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01.12.2015

Innovationsakademie Biotechnologie: Ideengestalter am Werk

Bei der sechsten Innovationsakademie Biotechnologie des BMBF suchten 50 Teilnehmer nach Geschäftsideen der Zukunft - mitten in einem Hotspot der Berliner Start-up-Szene.

Bei der Innovationsakademie Biotechnologie 2015 waren weiße Pappwürfel ein wichtiges Instrument - zum Beispiel, um die Entstehung von Zibetkatzen-Kaffee darzustellen
Bei der Innovationsakademie Biotechnologie 2015 waren weiße Pappwürfel ein wichtiges Instrument.

Ein Hotspot des Berliner Start-up-Booms, die Factory, war in diesem Jahr Schauplatz der sechsten „Innovationsakademie Biotechnologie“. Der exklusive Workshop – eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) – fand vom 19. bis 20. November im Rahmen der „Gründerwoche Deutschland“ statt. 50 findige Gründungswillige, Wirtschaftsexperten und Designer waren dabei, um in bunt gemischten Teams neue Ideen für biotechnologische Produkte oder Dienstleistungen zu suchen. Getreu dem diesjährigen Motto „Visionären Geschäftsideen Gestalt geben“ ging es darum, nicht nur abstrakte Geistesblitze, sondern möglichst etwas Greifbares zu präsentieren. Eine Nanopartikel-Therapie gegen Krebs, ein Hightech-Zahnimplantat sowie ein Online-Archiv für Ethnomedizin – am Ende konnten drei Teams besonders überzeugen. Sie erhalten 50.000 Euro, um ihre Ideen weiter auszuarbeiten.

Die „Factory“ bezeichnet sich selbst als Deutschlands größter Start-up-Campus, jede Menge junger IT-Firmen als auch erfolgreiche Größen wie Twitter oder Soundcloud haben sich in dem modernen Gebäudekomplex direkt neben der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße angesiedelt. Der langgezogene Veranstaltungsraum im Keller der Factory, gesäumt von unverputztem Mauerwerk und schwarzen Stahlträgern, bot das geeignete Umfeld für zwei Tage intensive Werkstattatmosphäre

Bunt gemischtes Teilnehmerfeld

Das 50-köpfige Teilnehmerfeld war auch bei der sechsten Auflage der „Innovationsakademie Biotechnologie“ wieder bunt gemischt aus Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Wirtschaftsexperten und Designern. Das Gros der Teilnehmer war per Empfehlung zu der exklusiven Veranstaltung gekommen – ehemalige Teilnehmer und ausgewählte Multiplikatoren hatten dazu sogenannte „Greencards“ verschickt. Prinzipiell kann sich jeder Interessierte bewerben. Zudem wirkten Gründerpersönlichkeiten und Wirtschaftsexperten aktiv in den Teams mit. Konzipiert und organisiert hatte die Innovationsakademie in diesem Jahr ein Team um Elna Schirrmeister vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. „Diesmal waren noch mehr Designer dabei als sonst“, sagt Schirrmeister. Das lag an dem Leitmotiv: „Visionären Ideen Gestalt geben“. Am Ende des Workshops sollten tatsächlich Ideen stehen, die auch als Produkt erfassbar oder greifbar sind, so Schirrmeister. Dafür stand auch das zentrale Multifunktionswerkzeug: große Würfel aus weißer Pappe. Sie dienten jedem Teilnehmer als 3D-Visitenkarte, waren zugleich Abstimmungstool, Baumaterial und Präsentationsmedium.

