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Leder gerben mit Olivenblattextrakt

Heinz-Peter
Germann

Beruf:

Promovierter Chemiker

Position:

Leiter Produktentwicklung bei der wet-green GmbH in Reutlingen

Heinz-Peter Germann
Quelle: 
Privat

Heinz-Peter Germann ist ein sanfter Revolutionär auf dem Feld der Lederherstellung. Als Produktentwickler der Firma wet-green ist der Chemiker dabei, mit einem Extrakt aus Olivenblättern die Ledergerbung gesünder und nachhaltiger zu gestalten.

Die Herstellung von Leder hat eine lange Tradition. Lange bevor die Chemie im 19. Jahrhundert bei der Ledergerbung Einzug hielt, nutzte der Mensch vor allem pflanzliche Stoffe, um Häute zu gerben und sie so für sich nutzbar zu machen. Diese in den Hintergrund getretene Tradition der Ledergerbung hat Heinz-Peter Germann mit neuen Mitteln wiederbelebt. Der bei Darmstadt aufgewachsene Chemiker zählt heute zu den bekanntesten Lederexperten. „Alles was von der klassischen Chemie abweicht, hat mich schon immer interessiert“, sagt der 58-Jährige. Von Anbeginn seiner Karriere galt sein besonderes Interesse den Naturstoffen, konkret den Peptiden und Eiweißen mit ihren natürlichen Eigenschaften, Dinge und Prozesse zu verändern.

Seine Begeisterung für die Lederherstellung wurde bereits während seines Studiums der Peptid- und Eiweißchemie an der Hochschule Darmstadt geweckt. Hier war es vor allem sein späterer Doktorvater Eckhardt Heidemann, der mit seiner Arbeitsgruppe auch das Feld der Lederforschung ins Visier nahm und Germann den Impuls für seine spätere berufliche Karriere gab. „Mich hat fasziniert, dass so ein Gebrauchsmaterial auch seinen Ursprung in chemischen Prozessen hat und erst mithilfe der Chemie zu einem schönen Material wird.“

Nachhaltige Gerbmethode gesucht

85 Prozent aller weltweit produzierten Lederwaren werden heute mit Chrom-III-Salzen gegerbt. Mithilfe des Metallsalzes gelingt es, die verderblichen Tierhäute in ein geschmeidiges, stabiles und beliebig färbbares Material umzuwandeln. Doch bei allen Vorteilen: die Chemikalie birgt Gefahren für Umwelt und Gesundheit und das behandelte Leder sowie Lederreststoffe aus der Produktion sind aufgrund des (Schwer-)Metallgehalts ungeeignet für einen biologischen Kreislauf. Auch die vor ca. drei Jahrzehnten aufkommende chromfreie Alternative, mit Glutaraldehyd zu gerben, erbrachte keinen entscheidenden Durchbruch in der Nachhaltigkeit, da eine toxische Reaktivchemikalie mit stark ätzender Wirkung auf die Haut zum Einsatz kommt, die – wie alle anderen synthetischen Alternativprodukte – aus fossilen Rohstoffen erzeugt wird.

„Das war der Ansporn nach einem ökologisch nachhaltigen Ledergerbverfahren zu suchen – basierend auf einem nachwachsenden Rohstoff und ohne Einschränkung auf die Nutzung oder die biologische Abbauarbeit der Reststoffe.“ Die Lederherstellung gesünder und nachhaltiger zu machen, wurde somit zur Lebensmaxime von Heinz-Peter Germann. Lange bevor die Bioökonomie hierzulande Fuß fasste, suchte der naturverbundene Chemiker nach alternativen Gerbverfahren. Als Direktor des einstigen Lederinstituts in Reutlingen trieb er seine Visionen voran, forschte und lehrte von 1987 bis zur Schließung der Einrichtung 2011.

Olivenreststoffe nutzen

2006 entstand im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts der Reutlinger Lederspezialisten mit der Firma N-Zyme BioTec, die Idee, Olivenreststoffe wie die Blätter zum Gerben zu nutzen. „Am Anfang war ich gar nicht so fasziniert. Erst bei näherer Betrachtung zeigten sich die Vorteile“, erinnert sich Germann.

Olivenblätter auf der Hand
Quelle: 
wet-green GmbH

Olivenblätter fallen bei der Ernte als Reststoff an.

Extrakt aus Olivenblättern

Die mediterrane Frucht erwies sich nicht nur als die Lösung der bisher beim Gerben aufgetretenen ökologischen Probleme. Der eigentliche Gewinn war, dass der aus den Blättern gewonnene Gerbstoff, dem Leder vergleichbare Eigenschaften verlieh, wie es bisher nur Chemikalien vermochten. Zugleich ist die Olive der erste pflanzliche Kandidat, der den Anspruch an ein geschmeidiges, weiches Leder, ohne die vorausgehende Anwendung von Glutaraldehyd oder einer anderen synthetischen Reaktivchemikalie, erfüllt. Hinter dem Wunder steht ein Molekül, das auch Garant für gutes Olivenöl ist: Oleuropein. „Wir haben jetzt zum ersten Mal die Möglichkeit, mit einem natürlichen und gesunden Material, Tierhäute zu gerben. Dabei sind sogar die Reststoffe – die Späne, die beim sogenannten Falzen, einem Abhobeln der Haut anfallen – zu 100% biologisch abbaubar“, schwärmt der Lederexperte.

