Newsletter

Link versenden

Der Materialjongleur

Jannis
Kempkens

Beruf:
Designer und Materialforscher

Biopionier für:
zirkuläres Design und nachhaltige Materialien

Jannis Kempkens
Quelle: 
BIOCOM AG
Jannis Kempkens

„Ich glaube wir müssen als Gesellschaft wieder fähiger werden mit Materialien umzugehen. Diese Materialien gibt’s eigentlich überall in der Natur. Und es gibt auch sehr viele Ansätze, die wir schon mal benutzt haben, um Materialien herzustellen, die wir nur vergessen haben.“ (Jannis Kempkens)

Die Faust hält ein Geheimnis umschlossen, ein Wuseln und Kribbeln. Vorsichtig beginnen sich die Finger zu strecken. In der Handkuhle kommen bernsteinfarbene Würmchen ans Tageslicht, die ihre schlanken Körper nach Halt und Fressbarem recken: Mehlwürmer – Die meisten Menschen sehen sie bloß als Schädlinge oder Tierfutter. Nicht so Jannis Kempkens. Monatelang hat er die anspruchslosen Insekten als Haustiere gehegt. Den Industriedesigner fasziniert ihr digestives Vermögen: Mehlwürmer und -käfer fressen Luft geschäumtes Polystyrol, auch Styropor genannt. Und sie können sich sogar ausschließlich davon ernähren! „Das ist eine verrückte Symbiose von Natur und einem synthetischen Stoff. Ich wollte auf das Problem Plastikverschmutzung eine Antwort finden und fand es spannend zu schauen, was die Natur schon so in petto hat an Antworten, weil das ja ein menschgemachtes Problem ist und menschgemachte Antworten auf menschgemachte Probleme teilweise nicht so gut funktionieren.“

Jannis mit Mehlwürmern
Jannis mit seinen Mehlwürmern
Quelle: 
BIOCOM AG

Eine gut funktionierende Mehlwurmzucht anzulegen und zu betreiben ist nicht schwierig.

Mit den Mehlwürmern wird Jannis fündig. Sie sind die Hauptdarsteller von „Plasticula“, einem visionären Studienprojekt, das nicht von ungefähr an den Titel eines Science fiction erinnert. Die Geschichte geht so: Larven und Käfer fressen das Styropor und verdauen es zu organischem Dünger. Aus ihren sterblichen Überresten, den Chitinpanzern, kocht man einen viskösen Sirup, der sich wiederrum zu Bioplastik verarbeiten lässt.       

Bei Plasticula gehen synthetische und natürliche Stoffe ineinander über; sie beginnen zu zirkulieren... In der Kosmologie ist ein Wurmloch die tunnelförmige Abkürzung zwischen endlos weit entfernten Zielen. Im Styropor verweist das Wurmloch auf das versteckte Potenzial der Natur zur Lösung unserer ökologischen Probleme. Der Mehlwurm als Short Cut gegen die zum Himmel schreiende Plastikverschmutzung.

Mehlwürmer fressen Styropor
Styroporfressende Mehlwürmer

Die Mehlwürmer und -käfer fressen Luft geschäumtes Polystyrol, auch Styropor genannt.

Für Jannis hat Plasticula mehr als nur symbolischen Wert. Längst werden in den Niederlanden Mehlwürmer in großem Stil gezüchtet. Eine alternative Eiweißquelle für Hundefutter und Aquakulturen. Sogar als Insekten Burger für den menschlichen Verzehr finden die Larven Verwendung. Wie wäre es, die Mehlwurmbrut mit Styropor zu füttern? Der große Schlacks sieht es mit einem Augenzwinkern. Ernsthaften Umweltproblemen setzt Jannis spielerische Lösungen von großer Tragweite entgegen.

Plastik, immer wieder Plastik und darüber hinaus. Wir befinden uns an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. In seinem Atelier präsentiert der Designstudent das nächste Projekt: „Beyond Plastic“. Auch hier ein Spiel mit dem Namen: Das US- Start Up „Beyond Meat“ gilt als der Pionier für Fleischersatz. Jenseits von Burger und Wurst gibt es eine vegane Zukunft. Doch jenseits von Plastik? Welches Material könnte es ersetzen? – Eine nachhaltige Alternative findet Jannis in Küchenabfällen: Weizenkleie, Kartoffel- oder Orangenschalen. Werden diese Reststoffe unter hohem Druck und Hitze zusammengepresst, entsteht Einweggeschirr der Marke Natur, Schalen und Tassen, aus denen sich essen und trinken lässt.           

Jannis mit seiner Presse
Aus Küchenabfällen wird Einweggeschirr
Quelle: 
BIOCOM AG

Die Presse hat Jannis selber entworfen und die Bauanleitung für andere ins Netz gestellt.

Die Presse dafür hat der 30jährige selber entworfen, kein Kunststück als gelernter Tischler. Für ihn ist sie ein funktionales Designobjekt. Die Bauanleitung und die Resterezepturen fürs Geschirr stellt Jannis ins Netz, offen für jedermann zum Weitertüfteln. Der Erfinder ist ein großer Verfechter der Do-it-yourself-Bewegung. Für ihn sind kreative Pionierleistungen dafür da, verbessert zu werden. Der Gedanke dahinter ist radikal: „Ich mach eigentlich alles, was ich mache open source, weil ich eigentlich glaube, dass Patente und Urheberrechte nicht mehr zeitgemäß sind. Ich glaube, dass wir uns längst davon wegbewegt haben. Ich glaub‘ sehr stark daran, dass man mit einem Material vielleicht kein Geld mehr verdienen muss, man muss es nicht lizensieren. Aber man kann trotzdem mit der Beratung um das Material drum herum und mit dem ganzen System drum herum, kann man schon seinen Lebensunterhalt verdienen.      

nachhaltige Materialien
Ergebnisse der Materialforschung
Quelle: 
BIOCOM AG

Jannis untersucht, was man aus Reststoffen Neues herstellen kann.

Die Rolle des Designers wird umgeschrieben, sein Selbstverständnis weiterentwickelt, vom Gestalter zum Vermittler und Berater. Für Jannis steht der Designer am Anfang eines Transformationsprozesses. Er jongliert mit Materialien, statt allein aufs fertige Produkt zu schielen.  Verwirklicht hat Jannis die neue Designphilosophie mit Circology, einem „Studio für Materialforschung und zirkuläres Design“, das er mit seiner Freundin und zwei Mitstreitern betreibt. Die Idee ist es, den Abfall von Firmen in innovative Produkte zu verwandeln, dabei Mitarbeiter mit ins Boot zu holen und insgesamt einen Unternehmenswandel anzustoßen. So verliert der Abfall das Abseitige und wird zur Quelle für Neues: „Und wenn ich jetzt ein halbes Jahr mit einer Firma an dem Material arbeiten kann und anschließend mit einer anderen Firma an einem anderen Material arbeiten kann und wir uns so nach und nach durch alle Industrien arbeiten können, das wär‘ für mich der Traum.“

Text & Fotos: Oliver Päßler & Thorsten Biernath

Jannis Kempkens
Jannis denkt schon über neue Projekte nach
Quelle: 
BIOCOM AG

Für Jannis steht fest, die Zukunft des Industriedesigns gehört der Kreislaufwirtschaft.

Back to top of page