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12.02.2020

Lettland

Lettland ist mit rund zwei Millionen Einwohnern ein eher dünn besiedeltes Land in der Mitte des Baltikums. Die größte bioökonomische Bedeutung haben daher Land- und Forstwirtschaft: 54% der Landfläche sind bewaldet, weitere 30% werden landwirtschaftlich genutzt. Wälder und fruchtbare Böden bieten ein weit größeres Potenzial als bislang wirtschaftlich erschlossen ist. Bei der bioökonomischen Wertschöpfung prädestinieren die traditionellen und kleinteiligen Strukturen das Land eher für Spezial- als für Massenprodukte. Schon heute ist die Bioökonomie der größte und wichtigste Wirtschaftssektor Lettlands, gefolgt von Maschinenbau und Elektronik. Den Weg in eine noch stärkere Bioökonomie soll die 2017 verabschiedete Bioökonomiestrategie weisen. Als „Data-driven Nation“ ist Lettland zudem Vorreiter bei der Digitalisierung.

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Rechtliche und politische Grundlagen

Federführend in der politischen Steuerung der Bioökonomie ist in Lettland das Landwirtschaftsministerium. Beteiligt sind außerdem die Ministerien für Forschung und für Wirtschaft.

Bereits 2007 verabschiedete die lettische Regierung ein „Programm für die ländliche Entwicklung Lettlands 2007–2013“ . Zwar wurde darin die Bioökonomie noch nicht explizit benannt, doch zielte das Programm darauf ab, die heimische Land- und Forstwirtschaft voranzubringen und gleichzeitig Lebens- und Umweltqualität im ländlichen Raum zu verbessern. Strukturwandel, Modernisierung und Innovation haben dabei zentrale Bedeutung. Im Ergebnis ist die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche um ein Fünftel gewachsen, es gibt weniger Betriebe, die dafür im Durchschnitt größer sind, aber in Folge von Effizienzgewinnen ein Fünftel weniger Arbeitsplätze bieten als noch 2007.

Ein Anschlussprogramm von 2014–2020 setzt einen Förderrahmen von 1,5 Mrd. Euro öffentlichen Mitteln (davon rund eine Mrd. Euro von der EU). Unter anderem sollen damit mindestens 3.600 landwirtschaftliche Betriebe bei der Restrukturierung und Modernisierung unterstützt werden. Eine wichtige Rolle kommt zudem der Aus- und Weiterbildung zu, da acht von neun Menschen in der Landwirtschaft keine formale Qualifikation neben ihrer Arbeitserfahrung besitzen. Außerdem soll der Flächenanteil der Landwirtschaft ausgeweitet werden, der ökologisch bewirtschaftet wird. Dazu wurden Verträge entworfen, die für 14% der Fläche ein Biodiversitätsmanagement vorsehen, für 17% ein Wassermanagement und für 17% ein Bodenmanagement.

Im Jahr 2010 wurde die „Strategie für die nachhaltige Entwicklung Lettlands bis 2030“, deren Hauptziel der Aufbau einer innovativen und öko-effizienten Wirtschaft ist. Natur wird dabei als wichtiges Kapital gesehen, weshalb die Strategie auf finanzielle Anreize für den Erhalt und die nachhaltige Entwicklung von Ökosystemen setzt. Bei der Wertschöpfung stehen hochwertige Lebensmittel im Fokus. Biomasse wird als Teil eines diversifizierten Energiemixes aus erneuerbaren Quellen gesehen, soll vorrangig jedoch nur dort produziert werden, wo der Anbau anderer Agrarprodukte unattraktiv ist.

Auch der „Nationale Entwicklungsplan für Lettland für 2014–2020“ greift im Bereich Wirtschaft die Bioökonomie auf: Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei sollen sowohl produktiver als auch nachhaltiger werden. Der Erhalt biologischer Vielfalt und Ressourcen wird als wichtig herausgestellt, einhergehend mit deren nachhaltiger Nutzung. Produkte sollen energieeffizient und umweltfreundlich hergestellt werden.

Aus dem Entwicklungsplan ging die „Smarte Spezialisierungsstrategie“ hervor, die fünf wesentliche wirtschaftliche Branchen definiert, darunter die wissensbasierte Bioökonomie. Eine eigenständige „Lettische Bioökonomiestrategie 2030“ veröffentlichte die Regierung schließlich als erster baltischer Staat im Jahr 2017. Sie ist geprägt davon, ökonomische Interessen mit dem Erhalt der natürlichen Ressourcen in Einklang zu bringen. Eingeflossen sind die EU-Strategie für die Ostseeregion „Bioökonomie – Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei“ sowie das Paket zur Kreislaufwirtschaft der Europäischen Kommission von 2015.


