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Blick in die Zukunft der Energiepflanzen

Christine
Rösch

Beruf:
Agrarbiologin, Expertin für Technikfolgenabschätzung

Position:

Forschungsbereichsleiterin „Nachhaltigkeit und Umwelt“ am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher KIT

Quelle: 
Christine Rösch

Am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) erforscht die Agrarbiologin Christine Rösch neue Technologien und Entwicklungen in Bezug auf ihre Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Hierbei hat sich die Forscherin am Karlsruher Institut für Technologie auf die Analyse des Potenzials von Energiepflanzen und Mikroalgen spezialisiert.

Was passiert, wenn immer mehr Land für den Anbau von Energiepflanzen genutzt wird? Wie verändert ein höherer Anteil an Bioenergie die Energiewirtschaft? Was kann getan werden, um unsere begrenzten Ressourcen Energie, Land, Wasser und Nährstoffe effizienter zu nutzen? Statt Tarotkarten und Pendel benutzt das Team um Christine Rösch seriösere, aber nicht weniger spannende Methoden, um Dinge vorherzusagen. Die ITAS-Wissenschaftler entwerfen Zukunftsbilder und untersuchen die Effekte neuer Technologien und Entwicklungen in diesen Szenarien. So kann ausgelotet werden, wie wissenschaftliche Fortschritte auf Umwelt und Gesellschaft wirken. 

Für Christine Rösch ist das ein Traumjob: Die Arbeit am ITAS ermöglicht der Biologin zusammen mit Physikern, Geologen, Sozialwissenschaftlern und Ingenieuren zu arbeiten. „Wer disziplinär arbeitet, befasst sich oft nur mit einem Mikrokosmos“, sagt Christine Rösch. „Wir haben die Möglichkeit, die großen Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Am ITAS werden zudem aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen bearbeitet. Durch den Themenwechsel ist die Arbeit sehr abwechslungsreich.“

Neue Energiehoffnung: Biomasse aus Algen

Ein Dauerbrenner unter den Themen ist die Energiegewinnung auf der Basis nachwachsender Rohstoffe. Derzeit ist Christine Rösch Leiterin des EU-Projektes „EnAlgae“ („Energetic Algae“), in dem ein internationales Team vier Jahre lang daran arbeitet, die Entwicklung einer Biomasseproduktion aus Algen voranzutreiben. Die grünen Winzlinge sind für die Energiegewinnung besonders geeignet: Sie können fünfmal so viel Sonnenlicht in chemische Energie umwandeln wie Raps und Mais und dabei große Mengen an CO2–Emissionen aus Energie- und Industrieanlagen aufnehmen.  Auch aus Nachhaltigkeitssicht haben Algen enorme Vorteile, sagt Rösch, denn sie benötigten keinen landwirtschaftlich nutzbaren Boden, um zu wachsen. „Sie gedeihen sogar in Salz- und Abwasser und lassen sich in technischen Systemen kultivieren“, erklärt die Forscherin, „deshalb konkurrieren sie nicht mit der Nahrungsmittelproduktion.“ Die Algenforschung steht noch relativ am Anfang: Für die Umsetzung der Energiegewinnung aus Algen bedarf es großflächiger Kulturanlagen. Deren Voraussetzungen und Folgen sowie Akzeptanzfähigkeit werden am ITAS analysiert.

Karlsruhe, Berlin, Stuttgart – und zurück

Für Pflanzen hat sich Christine Rösch schon früh interessiert, ihre Eltern führten einen landwirtschaftlichen Betrieb. Nach ihrem Abitur in Ulm wollte sie eigentlich Tiermedizin studieren, doch der hohe Numerus Clausus hatte den Traum platzen lassen – zum Glück. Sonst hätte sie vielleicht nie ihr Interesse für die Energiegewinnung aus Grünpflanzen entdeckt. Nach dem Studium der Agrarbiologie an der Universität Hohenheim schloss Christine Rösch ihre Diplomarbeit an der University of Georgia ab und kam danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin ans ITAS. Zehn Jahre später promovierte sie an ihrer Heimatuniversität zum Dr. sc. Agr. mit einer Arbeit zur Verwertung von Bio- und Grünabfällen. Sie arbeitete mehrere Jahre im Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag und am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung an der Universität Stuttgart. 2001 hat die Aussicht auf spannende Arbeit in einem  bunt gemischten Team Christine Rösch wieder ans ITAS gelockt. Heute wohnt die zweifache Mutter in der Nähe von Karlsruhe, tanzt in ihrer Freizeit Zumba und spielt leidenschaftlich gerne Tennis.

Gemüseanbau auf Wolkenkratzern

In Zukunft möchte sich die Wissenschaftlerin gerne mit dem Thema „Skyfarming“ befassen, also mit dem Anbau von Gemüse auf Großstadtdächern. „Die Weltbevölkerung wächst, vor allem in den Großstädten, und pro Kopf steht immer weniger Ackerfläche zur Verfügung. Deshalb brauchen wir neue Ideen für eine umweltverträgliche und sichere Nahrungsmittelversorgung“, sagt Christine Rösch. Aqua-Kulturen könnten den Ackerboden teilweise ersetzen: Reis zum Beispiel müsse nur regelmäßig mit nährstoffreichem Abwasser besprüht werden, aber auch Tomaten könnten in Gebäuden wachsen. Wenn Gemüse direkt in der Stadt angebaut wird, fallen außerdem Lagerungs- und Transportkosten weg und es würden weniger Lebensmittelabfälle erzeugt. Eine futuristische Idee, die schon mancherorts ausprobiert wird. Erzählt Christine Rösch ihrer landwirtschaftlich versierten Eltern und Geschwistern vom Skyfarming, schütteln die nur lachend den Kopf. „Aber das ist ja gerade das Schöne an meinem Beruf“, sagt die Wissenschaftlerin, die sich selbst eher als Zukunftsforscherin sieht. „Ich kann mir verrückte Dinge anschauen und mutig sein in meinen Überlegungen.“  (Dieser Text wurde veröffentlicht am 29.02.2012).

Autorin: Fabienne Hurst

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