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29.04.2016

Biotechnologietage in Leipzig: Bioökonomie in hoher Dichte

Bei den Deutschen Biotechnologietagen in Leipzig diskutierte die Branche ein breites Spektrum an Themen. Auch Pflanzen- und industrielle Biotechnologie hatten ihren Platz.

Mehr als 800 Besucher hatten die Biotechnologietage in Leipzig angelockt.
Mehr als 800 Besucher hatten die Biotechnologietage in Leipzig angelockt.
Quelle: 
Bernd Lammel

Die Deutschen Biotechnologietage haben auch bei ihrer siebten Ausgabe wieder mehr als 800 Besucher angelockt. Die Veranstalter um BIO Deutschland, den Arbeitskreis der BioRegionen und Gastgeber biosaxony zeigten sich rundum zufrieden mit dem zweitägigen Branchentreff, der vom 26. bis 27. April in der Kongresshalte am Zoo in Leipzig stattfand. In zahlreichen parallelen Sessions ging es nicht nur um medizinische Aspekte der Biotechnologie. Auch Pflanzen- und industrielle Biotechnologie hatten ihren Platz. Zahlreiche vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekte zur biobasierten Wirtschaft und zur biotechnologischen Produktion wurden vorgestellt. Vielfach ging es um die Frage, wie die neuen Werkzeuge des Genome Editing derzeit die biomedizinische Forschung und die Landwirtschaft verändern.

Die jährliche Veranstaltung ist der wichtigste Branchentreff für Biotechnologie-Experten in Deutschland. Zwei Tage lang brachten sich Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf den neuesten Stand der Diskussionen: Neben vielen Gesundheitsthemen sowie Fragen der Finanzierung hat auch die Bioökonomie ihren festen Platz im Programm. Mehrere Workshops zur industriellen Biotechnologie beleuchteten den aktuellen Stand der Bioraffinerie-Entwicklung in Deutschland, gingen neuen Verfahren der Pflanzenzüchtung auf den Grund oder diskutierten innovative Ansätze zur Rohstoffgewinnung wie das Green Mining.

Optimistischer Blick auf die Branche

BMBF-Staatsekretär Georg Schütte war am zweiten der beiden Biotechnologietage nach Leipzig gekommen. „Angesichts konkreter Erfolge und Potenziale ist die Biotechnologie längst nicht mehr nur eine Wette auf die Zukunft, sondern Realität“, sagte er. Mit Blick auf die jüngst von biotechnologie.de vorgestellten Branchenzahlen mit nachhaltiger Wachstumstendenz gab er sich optimistisch: „Das Glas ist drei viertel voll“.

Derzeit sei man im Bundesforschungsministerium dabei, die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie weiterzuentwickeln. Und auch an Verbesserungen der Mittelstandsförderung werde weiter gearbeitet. Schütte zeichnete in Leipzig .

Brain AG setzt aufs Bioökonomie-Image

Mit der Brain AG hat 2016 erstmals seit Langem wieder ein deutsches Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland den Sprung an die Börse gewagt. Brain-Geschäftsführer Jürgen Eck berichtete über die Erfahrungen der ersten Monate. Die Volalität an den Börsenmärkten sei mittlerweile so hoch, dass sie nicht mehr dazu tauge, die Zeit in gute oder schlechte Börsenfenster einzuteilen. Die Zwingenberger Experten der industriellen Biotechnologie hatten bei ihrem Börsenstart mit erheblichem Gegenwind auf den internationalen und nationalen Märkten zu tun. Am Ende jedoch waren sie dennoch erfolgreich. Eine wichtige Entscheidung hatten sie bereits nach den ersten Vorab-Roadshows getroffen. Eck: „Wenn Sie nicht im pharmazeutischen Bereich unterwegs sind, müssen Sie das Wort Biotech vermeiden. Deswegen haben wir uns als Bioökonomie-Börsengang verstanden.“

Effiziente Spritproduktion in der Straubinger Bioraffinerie

Andre Koltermann vom Spezialchemiekonzern Clariant berichtete über neueste Fortschritte bei der Bioraffinerie-Demonstrationsanlage in Straubing, in der aus Agrarreststoffen wie Weizenstroh der Biosprit Cellulose-Ethanol hergestellt wird. Kürzlich haben die Biotechnologen erfolgreich mit Zuckerrohr-Bagasse – einem Abfallprodukt aus der Zuckergewinnung aus Brasilien –  als Rohstoff experimentiert. Dazu wurden 40 Container der Zuckerrohr-Pflanzenreste zu Testzwecken nach Straubing geliefert. Aus einer Tonne Biomasse konnten bis zu 300 Liter Cellulose-Ethanol gewonnen werden. „Dank dieser Effizienz kann das Herstellungsverfahren mit dem konventionellen Zuckerrohr-Ethanol in Brasilien mithalten“, so Koltermann.

