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06.06.2014

Biobasierte Innovationen für Küche, Garage und Catwalk

Ob Autoreifen aus Löwenzahn, goldene Textilfasern aus Stroh, Lupineneis oder probiotische Zahnpasta - bei der Halbzeitkonferenz Bioökonomie in Berlin gab es neben reichlich Diskussionsstoff auch jede Menge biobasierte Produkte zum Anfassen.

Ein Highlight der Halbzeitkonferenz Bioökonomie im Berliner Ewerk: Eine Ausstellung mit biobasierten Produkten zum Anfassen - in Wohnzimmer, Küche, Bad und Garage.
Ein Highlight der Halbzeitkonferenz Bioökonomie im Berliner Ewerk: Eine Ausstellung mit biobasierten Produkten zum Anfassen - in W

Zur „Halbzeitkonferenz Bioökonomie“ wurde am 5. Juni nicht nur über das Potenzial einer biobasierten Wirtschaft diskutiert. Es gab für die knapp 500 Teilnehmer auch jede Menge handfeste Innovationen zu erleben. In der Ausstellung „Bioökonomie im Alltag“ wurden rund 40 Produkte präsentiert, die bereits für den Einsatz in Wohnzimmer, Küche, Bad und Garage auf dem Markt sind. Kleidsames aus ungewöhnlichen Ausgangsstoffen wie Milchprotein oder Mikroalgen gab es bei einer Modenschau zu besichtigen.

Innovative Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen oder biobasierten Prozessen – das steckt im Kern hinter dem Begriff Bioökonomie. Besonders klar wurde in Berlin die heute schon erhältliche Produktvielfalt mit der eigens konzipierten Ausstellung „Bioökonomie im Alltag“ – ein begehbares Ensemble aus Wohnzimmer, Küche, Bad und Garage. Überraschungen waren dabei programmiert: „Das ist ja irre, so dünn wie ein Haar“, sagte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka zu einem goldschimmernden Hightech-Garn, den Potsdamer Polymerforscher aus Weizenstroh hergestellt haben

Die Fasern könnten es in ihren technischen Eigenschaften mit Carbonfasern aufnehmen, betonte der Vorsitzende des Bioökonomierates, Joachim von Braun, bei einem Presserundgang. Dereinst ließen sich die Fasern womöglich in Aufzugsseilen verwenden.  „Bei den biobasierten Produkten geht es nicht nur um die Machbarkeit, sie müssen auch wirtschaftlich sinnvoll sein“, betonte Wanka. Auch für Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt ist gerade die Entwicklung marktfähiger Produkte „ein wichtiger Schritt für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.“ Marcel Wubbolts, Forschungschef beim niederländischen Spezialchemiekonzern DSM sagte, bei der Umstellung der Wirtschaft auf nachwachsende Rohstoffe gehe es nicht nur darum, einen biobasierten Ersatz für nicht nachhaltige Produkte zu finden. „Nur wenn die Produkte der Bioökonomie nicht nur gleichwertig sondern besser sind, werden sie sich dauerhaft durchsetzen“, so Wubbolts.

Klassiker Eis, Wurst, Brot  – mit innovativer Rezeptur

Eine große Vielfalt an bereits erhältlichen biobasierten Produkten hielt die Küche in der Ausstellung parat. Zum Beispiel ein cremiges und milchfreies Speiseeis, das vor allem aus Lupinenprotein gewonnen wird und damit interessant für Allergiker ist. Im Kühlschrank lagerten auch feine Wurstaufschnitte angereichert mit Omega-3-Fettsäuren, die aus Fischöl stammen. Ein weiteres Paradebeispiel: Enzyme als winzige Backgehilfen im Brotteig. „Enzyme sorgen für eine schöne Kruste, und sie können die Brotkrume feiner machen, damit sie sich besser mit Butter beschmieren lässt“, erläuterte Lutz Popper von der SternEnzym GmbH die Möglichkeiten für die Backindustrie. „Spezielle Amylasen halten das Supermarktbrot zudem länger frisch, so hat man länger davon und muss es nicht an die Enten verfüttern“, so Popper.

