Eine zentrale Herausforderung der Pflanzenzüchtung
Die Entwicklung neuer Pflanzensorten ist ein langwieriger und ressourcenintensiver Prozess. In der klassischen Pflanzenzüchtung können 15 Jahre oder mehr vergehen, bis eine neue Sorte marktreif ist. Gleichzeitig steigen aber die Anforderungen an unsere Kulturpflanzen durch den Klimawandel, neue Schädlinge, Krankheiten und wachsende Nachhaltigkeitsanforderungen rasant an.
Um klimaresistente und ertragreiche Pflanzen deutlich schneller entwickeln zu können, benötigt die Pflanzenzüchtung daher präzise genetische Informationen über die Pflanzen und ihre Eigenschaften. Digitale genomische Methoden eröffnen hier neue Möglichkeiten, um genetische Potenziale schon frühzeitig zu erkennen und Züchtungsentscheidungen auf einer deutlich besseren Datenbasis zu treffen.
Das Projekt DiP-DIAMANT
Das Projekt DiP-DIAMANT „Digitale Methoden für angewandte Präzisionsgenomik, Netzwerkanalyse und Technologieentwicklung“ setzt genau an diesem Punkt an. Im Projekt werden neue genomische und digitale Methoden entwickelt, um genetische Informationen von Pflanzen schneller und umfassender zu erschließen und auszuwerten. So können die genetischen Grundlagen komplexer Eigenschaften, wie beispielsweise Stressresistenz oder Ertragspotenzial, besser verstanden und die Pflanzenzüchtung deutlich effizienter werden.
Unter der Leitung des Bioinformatikers Dr. Thomas Schmutzer entsteht dafür am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine digitale Plattform zur Genomanalyse. Sie kann sowohl der Grundlagenforschung als auch der praktischen Pflanzenzüchtung neue Möglichkeiten eröffnen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei wichtigen Kulturpflanzen wie Weizen sowie bislang genetisch wenig erforschten Sonderkulturen.
Dr. Thomas Schmutzer selbst beschreibt seine Motivation so: „Das ist nämlich das Schöne an der Pflanze. Auch wenn wir schon extrem viel wissen, befinden wir uns dennoch in einem Meer aus Unbekanntem, in dem wir noch Entdecker sein können. Deswegen liebe ich es einfach wirklich, mit der Pflanze zu arbeiten. Und dass wir jetzt, dank des technologischen Fortschritts, statt auf einem Segelboot eben mit einem Speedboot unterwegs sind, macht diese Reise umso erkenntnisreicher.“
DiP-DIAMANT "Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten"
DiP-DIAMANT verbindet modernste Sequenzierungstechnologien mit Künstlicher Intelligenz für eine nachhaltige Bioökonomie.
Projektziele
• Entwicklung einer neuartigen Plattform für Long-Read-Genotypisierung und KI-basierte Genomanalyse
• Aufbau einer automatisierten Infrastruktur für Hochdurchsatz-DNA-Analysen
• Etablierung der Einzelzell-Technologie für komplexe Kulturpflanzen
• Erstellung digitaler Zwillinge von Pflanzensorten für präzisere Züchtung
• Stärkung der Region als Innovationszentrum für digitale Genomforschung
• Schaffung neuer Arbeitsplätze in der digitalen Bioökonomie
Förderdauer
01.04.2024 – 31.12.2028
Fördermittelgeber
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
Verbundkoordinator
Dr. Thomas Schmutzer
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften
Neue Einblicke in komplexe Pflanzengenome
Ein zentraler Ansatz des Projekts ist die Etablierung moderner Long-Read-Sequenzierungstechnologien, mit denen deutlich längere DNA-Abschnitte gelesen werden können als mit herkömmlichen Verfahren. Die Technologie ist besonders relevant für Pflanzen, da deren Genome oft sehr komplex aufgebaut sind. Ein großer Teil pflanzlicher Genome besteht aus Regionen mit vielen Wiederholungssequenzen, die bis zu 90 Prozent des gesamten Genoms ausmachen können. Mit herkömmlichen Sequenziermethoden lassen sich diese Regionen nur schwer rekonstruieren. Bisherige Verfahren auf Basis der Short-Read-Sequenzierung liefern daher häufig unvollständige oder schwer interpretierbare Genomrekonstruktionen. Long-Read-Sequenzierung ermöglicht es dagegen, längere DNA-Fragmente am Stück zu lesen und diese komplexen Bereiche deutlich zuverlässiger zusammenzusetzen.
