Die digitale Transformation der Weizenzüchtung

Die digitale Transformation der Weizenzüchtung

Im Verbundprojekt DRIVE verknüpfen Forschung, Züchtung und IT riesige Datenbestände mit Künstlicher Intelligenz, Klimamodellen und Genom-Editierung. Das Ziel: Weizensorten entwickeln, die Hitze, Dürre und Krankheiten besser standhalten.

Weizenfeld mit vernetzten Datenpunkten, KI-Collage
Im Projekt DRIVE werden große Datenmengen aus Genetik, Pflanzenmerkmalen und Umweltbedingungen zusammengeführt, um die Weizenzüchtung mit digitalen Methoden grundlegend zu verbessern.

Ein leises Summen liegt in der Luft, Monitore flackern, Kameras erfassen jede Bewegung junger Pflanzen. Moderne Züchtungsforschung findet heute längst nicht mehr nur auf dem Feld statt, sondern ebenso in Laboren, Gewächshäusern und Rechenzentren, verteilt über ganz Deutschland. Über Jahre hinweg ist so ein gewaltiger Datenschatz entstanden: genetische Profile, Wachstumsbilder, Messwerte zu Böden, Wetter und Stressreaktionen. Lange lagen diese Informationen nebeneinander, schwer zugänglich und kaum miteinander verknüpft.

Genau hier setzt das Verbundprojekt DRIVE an. Forschungseinrichtungen, mittelständische Saatzuchtbetriebe und IT-Spezialisten bauen gemeinsam eine Infrastruktur, die diese Daten zusammenführt und nutzbar macht. Im Zentrum steht eine kuratierte, standardisierte Plattform, auf der Künstliche Intelligenz (KI) Zusammenhänge erkennen kann, die sich dem menschlichen Blick entziehen. Ziel ist es, Züchtungsentscheidungen nicht nur auf Erfahrung und Feldversuche zu stützen, sondern auch auf systematisch ausgewertete Daten aus Genetik, Umwelt und Pflanzenverhalten.

Zuchtgarten Weizen mit Parzellen.
In aufwendigen Züchtungsprogrammen werden Weizenlinien über Jahre hinweg getestet und kombiniert, um an veränderte Klimabedingungen angepasste Sorten zu schaffen. Datenportale, Vorhersagemodelle und neue Züchtungstechnologien sollen die Effizienz steigern

Denn die Anforderungen an unsere Nutzpflanzen wie Weizen wachsen: Häufigere Hitzewellen, längere Trockenperioden und neue Krankheitserreger setzen den Sorten zu. Robuste Pflanzen lassen sich nur dann rechtzeitig entwickeln, wenn Wissen geteilt, Daten vernetzt und neue Technologien ineinandergreifen. DRIVE versteht sich dabei als Schnittstelle zwischen klassischer Züchtung und digitaler Präzision.

initiirt durch: BMFTR

DRIVE

Datengetriebene und genom-editierte Züchtung lokal angepasster Weizensorten zur Steigerung der Agrarbiodiversität, der nachhaltigen Klimaresistenz und der Ressourceneffizienz

ProjektpartnerLeibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK)
Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) Müncheberg
Julius Kühn-Institut (JKI) Kleinmachnow – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen
Max-Planck-Institut (MPI) für Molekulare Pflanzenphysiologie Potsdam
Technische Universität München (TUM)
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Nordic Seed Germany GmbH
Deutsche Saatveredelung AG
infotraX GmbH
Secobra Saatzucht GmbH
Saatzucht Streng-Engelen GmbH & Co. KG
W. von Borries-Eckendorf GmbH & Co. KG
FörderungBundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
ProjektträgerProjektträger Jülich (PtJ)
Laufzeit2024–2028
mehr InformationenDRIVE in Projektdatenbank Pflanzenforschung.de

  

Das digitale Fundament – Die Treuhänder der Daten

In der Pflanzenforschung existieren enorme Informationsmengen zu modernen Kulturpflanzen, alten Landsorten und ihren Reaktionen auf Umweltstress. Diese Daten zum Erbgut (Genotyp), den Merkmalen (Phänotyp) und Umweltbedingungen stammen aus Züchtungsprogrammen, Feldversuchen und internationalen Forschungsprojekten. Doch oft sind sie in unterschiedlichen Formaten gespeichert, über viele Institutionen verteilt und nicht für automatisierte Auswertungen aufbereitet.