Die Bioökonomiestrategie hat fünf Aktionsfelder:

  • attraktive Rahmenbedingungen für Unternehmer im Bereich Bioökonomie,
  • effizientes und nachhaltiges Ressourcenmanagement,
  • Förderung der bioökonomischen Produktion,
  • sozial verantwortliche und nachhaltige Entwicklung
  • sowie übergeordnet der Aufbau von Wissen und Innovationen im Bereich Bioökonomie.


Hervorzuheben ist im Bereich Wissen der Plan, ein europäisches Exzellenzcenter für Bioökonomieforschung aufzubauen. Ein weiteres Ziel der Strategie ist es, Bioökonomie vom ländlichen Raum auf die Städte auszuweiten.

Konkrete Maßnahmen umfassen beispielsweise eine verlässliche Steuerpolitik für den Sektor, die Schaffung neuer Handelsoptionen für kleinere Produzenten im Agrifood-Sektor, Investitionen in nachhaltiges Forstmanagement sowie die Bevorzugung von Produkten aus erneuerbaren Ressourcen bei öffentlichen Beschaffungen. Biomasse soll in Kaskaden genutzt werden und am Ende der Energiegewinnung dienen, außerdem sollen die Treibhausgasemissionen der Branche sinken.

Die Bioökonomiestrategie definiert auch quantitative Ziele. So sollen bis 2030 mindestens 128.000 Menschen in bioöokonomischen Sektoren beschäftigt sein – und damit ähnlich viele wie in den vergangenen Jahren. Denn durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft und effizientere Produktionsprozesse ist die Zahl der Beschäftigten in der Bioökonomie in Lettland seit 2002 stark rückläufig, ein Trend, den die Regierung stoppen möchte. Die Wertschöpfung durch Bioökonomieprodukte soll mindestens 3,8 Mrd. Euro betragen (von 1,92 Mrd. im Jahr 2015) und die Exporte sollen einen Wert von mindestens 9 Mrd. Euro aufweisen – mehr als eine Verdoppelung gegenüber 2016.

2018 trat Lettland außerdem der BIOEAST-Initiative bei, in der Länder in Zentral- und Osteuropa gemeinsam daran arbeiten, eine wissensbasierte Bioökonomie zu entwickeln. Zentrales Ziel der Initiative ist eine zirkuläre Nutzung der Biomasse, um Abfälle zu vermeiden und neue biobasierte Wertschöpfungsketten zu generieren. Nicht zuletzt soll der ländliche Raum lebenswert erhalten und ihm Resilienz gegen die Folgen des Klimawandels verliehen werden.

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Unternehmenslandschaft


Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei

Schon heute stammen mehr als 50% aller Exporte Lettlands aus der Bioökonomie. Den größten Anteil daran hat die Holzwirtschaft, gefolgt von der Lebensmittelproduktion. Weltweit ist der baltische Staat drittgrößter Exporteur von Holzpellets und neuntgrößter Exporteur von Weichholzsägematerial. Aber auch im Inland spielt Holz eine große Rolle in der Wärmeerzeugung. Viele Sektoren konkurrieren in Lettland um den Rohstoff Holz, der jedoch nicht knapp ist: Die Waldbestände umfassten 2018 668 Millionen Kubikmeter, von denen jährlich rund 11 Millionen Kubikmeter geerntet werden. Große Akteure unter den mehreren Hundert Unternehmen sind beispielsweise Latvia Timber International, AKZ oder Osukalns.

In der Landwirtschaft sieht es anders aus: Lediglich jeder dritte landwirtschaftliche Betrieb arbeitet marktorientiert. Mehr als die Hälfte aller Landwirte sind zumindest teilweise auf Subsistenzwirtschaft angewiesen und haben nicht die nötigen Mittel, ihre Betriebe zu modernisieren.

Ähnlich ist die Situation in der Küstenfischerei, wo mehr als 90% der Boote Familienbetrieben gehören, die zu großen Teilen für den lokalen und den Eigenbedarf fischen. 97% des lettischen Fischfangs erfolgt jedoch fern der Küsten durch wenige große Schiffe, die Hälfte davon durch neun Hochseeschiffe im Atlantik. Der inländische Fischfang ist stark rückläufig und betrug 2017 nur noch 226 Tonnen. Er wird durch die in Lettland recht neuen Aquafarmen abgelöst, die 2017 in 88 Farmen 808 Tonnen Fisch erzeugten.