Der Einsatz der Long-Read-Sequenzierung bringt jedoch auch neue Herausforderungen mit sich. Für die Sequenzierung wird hochmolekulare DNA benötigt, deren Gewinnung aus pflanzlichem Material methodisch durchaus anspruchsvoll sein kann. Zudem entstehen bei der Sequenzierung enorme Datenmengen: Eine einzelne Sequenzierung kann mehrere hundert Gigabyte bis zu einem Terabyte an Rohdaten erzeugen. Neben der Entwicklung neuer Labormethoden musste deshalb auch eine leistungsfähige Dateninfrastruktur aufgebaut werden. So Dr. Thomas Schmutzer: „Wir sind mit 150 Terabyte verfügbarem Speicherplatz in das Projekt gegangen und waren nach einem Jahr voll.“
Neben der reinen Sequenzanalyse untersucht das Projekt auch genetische Netzwerke, also die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Genen. Gene wirken in einer Zelle meist nicht isoliert, sondern beeinflussen sich gegenseitig und sind Teil komplexer Regulationssysteme. Erst wenn solche Zusammenhänge verstanden werden, lässt sich erkennen, welche Gene gemeinsam an bestimmten Eigenschaften einer Pflanze beteiligt sind. Wenn aber solche Netzwerke umfassend analysiert werden, entstehen ebenfalls sehr große und komplexe Datensätze, in denen relevante biologische Signale schwer von Hintergrundrauschen zu unterscheiden sind. Deshalb werden an dieser Stelle Methoden des maschinellen Lernens eingesetzt, um diese Daten zu strukturieren, Muster zu erkennen und so beispielsweise mögliche Zusammenhänge zwischen genetischen Varianten und Pflanzeneigenschaften sichtbar zu machen.
Vom Pflanzenmaterial zur digitalen Analyse
Um diese Ziele zu erreichen, entwickelte das Projektteam neue Verfahren, mit denen große Pflanzenpopulationen genetisch charakterisiert werden können. Ein erster zentraler Schritt bestand darin, hochmolekulare DNA aus Pflanzenproben zu gewinnen. Gerade dieser Prozess erwies sich als anspruchsvoll, da viele etablierte Extraktionsverfahren ursprünglich für manuelle Laborarbeit entwickelt wurden und sich nicht einfach automatisieren lassen. In früheren Arbeiten bedeutete dieser Schritt für mehrerer hundert Pflanzenproben oft monatelange Vorarbeit im Labor.
Ein wichtiger methodischer Fortschritt im Projekt besteht daher darin, diese Arbeitsschritte zu automatisieren. Dafür mussten bestehende Protokolle angepasst und neue Arbeitsabläufe entwickelt werden, die sich auf automatisierte Liquid-Handling-Systeme übertragen lassen.
Diese Automatisierung ermöglicht es heute, deutlich mehr Proben parallel zu bearbeiten (rund 200 pro Tag) als zuvor und schaffte damit die Voraussetzung für Hochdurchsatzanalysen großer Pflanzenpopulationen. Gleichzeitig mussten Fragen der Stabilität und Reproduzierbarkeit der Verfahren geklärt werden, um aus den experimentellen Ansätzen robuste Analyseabläufe zu entwickeln.