„Es fehlt an Big Data, kuratierten und maschinenlesbaren Datensätzen, die groß genug sind, um von künstlicher Intelligenz verarbeitet zu werden. Im Rahmen des DRIVE-Projekts bauen wir eine Datenplattform mit einer der weltweit umfangreichsten Big-Data-Datenbanken für Nutzpflanzen auf“, erläutert Prof. Dr. Jochen Reif, Koordinator des Verbundprojekts und Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben. „Unser Ziel ist es, die datengestützte Züchtung von Weizensorten zu erleichtern, die an Klima- und Standortbedingungen angepasst sind.“

Herzstück von DRIVE ist eine webbasierte Datenplattform, die als zentrales, sicheres Repository aufgebaut wird. Das IPK, die Gemeinschaft zur Förderung von Pflanzeninnovation (GFPi) und die infotraX GmbH entwickeln sie nach den FAIR-Prinzipien: Daten sollen auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein. Millionen Datensätze aus laufenden Züchtungsprogrammen werden integriert, ergänzt durch historische und öffentlich verfügbare Quellen. Aufbauen kann der Forschungsverbund auf den Arbeiten des vorhergehenden Projekts „BreedFides“. In dem digitalen Ökosystem werden Genomsequenzen, Bilddaten, phänotypische Merkmale, Bodenparameter und Wetterreihen so verknüpft, dass KI-Modelle daraus lernen können und hochwertige, geprüfte Datensätze in einheitlichen Formaten entstehen. So entsteht eine Grundlage, auf der komplexe Zusammenhänge zwischen Erbgut, Umwelt und Pflanzenleistung systematisch ausgewertet werden können.

Zwei Bildschirme im Büro, darauf ein Datenportal zur Pflanzenzüchtung.
Ein umfangreiches Datenportal verknüpft im Projekt DRIVE genetische, phänotypische und umweltbezogene Daten, so dass Forschenden und Züchtungsunternehmen große Datensätze gemeinsam auszuwerten können.

Sieben Züchtungsprogramme stellen ihre hochsensiblen Daten zur Verfügung. Für die Unternehmen ist eine solche Offenlegung ein bedeutender Schritt, denn es geht um wertvolles Know-how. „Ein Daten-Repository für die Pflanzenzüchtung muss wissenschaftliche Offenheit, wirtschaftlichen Schutz und technische Exzellenz in einem klar strukturierten, vertrauenswürdigen System vereinen,“ betont Stephanie Sarach-Reuber von der infotraX GmbH. „Vertrauen ist die zentrale Voraussetzung für den Austausch sensibler Züchtungsdaten zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen. Die in DRIVE entwickelte Plattform agiert als technischer Datentreuhänder, indem sie Vertrauen durch klare Governance, transparente Prozesse und höchste Sicherheitsstandards institutionell absichert.“

Die datengestützte Kristallkugel – KI, Modelle und Realitätscheck

Aus der gemeinsamen Datenbasis entsteht die zweite Säule von DRIVE: Vorhersagemodelle, die beschreiben, wie unterschiedliche Weizensorten auf ihre Umwelt reagieren. Mithilfe von KI analysieren die Beteiligten Genotyp-Umwelt-Interaktionen und erstellen digitale Abbilder realer Anbauregionen von Küstenstandorten bis in den süddeutschen Raum: für heutige Bedingungen ebenso wie für mögliche Szenarien der kommenden Jahrzehnte.

„Im Grunde funktionieren die Modelle wie eine digitale Version eines realen Feldes. Wir simulieren, wie sich eine Kulturpflanze von der Aussaat bis zur Ernte entwickelt. Dabei berücksichtigen sie Faktoren wie Wetterbedingungen, Bodeneigenschaften sowie landwirtschaftliche Maßnahmen wie Düngung oder Bewässerung,“ erklärt Dr. Ehsan Eyshi Rezaei vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. „Die Modelle ermöglichen es, neue Weizensorten virtuell unter vielen unterschiedlichen Umwelt- und Klimabedingungen zu testen, ohne sie tatsächlich auf Feldern anbauen zu müssen. Das spart enorme Mengen an Zeit und Kosten.“ Auf dem Bildschirm entstehen Karten mit Ertragsschätzungen, Hitzestressindikatoren und Niederschlagsdefiziten. Die Modelle sollen zeigen, welche Sorten in welcher Region langfristig stabil bleiben und wo Anpassungsbedarf besteht.

