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Grüne Chemie trifft Pharma

Sonja
Jost

Beruf:

Wirtschaftsingenieurin/Chemikerin

Position:

Geschäftsführerin des Berliner Start-ups Dexlechem

Sonja Jost
Quelle: 
Sonja Jost

Sonja Jost ist Expertin auf dem Gebiet der chiralen Katalyse. Die Ingenieurin ist Geschäftsführerin des Berliner Start-ups Dexlechem, das die Arzneimittel-Synthese schon heute ressourcenschonender macht.

Sonja Jost liefert den Beweis, dass der Begriff „Grüne Chemie“ kein Widerspruch in sich sein muss. Ihre Neugier und Leidenschaft am Analysieren brachte die gebürtige Niedersächsin auf eine Geschäftsidee, die das Potenzial hat, die Pharmaindustrie zu revolutionieren. Im Rahmen des Exzellenzclusters UniCat entwickelte die Expertin für chirale Katalyse an der TU Berlin ein Verfahren, das erdölbasierte Lösungsmittel bei der Arzneimittelherstellung durch Wasser ersetzt sowie eingesetzte Edelmetallkatalysatoren schont und wieder nutzbar macht. Um die Technologie auf den Markt zu bringen wagte die Wissenschaftlerin 2013 den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete das Berliner Start-up Dexlechem. Mit ihrem Team fühlt sich Jost den Gründervätern der „Grünen Chemie“ verpflichtet. Ihr Ziel: Dexlechem zu einem der größten Chemie-Unternehmen der Zukunft zu machen.

Wenn Sonja Jost von ihrer Geschäftsidee berichtet, ist die Begeisterung spürbar. Dabei schwingt in ihrer Stimme sowohl der Stolz der Wissenschaftlerin mit, wie auch die Zielstrebigkeit, mit der sie nunmehr als Unternehmerin versucht, andere von ihrer Idee zu begeistern. Vor drei Jahren gründete die Forscherin gemeinsam mit Partnern das Berliner Start-up Dexlechem, um ein von ihr entwickeltes Verfahren zur Wiederverwendbarkeit chiraler Edelmetallkatalysatoren in der chemisch-pharmazeutischen Industrie zur Marktreife zu führen. „Ich wollte was bewirken. Ich sah wie viele großartige Erfindungen es nicht zu einer industriellen Anwendung schaffen und dachte mir, dann muss ich mich selbst darum kümmern, um diese Lücke zu schließen“, sagt Jost.

Vorliebe für methodische Sachverhalte

Wie jedes Kind war Jost von Neugier getrieben. Sie interessierte sich für Politik, Geschichte und Chemie gleichermaßen. Doch schon während ihrer Schulzeit in Niedersachsen machte sich ihre Vorliebe für methodische Sachverhalte bemerkbar. Beim Abitur kam die Leidenschaft für die Chemie hinzu. Das „Ausknobeln, Austüfteln und Ausrechnen“ lag der Tochter einer Ingenieurin offenbar im Blut. Von 1999 bis 2005 studierte Jost an der Technischen Universität Berlin die Fächer Wirtschaftsingenieurwesen und Technische Chemie. „Was ich in der technischen Chemie gut finde ist eben, dass man Vorhersagen machen kann, die solide sind“.

Hintergrund
DexLeChem GmbH

zur Webseite: hier klicken

Dinge verstehen und besser machen

Im Rahmen des Exzellenzclusters UniCat bekam Jost ab 2006 die Chance, unter der Leitung ihres Doktorvaters Reinhard Schomäcker an der TU Berlin die chirale Katalyse zu einem umweltfreundlichen und kostengünstigen Prozess zu entwickeln. Ihre Neugier verhalf ihr 2009 zum Erfolg. „Wie Goethes Faust sagt: Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt! – diese Faszination, Dinge verstehen zu können und besser machen zu können, treibt auch mich an“, sagt Jost.

Erdölbasierte Lösung durch Wasser ersetzen

Wirkstoff-Moleküle existieren in unterschiedlichen 3D-Versionen. Da jede 3D-Version unterschiedliche Eigenschaften besitzt, ist es wichtig, bei der Herstellung einer Arznei nur eine ganz spezielle Variante herzustellen. Es entsteht ein sogenanntes chirales Medikament. Jost entwickelte nun ein Verfahren, das erdölbasierte Lösungsmittel bei der Pharmaherstellung durch Wasser ersetzt. Das Besondere: Die bei der Lösungsmittelherstellung eingesetzten teuren Edelmetallkatalysatoren werden dabei nicht wie bisher zerstört, sondern bleiben erhalten und können so wiederverwendet werden. Das macht das Verfahren kostengünstig und umweltfreundlich zugleich.