Lebensmittelindustrie

Ein besonders hohes Wachstum weisen der Export von ökologisch produzierten Lebensmitteln mit hohem Nährwert sowie von innovativen Lebensmittelzusätzen auf. Einer der größten Lebensmittelhersteller des Landes ist Food Union. Bei seinen Milchprodukten setzt das Unternehmen stark auf probiotische Bakterien. Daneben existieren rund ein Dutzend weiterer großer Unternehmen wie Cesvaines Piens, Latvijas Balzams oder Orkla Foods Latvija.

Viele kleinere Unternehmen drängen derzeit mit forschungsintensiven Nischenprodukten in den Markt, darunter besonders nährstoffreiche Müslis, Snacks auf Basis von Hülsenfrüchten, Bienenbrot, Birnenchips oder das Kräuter-Fruchtsaft-Mischgetränk des Start-ups Dabas Dots und der proteinreiche Erbsendrink von Nature Foods. In der Entwicklung befinden sich zudem Produkte auf Basis von essbaren Würmern und spezielle Fischmasseprodukte. Als Interessenvertretung der Branche agiert der Verband Latvijas Pārtikas uzņēmumu federācija.

Chemische Industrie

Die chemische Industrie hat in Lettland eine ähnliche Größe wie die Elektronikindustrie. Der größte Teil entfällt auf Spezial- und Bulkchemikalien, gefolgt von Gummi- und Kunststoffprodukten. Durch den hohen Anteil der Herstellung von Holzkohle und Tallöl hat Lettland in der EU den zweithöchsten Anteil biobasierter Rohstoffe in der chemischen Industrie. Internationales Interesse erregte jüngst das Start-up PolyLabs, das Bio-Polyole für die Polyurethanindustrie entwickelt und mehrere Innovations- und Start-up-Preise gewann.

Die Pharmabranche ist der drittgrößte Teilbereich der chemischen Industrie in Lettland und erzielt derzeit 0,35% der gesamten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Sie gilt als der wichtigste, weil am stärksten wachsende Sektor der chemischen Industrie. 33 Unternehmen beschäftigen sich mit der Herstellung pharmazeutischer Produkte und erzielten 2017 einen Umsatz von etwas mehr als 200 Mio. Euro. Rund 180 Mio. Euro entfallen dabei auf die beiden börsennotierten Arzneimittelhersteller Grindeks und Olainfarm, die zusammen 95% der Erwerbstätigen der Branche beschäftigen. Mit deutlich weniger Umsatz folgen die Unternehmen Pharmidea, Kalceks und Silvanols. Die Branche konzentriert sich geografisch zwischen Riga und Olaine und entwickelt mit Ausnahme von Grindeks vor allem Generika. Die chemische und pharmazeutische Industrie ist im Verband Latvijas Ķīmijas un farmācijas uzņēmēju asociācija organisiert.

Biotechnologie

Die Biotechnologie hat in Lettland eine lange Tradition, musste aber im Zuge der wirtschaftlichen Umbrüche nach der Trennung von der Sowjetunion starke Einbrüche hinnehmen. Heute gibt es etwa zehn Unternehmen die in der Biotechnologie aktiv sind. In der medizinischen Biotechnologie sind das Anima Lab, Asla-Biotech, Pharmidea, Biolat, GenEra und Silvanols. Zur Umweltbiotechnologie zählen sich Bioefekts, BAO und Eko osta, die mikrobielle Boden- und Wassersanierungen sowie Abfallbehandlung betreiben. Jaunpagasts Plus produziert fermentativ Bioethanol und alkoholische Getränke, Latvijas Balzams erzeugt in Bioreaktoren Hefe-Biomasse und alkoholische Getränke. Außerdem gibt es vier Hersteller biotechnologischer Anlagen und Geräte: Biosan, Biotehniskais centrs, Biotechnomica und Elmi. Sie generieren die höchste Wertschöpfung des Sektors. Organisiert ist die Branche im Verband Latvijas Biotehnoloģijas asociācija. Bioraffinerien gibt es bislang nicht, allerdings wird das Potenzial einer Bioraffinerie auf Basis von Makroalgen untersucht, und lettische Forscher sind an der Entwicklung eine Bioraffinerie auf Grundlage von Lignin in Finnland beteiligt..