Forschende am ZALF besprechen Vorhersagemodelle.
Forschende des ZALF simulieren mit Vorhersagemodellen, wie unterschiedliche Weizensorten unter verschiedenen Klima- und Umweltbedingungen wachsen und Erträge liefern. Im Bild: Nazanin P. Afhsaryan (li) und Dr. Ehsan E. Rezaei

Dank maschinellem Lernen und weiterer KI-Anwendungen lassen sich Muster in den umfangreichen Datenmengen erkennen und so Erträge besser vorhersagen, Krankheiten früh erkennen und Bewässerung sowie Düngung in Echtzeit optimieren. Für Rezaei steht fest: „Die Verbindung aus klassischen Pflanzenmodellen und KI hat das Potenzial, sowohl Züchtungsprogramme als auch landwirtschaftliche Entscheidungen deutlich zu beschleunigen.“

Ob die Projektionen halten, was sie versprechen, prüfen die Forschenden anschließend experimentell. Dafür nutzt DRIVE die PhänoSphäre am IPK, eine großskalige Klimakammer- und Phänotypisierungsanlage, in der sich Licht, Temperatur, Luftfeuchte und CO₂-Gehalt präzise steuern lassen. Auf rund 230 Quadratmetern wachsen Pflanzen in Containern unter feldähnlichen, aber kontrollierten Bedingungen. „In der PhänoSphäre werden wir die Chancen, aber auch die Grenzen unserer Vorhersagemodelle testen. Dabei stellen wir uns unter anderem die Frage: Wie gut können wir den Ertrag in Umwelten der Zukunft vorhersagen?“ fasst es Projektkoordinator Reif zusammen.  

PhänoSphäre am IPK mit Raps in Containern.
In der PhänoSphäre werden Klimabedingungen kontrolliert simuliert, um Pflanzenreaktionen zu messen und die Vorhersagen von Computer-Modellen zu überprüfen; hier ein Beispiel aus der Rapsforschung.

Schnelle Wetterwechsel, Hitzephasen zur Blüte oder gezielte Trockenperioden lassen sich hier gezielt nachstellen. Gleichzeitig erfasst ein automatisiertes Sensorsystem das Pflanzenwachstum mit RGB-, 3D- und hyperspektralen Kameras sowie Messungen der Chlorophyllfluoreszenz. Die so gewonnenen Daten fließen zurück in die Modelle und verbessern deren Aussagekraft. Simulation und Experiment greifen ineinander und schärfen Schritt für Schritt die Vorhersagen.

Auch aus Sicht der Züchtungsunternehmen ist dieser Ansatz ein Fortschritt. Josef Holzapfel von der Secobra Saatzucht GmbH beschreibt es so: „Die validierten Modelle helfen uns, Sorten zu entwickeln, die unter zukünftigen Klimabedingungen verlässlich wachsen. Wir versprechen uns davon mehr Sicherheit bei der Selektion und geringere Kosten für Merkmale, bei denen aufgrund von sehr guter Vorhersagbarkeit auf die Erhebung von phänotypischen Daten verzichtet werden kann“.

Die Gen-Chirurgen – Präzision für den Weizen von morgen

Die Kombination aus Datenanalyse, Modellierung und Experimenten macht sichtbar, welche Abschnitte im Erbgut für wichtige Eigenschaften verantwortlich sind. Häufig finden sich dort Genvarianten, die in alten Weizenlinien noch vorhanden sind, in modernen Hochleistungssorten jedoch verloren gingen.

Solche Gene wieder in leistungsstarke Sorten einzubringen, ist auf klassischem Weg ein langwieriger Prozess. Jede Kreuzung überträgt neben den gewünschten auch unerwünschte Merkmale, die über viele Generationen hinweg aussortiert werden müssen. Das kann Jahre, oft sogar mehr als ein Jahrzehnt dauern.