Ob ein Teppich mit Fasern aus Maisstärke, Ledergerbstoff aus Olivenblattabfall für den Sessel oder im Labor vermehrte Orchideen als Zierde, auch im Wohnzimmer steckt bereits viel Bioökonomie. Die Firma fischerwerke hat inzwischen ein biobasiertes Sortiment im Programm. Dazu gehört unter anderem ein Dübel, der zum Teil aus dem nachwachsenden Rohstoff Rizinusöl hergestellt wird und so bombenfest hält wie sein rein erdölbasiertes Pendant.

Reifengummi aus Russischem Löwenzahn

Auch in der Garage halten zunehmend biobasierte Produkte Einzug. Eine neue Quelle für Gummi für Winterreifen erschließt der Autozulieferer Continental zusammen mit Partnern aus Forschung und Industrie im Verbundprojekt TARULIN.

„Wir brauchen dazu eine besondere Sorte, den Russischen Löwenzahn, unsere heimische Pusteblume tut es nicht“, so Carla Recker von Continental. Der Vorteil: Der Russische Löwenzahn gedeiht auch hierzulande, gerade auch auf Flächen, die sich nicht für den Ackerbau eignen.

Aus dem Milchsaft des Löwenzahns lässt sich Latex oder Kautschuk gewinnen. Damit eröffnet das Kraut eine echte Alternative zum Kautschukbaum, für dessen Anbau Regenwälder weichen müssen. Derzeit sind die Forscher dabei, die Anbauerträge durch intelligente Pflanzenzüchtung zu steigern und auch die Gewinnung und die Verarbeitung des Milchsafts in einer Pilotanlage voranzutreiben. Drei biobasierte Fahrzeuge zogen in der Garage besonders die Blicke auf sich. Neben Fahrrädern aus superstabilem Hightech-Holz oder aus Bambus der markanteste Hingucker: das Bioconcept-Car vom Rennstall Four Motors. Zum Team gehört auch Hobbyrennfahrer Smudo: „Wir bauen Rennwagen, deren Teile mit möglichst viel High-Biotech angereichert sind – vom Treibstoff, über der Karosserie bis zum Lack“, so der Sänger der Hip-Hop-Gruppe „Die Fantastischen Vier“ in Berlin.

Biobasierte Modenschau

Das offizielle Programm der Halbzeitkonferenz – mit zahlreichen Gesprächsrunden, Podiumsdiskussionen und Vorträgen zur Bioökonomie – fand einen besonders farben- und formenreichen Abschluss: Die biobasierte Modenschau „Milk & Sugar“, bei dem mehr als ein Dutzend junge Labels Mode mit innovativen nachwachsenden Materialien oder Textilien aus nachhaltiger Produktion präsentierten. 

So wurde unter anderem ein Abendkleid der Hannoveraner Firma Qmilch vorgestellt. Das Unternehmen hat ein Biopolymer aus dem Milcheiweiß Kasein entwickelt, das aus nicht mehr verkehrsfähiger Rohmilch hergestellt wird. Jährlich fallen davon 1,9 Mio. Tonnen an. Die so gewonnene Textilfaser kommt nicht nur für Bekleidung in Frage, sondern auch als technische Faser für die Medizintechnik oder im Automobilbau. Die Berliner Designerin Kaska Hass wiederum zeigte unkonventionelle Hochzeitsoutfits, bei denen Hightech-Stoffe aus dem Hochleistungssport mit feiner Spitze kombiniert werden.

Schimmernde Mikroalgen als Textildruck

Die Designerin Ester Bätschmann wiederum zeigte Kleider, die nach dem Prinzip Crade to Cradle hergestellt wurden - also in einem nachhaltigen Kreislaufsystem, in dem Materialien recycelbar oder kompostierbar sind. Das Label  „Blond & Bieber“ wiederum bedruckt Schuhe oder Kleider mit einer Schicht aus rot oder grün schimmernden Mikroalgen. In dem Projekt „Algaemy“ haben die Designerinnen Essi Johanna Glomb und Rasa Weber mit Forschern der Fraunhofer-Gesellschaft zusammengearbeitet. Neben Kleidungsstücken wurden in der Modenschau auch Schmuck und Uhren aus Holz, Taschen aus Rharbarerleder oder Biolachshaut gezeigt.

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