Energiewirtschaft

Insgesamt deckte Bioenergie in Lettland 2015 31% des nationalen Energiebedarfs von rund 4.000 ktoe. In der Stromerzeugung spielt die Bioökonomie bislang keine große Rolle: Über ein Drittel des erzeugten Stroms in Lettland stammt aus Wasserkraft, der Rest überwiegend aus zwei großen Gaskraftwerken. Bei der Wärmeerzeugung kommt neben den wichtigen Holzpellets landeseigener Torf zum Einsatz, darüber hinaus vor allem importierte fossile Brennstoffe. Viele kleine Erzeuger produzieren rund 60 MW Energie aus Biogas.

Informationstechnik

Als „Data-driven Nation“ ist Lettland in der Ostseeregion Vorreiter in Sachen Digitalisierung – sowohl in technischen Infrastruktur mit flächendeckenden Internetversorgung als auch in der öffentlichen Verwaltung. Das schafft ideale Grundlagen für digitale Landwirtschaft und Präzisionslandwirtschaft.

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Forschungslandschaft


Forschung gilt in Lettland als chronisch unterfinanziert, da dieser Bereich beim Übergang zur Marktwirtschaft stark eingebrochen ist. Entsprechend große Bedeutung haben EU-Fördermittel. Die lettische Innovationsleistung ist, gemessen an Patenten und Forschungsausgaben, daher im internationalen Vergleich gering. In der Biotechnologie dominiert die medizinische Biotechnologie, wenngleich die Umweltbiotechnologie seit dem EU-Beitritt ihre Bedeutung ausbaut. Kritisch bewertet die lettische Bevölkerung den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft, weshalb entsprechende Forschung praktisch nicht stattfindet. Es gibt aber auch Positivbeispiele: Auf der Grundlage langjähriger Forschungsarbeiten an der Rigaer Technischen Universität hat die Ausgründung Conelum eine Technologie entwickelt, die Schimmelpilze in Lebensmitteln vollautomatisch und vor Ort in nur zwei Stunden nachweisen kann.

Universitäre Forschung

An den wenigen Hochschulen des Landes finden sich immer auch Fachbereiche, die sich mit Themen der Bioökonomie befassen. So betreibt die Universität von Lettland ein Institut für Mikrobiologie und Biotechnologie. An der Lettische Universität für Lebenswissenschaften und Technologie erforschen Wissenschaftler die Lebensmittelbiotechnologie, die Systembiotechnologie und die Biogasherstellung. Die Wald-Fakultät entwickelt Methoden, die ökologische und ökonomische Kriterien der Waldbewirtschaftung zusammenführen. Daneben gibt es auch eine landwirtschaftliche Fakultät. Das gesamte Themenspektrum der Landwirtschaft erforscht die Lettische Universität für Landwirtschaft. Themen des Gartenbaus bearbeitet dort das Institut für Gartenbau. Die Technische Universität Riga beschäftigt sich unter anderem mit nachhaltigen Technologien, Umweltbiotechnologie und Biomaterialien sowie Pharmaforschung und Biomedizin. An der Universität Dünaburg untersucht das Institut für Lebenswissenschaften und Technologie auch Fragen der Biodiversität. Umwelttechnologien und das Management erneuerbarer Ressourcen sind Themen der Universität Liebau.

Außeruniversitäre Forschung

Außeruniversitäre Forschung findet in Lettland an mehreren Instituten statt. Das Staatliche Waldforschungsinstitut Silava befasst sich mit dem gesamten Spektrum Wald – von der Genetik bis zur Forstökonomik. Die abfallfreie, umweltfreundliche Nutzung hölzerner Biomasse für wettbewerbsfähige Materialien und Produkte wird am Staatliche Institut für Holzchemie erforscht. Das Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Wald und Holzprodukte konzentriert sich auf Materialforschung und Produkttests sowie die Ausbildung im Forstsektor.

Die Landwirtschaft mit Schwerpunkt auf der Züchtungsforschung bestimmt die Arbeit des Instituts für landwirtschaftliche Ressourcen und Ökonomik. Speziell die modernen Methoden das Pflanzenschutzes erforscht das lettische Pflanzenschutz-Forschungszentrum. Das Lettische Institut für Gewässerökologie ist unter anderem an Projekten beteiligt, die darauf zielen, die Blue Economy voranzutreiben. Außerdem gibt es ein Lettisches Fischereiforschungsinstitut, dessen Name dort Programm ist.

Stand: Januar 2020

Autor: Björn Lohmann

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