Standorten

Naturfasern von belasteten Standorten

Brennnesseln liefern robuste Naturfasern und wachsen auch auf belasteten Standorten. Forschende haben untersucht, wie nachhaltig der Anbau mit Pappeln sein kann.

Brennnesselfeld
Brennnesseln auf Versuchsflächen können technische Naturfasern liefern und zugleich belastete Brachflächen dauerhaft begrünen.

Auf früheren Industrieflächen oder anderen belasteten Brachflächen ist Ackerbau oft keine Option. Gleichzeitig wächst der Bedarf an pflanzlichen Fasern für Textilien, Verbundwerkstoffe und andere technische Anwendungen. Eine internationale Forschungsgruppe mit Beteiligung der Hochschule Bremen hat nun untersucht, ob die Große Brennnessel hier eine doppelte Rolle übernehmen kann: als Rohstoffpflanze und als Baustein einer schonenden Flächennutzung.

Untersucht wurde ein System, in dem Brennnesseln (Urtica dioica) unter Pappeln wachsen. Die Pappeln strukturieren den Standort, die Brennnesseln liefern Fasern aus ihren Stängeln. Solche Naturfasern können Kunststoffe verstärken oder in technischen Textilien eingesetzt werden. Der Ansatz ist vor allem deshalb interessant, weil er nicht auf zusätzliche Ackerflächen für Nahrungspflanzen angewiesen ist.

Brachflächen im Vergleich

Für die im Fachjournal „Remediation“ veröffentlichte Studie bewerteten die Forschenden drei Standorte in Deutschland, Frankreich und Italien. Das Brennnessel-Pappel-System wurde mit anderen Nutzungsformen verglichen, darunter konventionelle Landwirtschaft, natürliche Sukzession und Photovoltaik. Die Bewertung erfolgte qualitativ, also anhand standortspezifischer Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialkriterien, nicht als Ertrags- oder Marktstudie. Grundlage waren Methoden zur nachhaltigen Sanierung und Wiedernutzung belasteter Flächen.

Nach Angaben der Hochschule Bremen schnitt die Kombination aus Brennnesseln und Pappeln besonders bei ökologischen Kriterien gut ab. Genannt werden unter anderem eine bessere Bodenfunktion, ein geringeres Erosionsrisiko und mögliche Vorteile für die Biodiversität. Gleichzeitig könnten technische Naturfasern entstehen, ohne dass die Flächen in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten.

Rohstoff mit Standortprüfung

Für die Bioökonomie zeigt die Studie damit einen weiteren Weg, wie nachwachsende Rohstoffe auf bisher wenig genutzten Flächen erzeugt werden könnten. Entscheidend ist dabei der konkrete Standort. Belastete Flächen unterscheiden sich stark, etwa in Schadstoffen, Bodenaufbau, Wasserhaushalt und späterer Nutzbarkeit. Auch die Frage, welche Faserqualitäten und Mengen unter Praxisbedingungen erreichbar sind, beantwortet die Untersuchung noch nicht.

Der Befund ist daher kein Nachweis für eine sofort verfügbare Rohstoffkette. Er liefert aber eine begründete Option für Flächen, die weder klassischer Landwirtschaft noch reiner Stilllegung eindeutig zuzuordnen sind. Ob daraus belastbare Wertschöpfung mit Brennnesselfasern entsteht, muss in weiteren Anbau-, Verarbeitungs- und Materialtests gezeigt werden.

ag