Nach der Sequenzierung werden die entstehenden Daten bioinformatisch verarbeitet. So kann für jede untersuchte Pflanze ein möglichst umfassendes genetisches Profil erstellt werden. Im Unterschied zu klassischen Genotypisierungsverfahren, die meist nur eine begrenzte Zahl definierter genetischer Marker untersuchen, verfolgt der im Projekt entwickelte Ansatz, das gesamte Spektrum genetischer Variation zu erfassen und zusätzliche genetische Informationen in die Analyse einzubeziehen.
Zusätzlich arbeitet das Projektteam daran, Einzelzell-Technologien für komplexe Kulturpflanzen zu etablieren. Dabei werden regulatorische Informationen nicht nur auf Ebene ganzer Pflanzen analysiert, sondern direkt in einzelnen Zellen. Auf diese Weise lässt sich genauer untersuchen, wann bestimmte Gene in unterschiedlichen Zelltypen aktiv sind und wie sie auf Umweltbedingungen reagieren.
Anschließend werden die genetischen Daten mit beobachtbaren Eigenschaften der Pflanzen verknüpft. Durch den Vergleich großer Pflanzenpopulationen lassen sich dann genetische Regionen identifizieren, die mit bestimmten Eigenschaften zusammenhängen, etwa mit Stressresistenz oder anderen agronomisch interessanten Merkmalen.
Im weiteren Projektverlauf sollen solche Datenanalysen auch die Grundlage für sogenannte digitale Zwillinge bilden. Dabei handelt es sich um computergestützte Modelle, die genetische Eigenschaften einer Pflanze möglichst realitätsnah abbilden. Sie könnten künftig dabei helfen, Züchtungsentscheidungen besser zu planen, indem sich mögliche Effekte bestimmter genetischer Kombinationen bereits am Computer simulieren lassen.
Teil eines großen Forschungsverbunds
DiP-DIAMANT ist Teil des Forschungsverbunds DiP „Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten“, der im Zuge des Strukturwandels im Mitteldeutschen Revier entsteht. Ziel von DiP ist es, im südlichen Sachsen-Anhalt eine Modellregion der Bioökonomie für nachhaltige, digital unterstützte pflanzliche Wertschöpfungsketten zu etablieren.
Seit April 2024 arbeiten 19 Projekte im DiP-Konsortium „Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten“ zusammen. Der Verbund vereint zahlreiche Forschungsinstitutionen und Wirtschaftspartner. Innerhalb von DiP konzentriert sich das Projekt DiP-DIAMANT vor allem auf die frühen Schritte entlang der Wertschöpfungskette: genetische Analysen, automatisierte Forschungsinfrastrukturen und neue Methoden der Datenanalyse.
Perspektiven für die Zukunft
Die im Projekt entwickelten Methoden können die Pflanzenzüchtung deutlich effizienter gestalten. Präzisere genetische Analysen ermöglichen es, vielversprechende Kreuzungen bereits früh im Züchtungsprozess zu identifizieren und damit Zeit und Ressourcen gezielter einzusetzen. Denn, so Dr. Thomas Schmutzer: „Wenn ich schon ganz am Anfang deutlich mehr über das Ausgangsmaterial weiß, dann kann ich selektiver entscheiden, welches Potenzial meine Kreuzungen haben.“
Gleichzeitig entstehen neue Analyseverfahren, die künftig auch als Service für Züchtungsunternehmen oder Forschungseinrichtungen interessant sein können. Darüber hinaus eröffnen sich ganz neue Anwendungsfelder etwa bei der Untersuchung von Pflanzen-Mikrobiomen-Interaktionen oder bei der Analyse von Bodenorganismen.
Erst das Zusammenspiel aus moderner Sequenzierung, automatisierten Laborprozessen und KI-gestützter Analyse macht diese neuen Ansätze für die Pflanzenzüchtung möglich. Projekte wie DiP-DIAMANT zeigen, wie aus großen Datenmengen neues Wissen entsteht, und wie dieses Wissen dazu beiträgt, unsere Nutzpflanzen an die Herausforderungen der Zukunft anzupassen.
Autorin: Chr. Hilgardt