Ein weiterer Vorteil: Um die Blätter der Oliven als Gerbstoff zu nutzen, müssen nicht extra kostbare Ackerflächen zum Olivenanbau erschlossen werden. Die Blätter fallen in Hülle und Fülle als Reststoff bei der jährlichen Olivenernte in den Mittelmeerländern an und werden bisher größtenteils verbrannt. 40 Prozent der Weltlederproduktion könnten Germann zufolge durch die bei der Olivenernte im Mittelmeerraum anfallenden Reststoffe abgedeckt werden.

Zertifikat für Nachhaltigkeit

Aus der Idee, aus Olivenblättern Gerbstoffe zu gewinnen, wurde rasch ein patentreifes Verfahren. Nach vielfältigen Versuchen erfolgte die Umsetzung zur Serienreife, wobei in enger Zusammenarbeit mit der Fa. Plantextrakt (Martin Bauer Group, Vestenbergsgreuth) die Gerbextrakt-Gewinnung weiter verfeinert und professionalisiert werden konnte. In der wet-green GmbH, die sich ab 2011 am Standort des ehemaligen Lederinstituts in Reutlingen entwickelte, treibt Germann als Produktentwickler nun die Vermarktung der nachhaltigen Gerbmethode voran. wet-green ist seit 2014 hundertprozentiges Tochterunternehmen des the nature network– Martin Bauer Group – das auf Kräuter- und Früchtetees sowie -Extrakte spezialisiert ist. Die Methode der Olivenblattgerbung ist bis heute einmalig. Das wet-green-Verfahren wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Der Olivenblatt-Gerbstoff erhielt unter anderem das Nachhaltigkeitszertifikat „Cradle-to-Cradle“ in Gold sowie ein „Material Health Certificate“ in Platin. Und dem fühlen sich Germann und wet-green verpflichtet.

Hautverträglich wie eine Creme

Nur ausgewählte Gerbereien, die den hohen Ansprüchen einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Produktion gerecht werden, kommen als Partner für wet-green in Betracht. Dort ist die nachhaltige Gerbmethode jedoch äußerst beliebt. Die Mitarbeiter schwärmen von der Olivenblattgerbung, weil statt ätzend riechender Chemikalien nun ein eher herb-mediterraner Duft durch die Hallen weht. Aber nicht nur das. Außerdem ist der Extrakt des Olivenblattes äußerst hautverträglich. „Er hat sogar das Dermatest-Siegel sehr gut bekommen. Den Stoff kann man also wie eine Creme auf die Haut streichen, was man mit anderen Gerbstoffen keinesfalls machen sollte“, sagt Germann.

Olivenblattleder in verschiedenen Farben
Quelle: 
wet-green GmbH

Das "Olivenleder" gibt es in verschiedenen Farben.

"Grünes Leder" auf dem Vormarsch

Dass der Miterfinder des „grünen“ Leders mit Geldbörse, Laptop- oder Aktentasche einige Stücke aus Olivenleder besitzt, ist naheliegend. Noch hat die grüne Gerbmethode aber die herkömmliche Chromsalzgerbung nicht abgelöst, wird aber immer beliebter. Der Fahrzeugbauer BMW war der Erste, der im umweltfreundlichen BMW i3 Autositze mit olivenblattgegerbtem Leder serienmäßig nutzt. Hinzu kamen einzelne Hersteller hochwertiger Polstergarnituren und Taschen, die bereits Kollektionen dieses nachhaltig erzeugten Leders einsetzen. Auch Schuh- und Bekleidungsproduzenten zeigen zunehmend Interesse.

Mit Germann als Produktentwickler ist das Reutlinger Unternehmen wet-green dabei, die Branche zu verändern. Noch ist der Lederspezialist nicht am Ziel seiner Wünsche. „Wir wollen den gesamten Prozess der Lederherstellung noch nachhaltiger machen. Dazu gehören u.a. auch Füll- und Nachgerbstoffe sowie Farben, wo wir auf nachwachsende Rohstoffe zurückgreifen wollen“, erklärt Heinz-Peter Germann.

Die Auszeichnungen wie das „Cradle-to-Cradle“-Zertifikat sind für den Natur liebenden Chemiker daher Ansporn, den eingeschlagenen Weg, den er zusammen mit seinen Kollegen bei wet-green jetzt beschreitet, weiterzugehen. Germann: „Die Auszeichnung ist für uns aber auch ein Instrument, uns am Markt zu differenzieren. Dadurch wird deutlich, dass uns damit eine kleine Revolution gelungen ist“.

Autorin: Beatrix Boldt

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