Große Pharmafirmen überzeugt

Für die Herstellung der meisten Medikamente benötigen Pharma- und Generikafirmen teure Edelmetalle wie Rhodium oder Palladium als Katalysatoren. „Unsere Verfahren sind überall da interessant, wo man homogene Katalysatoren einsetzt, wie in der Feinchemie. Zur Entwicklung der Katalysator-Re-using-Verfahren nutzen wir zudem viele Computational Science Methoden, die wir jetzt sogar auf biotechnologische Anwendungen erweitern konnten“, erklärt Jost.  Die Herstellungskosten von Arzneiwirkstoffen können so um bis zu 20 Prozent gesenkt werden. Unternehmen wie der Schweizer Produzent Lonza oder Sanofi-Aventis zählen bereits heute zu ihren Kunden.

Bis zur Gründung von Dexlechem sollten noch weitere Jahre und Durststrecken folgen. Erst galt es, ein Team zu finden und Gelder zu aquirieren. Hier waren es vor allem Sonja Josts Familie aber auch ihr Doktorvater Schomäcker und ihr Mentor Peter Strasser, die sie motivierten, weiterzumachen. Mit Geldern aus dem Existenzgründerprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums „EXIST Forschungstransfer“ konnte Jost ihr Verfahren dann bis zur technischen Machbarkeit weiterentwickeln.

Preise für nachhaltige Technologie

Als 2013 Dexlechem gegründet wurde, steckte die Grüne Chemie zwar noch in den Kinderschuhen, doch das gesellschaftliche Bewusstsein für eine nachhaltige Wirtschaft war geschärft. Inzwischen wurde Dexlechem für das innovative Verfahren mehrfach ausgezeichnet. 2013 gehörte das Start-up zu den Siegern des Science4Life Venture Cups. 2015 wurde es von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis mit dem „Next Economy Award“ geehrt.

Auch die großen Chemie- und Pharmakonzerne sind bereits früh aufmerksam geworden: Als eines der ersten Startups aus dem Life Science Bereich hat Bayer Pharma im Jahr 2014 Dexlechem als strategischen Partner für seinen „Colaborator“ in Berlin ausgewählt. Im neuen Gründerzentrum wurden eigene Labor- und Büroräume angemietet. Die unmittelbare Nähe zu anderen Chemie- und Pharmaunternehmen bietet ideale Möglichkeiten für die Vernetzung zwischen Life-Science-Start-ups, Industrie und Wissenschaft.

Dexlechem war eines der ersten Start-ups, die 2014 in das neu eröffnete CoLaborator bei Bayer in Berlin einzogen.
Quelle: 
Dexlechem

Dexlechem war eines der ersten Start-ups, die 2014 in das neu eröffnete CoLaborator bei Bayer in Berlin einzogen.   

Gründerväter der Grünen-Chemie als Vorbild

Mit ihrem Unternehmen fühlt sich die Berlinerin nicht nur der eigenen Idee verpflichtet. Ihre Vorbilder sind die US-Gründerväter der „Grünen Chemie“ Paul T. Anastas und John C. Warner. Deren 12 Prinzipien sind für Jost Botschaft und Leitlinie zugleich, die von endlichen Ressourcen abhängige chemische Industrie zukunftsfähig zu machen. „Auch wenn wir heute noch keine Ressourcenknappheit an Edelmetallen oder Erdöl haben, müssen wir dennoch anfangen die Weichen zu stellen, um zukünftig anders produzieren zu können“.  Denn die Entwicklung von grundlegend neuen Verfahren dauert viele Jahrzehnte.

Gesamtgesellschaftlicher Chemiepakt gefordert

Jost ist sich der Herausforderungen dabei durchaus bewusst. Als Geschäftsführerin des grünen Start-ups sucht sie bei bei NGOs und Regierungsorganisationen nach Verbündeten und im eigenen Netzwerk „Chemistry für Innovations“ Rückenhalt.  „Wir benötigen eine neue Gründerzeit in der Chemie, um diese große Herausforderungen stemmen zu können. Dafür muss aber die Gesellschaft einen Rahmen schaffen. Was wir fordern, ist ein gesamtgesellschaftlicher Chemiepakt“, appeliert Jost.

Trotz Forschung, eigenem Unternehmen und gesellschaftlichem Engagement bleibt der Powerfrau noch Zeit für Hobbys. Neben Kajakfahren schreibt sie Geschichten, über Dinge die sie bewegen. Und da spielt auch die Chemie mitunter eine Rolle. Effizientes Arbeiten und die Überzeugung, ersetzbar zu sein, geben Jost den Freiraum, um neue Energie zu tanken. „Ich muss nicht alles allein machen. Das ist der Unterschied zu vielen anderen.  Ich habe ein unglaublich gutes Team“. Mit ihrem Geschäftsmodell und ihrem Engagement für die Grüne Chemie hat sich die junge Unternehmerin längst den Respekt der ganz Großen der Branche erkämpft. Und ihr Ziel steht fest: „Wir von Dexlechem denken, dass wir das Potenzial haben, eines dieser großen neuen Chemiekonzerne zu werden“.

Autorin: Beatrix Boldt

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