DRIVE ergänzt diesen Ansatz durch moderne Genom-Editierung. Am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie arbeitet das Team von Dr. Joachim Forner an gezielten Mutationen. „Früher mussten Züchter sehr lange kreuzen, um eine einzelne Genvariante in eine Hochertragslinie zu bringen“, sagt er. „Heute können wir gezielt Veränderungen vornehmen, ohne die bewährten Eigenschaften einer Sorte zu verlieren.“

Zum Einsatz kommt unter anderem das CRISPR/Cas-System, das einzelne Bausteine der DNA präzise verändert. Die Eingriffe ähneln natürlichen Mutationen, sind aber gezielt steuerbar. Ein Schwerpunkt liegt auf Allelen, die Resistenzen gegen Gelbrost (Puccinia striiformis) vermitteln, einen Pilz, der sich mit steigenden Temperaturen stärker ausbreitet.

Weizen mit Gelbrost.
Der Pilz Gelbrost bedroht weltweit Weizenernten, weshalb Forschende gezielt nach Resistenzgenen suchen und diese mithilfe moderner Genome-Editing-Verfahren in neue Sorten einbringen.

Ganz so einfach, wie es zunächst klingt, ist es aber nicht. Die größte technische Hürde besteht darin, dass sich Weizen, vor allem moderne Hochleistungssorten, nur schwer genetisch verändern und anschließend wieder zu gesunden, vollständigen Pflanzen heranziehen lässt. Viele dieser sogenannten Elite-Linien reagieren empfindlich auf die nötigen Laborschritte, sodass die eingeführten Veränderungen oft nicht stabil übernommen oder die Pflanzen nicht zuverlässig regeneriert werden können. Genau diese fehlende „Umwandlungsfähigkeit“ bremst derzeit noch den breiten Einsatz moderner Geneditierungsverfahren in der praktischen Züchtung. „Es ist nicht selbstverständlich, fremde Gene gezielt in diese Linien einzubringen. Aber mein Mitarbeiter Philipp Berg erzielt gerade erste Erfolge,“ erläutert Forner.

Wie DRIVE die Bioökonomie von morgen prägt

Klimaresilienz und Ernährungssicherheit: Daten-gestützte Prognosen helfen, Sorten von Nutzpflanzen zu identifizieren, die auch bei Hitze und Dürre stabile Erträge liefern.

Ressourcenschonung durch Präzisionszüchtung: Wasser- und Nährstoffeffizienz werden Modell-basiert und gezielt in die Züchtungsziele integriert.

Weniger Pflanzenschutz, mehr Biodiversität: Resistente Sorten können den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren und ökologische Systeme entlasten.

Erhalt genetischer Vielfalt: Durch die gezielte Nutzung alter und seltener Allele bleibt ein breites genetisches Spektrum verfügbar.

Ein Blick nach vorn

Auf dem Feld bleibt der Weizen ein vertrauter Anblick. Doch hinter diesem Bild verändert sich die Art und Weise, wie neue Sorten entstehen. Datenplattformen, Vorhersagemodelle und präzise molekularbiologische Methoden werden zunehmend zu festen Bestandteilen moderner Züchtung. DRIVE zeigt, wie digitale Werkzeuge, experimentelle Forschung und klassische Züchtungsarbeit ineinandergreifen.

Der Weg dorthin ist anspruchsvoll: Es gilt, ein Datenökosystem aufzubauen, das den unterschiedlichen Anforderungen aus Forschung und Züchtung gerecht wird. KI-gestützte Modelle müssen sich im experimentellen Realitätscheck bewähren, und neue Erkenntnisse müssen schließlich in konkrete Züchtungsprogramme übertragen werden.

Erste Ergebnisse zeigen bereits, dass dieser integrierte Ansatz tragfähig ist. Er eröffnet so neue Perspektiven für die Entwicklung angepasster Weizensorten, die auch unter sich wandelnden Umweltbedingungen stabile Erträge liefern und damit eine wichtige Grundlage für Ernährung und Landwirtschaft sichern.

Publikationen im Zusammenhang mit dem Projekt DRIVE (Stand Februar 2026)

von Hanna Berger

Dossier: Pflanzenzüchtung 4.0 - Schneller, smarter, nachhaltiger

Wie können Nutzpflanzen an Klimawandel, knappe Ressourcen und eine wachsende Bevölkerung angepasst werden? Digitale Technologien, große Datenmengen und präzise Züchtung verändern die Entwicklung neuer Sorten grundlegend.

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