Der Würfel als Medium

Am ersten Tag stand für die Gruppe nicht nur das Kennenlernen im Vordergrund, es ging alsbald auf eine „Zeitreise“, mit einem Wühltisch voller Zukunftsideen und Bedarfstrends, den die Foresight-Experten vom Fraunhofer ISI gedeckt hatten. In ständig wechselnden Teamformationen kristallisierten sich hier 36 favorisierte Ideen für Produkte oder Dienstleistungen in den Life Sciences heraus

Mini-Szenarien wurden entworfen, potenzielle Geschäftsideen skizziert und auf der Bühne vorgestellt. Dann stimmten die Teilnehmer ab und die Teams wurden gefunden – natürlich mit Würfel. Sieben Ideen schafften es ins Finale am zweiten Tag: vom smarten Zahnputzbecher bis zur pflanzenbasierten Phosphatrückgewinnung („Phytolizer“), vom im Bioreaktor anstatt im Zibetkatzendarm fermentierten Spitzenkaffee bis hin zu einer Filtertechnik für Seltenen Erden aus Elektroschrott – die Ideen waren vielfältig. Mit viel Energie machten sich die Teams daran, an ihren Geschäftsideen zu werkeln und sie dazu noch so plastisch wie möglich werden zu lassen. Auch hier leisteten die weißen Pappquader wieder gute Dienste. In einem 3D-Printer konnten die Teams ihre Produktideen sogar vor Ort ausdrucken lassen.

Smarte Nanopartikel für gezielte Krebstherapie

Nach den kompakten Abschlusspräsentationen mit vielen kritischen Nachfragen von Jury und Teilnehmerriege wurden die besten drei Projektideen der diesjährigen Innovationsakademie gekürt. Alle drei dürfen sich über 50.000 Euro freuen.
Auf Platz eins landete ein Sechser-Team mit einer Geschäftsidee für eine „Selektive Metastasentherapie“. Die Idee: Neuartige Nanopartikel als Schlüssel für eine gezielte und effektivere Behandlung von gestreutem Tumorgewebe. Als Patient „Tim“ musste ein Pappkamerad herhalten, in seinem Brustkorb steckte ein aufgeblasener grüner Ballon. „Die Nanopartikel durchdringen nur an ausgewählten Stellen die Blutgefäße, und der Tumor kann so gezielt mit Neutronen bestrahlt werden“, erklärt der Präsentator aus dem Team die Behandlung. Mit sichtbarem Erfolg: Der Ballon schrumpft in sich zusammen. Nicht nur bei der Jury, auch bei den Teilnehmern konnte die eindrucksvolle Demonstration am meisten punkten

Zahnimplantat mit Mikrokanälen

Platz zwei ging an eine Idee aus der Zahnmedizin – „Everdent“. Der Clou: Es handelt sich um ein Implantant mit Mikrokanälen darin. Die können bei einer Entzündung mit passenden Antibiotika geflutet werden. Bei der Fertigung solcher Hightech-Implantate könnten 3D-Druck-Verfahren zum Einsatz kommen.

Evidenzbasierte Ethnomedizin

Eine Kombination aus IT und traditioneller Heilkunde steckt hinter dem Konzept, das sich ein Team aus sechs Teilnehmern überlegt hat: Eine Datenbank zur evidenzbasierten Ethnomedizin. In einem Online-Archiv will das Team das Wissen zu traditionellen Behandlungen aus den verschiedensten Kulturen weltweit, zum Beispiel auf der Basis exotischer Kräuter oder Früchte, zusammentragen, es überprüfen und verfügbar machen. Dafür gab es den dritten Platz. „Die Gewinnerteams dürfen die 50.000 Euro nun in den kommenden neun Monaten dafür einsetzen, ihre Idee weiterzuentwickeln“, sagt Jan Strey vom zuständigen Projektträger Jülich. Dazu gehöre nicht nur, einen Entwicklungsplan für die technische Umsetzung aufzustellen. Sondern auch die Bedürfnisse des Marktes und der Kunden auszuloten. Die Gewinnerteams haben damit einen ersten Meilenstein auf dem Weg zu einem innovativen Biotech-Produkt geschafft. Jetzt gilt es, die Ideen weiter zu formen.

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