Eine große Bandbreite an weiteren Ideen für eine biobasierte Wirtschaft wurden in Leipzig vorgestellt: von der Herstellung von Schmierstoffen aus Altfett, über die biotechnische Produktion von Alginat als Ausgangsmaterial für Wundauflagen bis hin zur in Deutschland betriebenen Enzym-Datenbank BRENDA, die als eine der weltweit wichtigsten Ressourcen mit Informationen über 77.000 Enzyme gilt.

Lebensmittel vor gefährlichen Keimen schützen

Auch die Pflanzenbiotechnologie kam in Leipzig nicht zu kurz, ihr war ein eigener Vortragsblock am Mittwoch Vormittag gewidmet. Yuri Gleba von der in München und Halle ansässigen Nomad Bioscience GmbH stellte den in Pflanzen produzierten Wirkstoff Colicin vor, der gefährlichen Lebensmittel-Keimen künftig den Garaus machen soll. Vor fünf Jahren hatte die EHEC-Epidemie Deutschland in Atem gehalten – die von pathogenen E.coli-Bakterien ausgelöste Seuche forderte 53 Tote. Aber auch Salmonellen führen immer wieder zu gefährlichen Ausbrüchen. Genau gegen Keime wie diese wirken Colicin und Endolysin – Naturstoffe, die ursprünglich selbst aus Bakterien stammen. Das Team um Gleba lässt das Colicin in Pflanzen als Wirkstofffabriken produzieren. „Im vergangenen Dezember hat die US-Behörde FDA unser Produkt für den Einsatz in Lebensmitteln als unbedenklich eingestuft“, so Gleba. Der Plan: die Forscher wollen die antimikrobiellen Substanzen als schützenden Zusatz für Geflügel- oder Rindfleischzubereitungen weiterentwickeln. Eine weitere Technologie erlaubt es, Pflanzen mithilfe eines Viren-Sprays zu kurzzeitigen Wirkstofffabriken zu machen. „Hiermit können wir die Blühzeit von Nutzpflanzen beschleunigen“, so Gleba. Im Freiland werden die modifizierten Pflanzen ausschließlich in den USA getestet.

Genomchirurgie für die Züchtung

Genomscheren wie CRISPR-Cas revolutionieren derzeit die Molekularbiologie. Und so durfte das Topthema Genome Editing natürlich nicht bei den Biotechnologietagen fehlen. Der Pflanzenforscher Frank Hartung vom Julius-Kühn-Institut sprach vom Genome Editing als „Booster für die Pflanzenzüchtung“. In Kanada seien Nutzpflanzen, die mit der Technik der Oligo-gerichteten Mutagenese von Cibus erzeugt wurden, bereits für den Anbau zugelassen worden. „Erstmals war hier das fertige Produkt Maßstab für die Zulassung durch die Behörden und nicht die angewandte Technologie“, sagte Hartung.  Und erst kürzlich seien in den USA zwei mithilfe von CRISPR-Cas erzeugte Pflanzen für den Anbau zugelassen worden.
Björn Petersen vom FLI Institut für Nutztiergenetik erläuterte, wie sein Team Schweine genetisch verändert, um dereinst Spenderorgane für die Xenotransplantation herzustellen. Dazu müssen bestimmte Oberflächenmoleküle auf den Schweinezellen durch gezielte Mutationen entfernt werden. „Mit CRISPR-Cas müssen wir nicht mehr so wie bisher nach der Dolly-Methode klonen – und 60% der Nachkommen tragen die gewünschte Genveränderung „so Petersen. Auch die Vision von der Zucht hornloser Rinder könne nun vermutlich schneller erreicht werden. In den USA gebe es bereits erste Züchtungsfortschritte in diese Richtung.

Die Biotechnologietage 2017 werden vom niedersächsischen Cluster BioRegioN ausgerichtet, die hiesige Branche wird sich in einem Jahr dann in Hannover wiedersehen.

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