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06.10.2020

Estland

Der nördlichste Staat des Baltikums arbeitet zurzeit an einer eigenen Bioökonomiestrategie, die eine große Unterstützung zu den bereits initiierten lokalen, regionalen und nationalen Vorhaben in diesem Bereich sein wird. Schätzungen zufolge macht die biobasierte Wirtschaft Estlands etwa ein Drittel der gesamten Wirtschaft aus. Im Hinblick auf die holzverarbeitende und–bearbeitende Industrie gehört der baltische Staat sogar zu den führenden Bioökonomien weltweit. Richtungsweisende Impulse für die estnische Bioökonomie liefern insbesondere politische Strategien, Programme und Pläne zur Agrarwirtschaft, Fischerei, Forst- und Energiewirtschaft.  

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Rechtliche und politische Grundlagen

Die politischen Entscheidungsträger Estlands entwickeln derzeit eine neue Bioökonomiestrategie. Diese soll auf den Erfolgen von Strategien, Programmen und Entwicklungsplänen des Landwirtschaftsministeriums, des Umweltministeriums sowie des Ministeriums für Wirtschaft und Kommunikation aufbauen. Aufgrund eines bisher fehlenden systematischen Herangehens sollen auf diese Weise die Vielzahl an strategischen Ansätzen unter der Federführung des Landwirtschaftsministeriums zusammengeführt werden. Begleitet wird dieses Vorhaben durch ein interministerielles Projekt, mit dessen Hilfe in den Jahren 2018 bis 2021 der aktuelle Stand bestehender Wertschöpfungsketten der estnischen Bioökonomie analysiert wird. Anhand der Erkenntnisse dieser Studie sollen Zukunftsszenarien entwickelt und entsprechende Maßnahmen abgeleitet werden. In einem weiteren Schritt soll der Einfluss der ersten Bioökonomiestrategie Estlands auf die nationale sowie die EU-Politik untersucht werden. Potenzielle Geschäftsmodelle werden in den Bereichen Marine Ressourcen, Kraftstoffe und Energie, Lebens- und Futtermittel, Biomaterialien, chemische und pharmazeutische Erzeugnisse sowie Kunststoffe gesehen.

Strategische Ansätze des Landwirtschaftsministeriums

In den letzten Jahren entstanden eine Vielzahl von Entwicklungsplänen in Estland. Keine dieser politischen Vorgaben widmet sich explizit der Bioökonomie, dennoch weisen einige teils starke Bezüge zu ihr auf. Sowohl der “Development Plan on the Promotion of Biomass and Bioenergy Use for 2007–2013” als auch das “Government Action Programme 2015-2019” legen den Grundstein für einen strategischen Ansatz zur Transformation Estlands hin zu einer biobasierten Wirtschaft, indem sie als Ziel die effiziente Nutzung von Biomasse in Estland festlegen. Des Weiteren liefern die “Analysis of the Estonian Bioeconomy” und die “Analysis and propositions for developing the Estonian Bioeconomy Strategy until 2030” wertvollen Input für die zu definierenden bioökonomischen Ziele Estlands.

Thematische Bezüge zur Bioökonomie finden sich auch in den Strategien zur Agrarwirtschaft und Fischerei des Landwirtschaftsministeriums. So sollten im Rahmen des „Estonian Rural Development Programme“ zwischen 2014 und 2020 rund 933 Millionen Euro ausgeschüttet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit in der Agrarwirtschaft zu verbessern, die Landwirtschaft zu diversifizieren, neue Arbeitsplätze zu schaffen und gezielten Wissenstransfer zu gewährleisten. Zudem spielt die Fischerei für den baltischen Staat mit einer fast 3.800 km langen Küstenlinie eine bedeutende Rolle. Zu den wesentlichen Schwerpunkten und Zielsetzungen der „Estonian Fisheries Strategy 2014-2020“ gehören die Förderung der Vermarktung und Verarbeitung der Produkte innerhalb dieses Sektors, die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit für Unternehmen, die Förderung von Beschäftigung sowie die Entwicklung einer günstigen, nachhaltigen und profitablen Fischerei.

Strategische Ansätze des Umweltministeriums

Neben der Agrarwirtschaft und der Fischerei ist die Forstwirtschaft von wesentlicher Relevanz für die Bioökonomie Estlands. Das estnische Umweltministerium erstellt jeweils für eine Dekade einen Entwicklungsplan für die Forstwirtschaft und stellt damit die Weichen für eine nachhaltige Nutzung des Waldes. So soll die Aufrechterhaltung der dauerhaften Produktivität von Wald und Boden durch Wiederaufforstung sowie eine effiziente Nutzung des Holzbestandes gewährleistet werden. Ebenso sollen rund 10 % der Wälder Estlands unter Naturschutz gestellt werden, um Waldverlust zu vermeiden und die Biodiversität zu erhöhen. Mit der Implementierung europäischer Rechtsprechung auf nationaler Ebene verpflichtet sich Estland im „National Forestry Accounting Plan 2021 - 2025“, nicht mehr Treibhausgase zu emittieren als durch den Wald eingebunden werden können. Zur Ermittlung der erforderlichen Daten wird für die Waldbestände des Landes ein „Forest Reference Level“ bestimmt. Dieser Wert bezieht sich auf die Bewirtschaftung der Wälder in der Zeitperiode von 2000 bis 2009 und soll die nachhaltige Bewirtschaftung unter Berücksichtigung dynamischer und altersbezogener Indikatoren messen.

Politische Nachhaltigkeitsziele

Estland setzt mit der „Estonian National Sustainable Development Strategy Sustainable Estonia 21 (SE21)" den Fokus auf Nachhaltigkeit. Der baltische Staat strebt langfristig ein „successful functioning of the Estonian society and state“ an. Die Strategie beinhaltet inhaltlich aufeinander abgestimmte Maßnahmen und mögliche Lösungsansätze. Sie fordert die Beteiligung aller relevanten Akteure. Um auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein, sollen entsprechende Kapazitäten aufgebaut und Mechanismen in der Gesellschaft etabliert werden, die in Estland auch unter dem Einfluss unvorhergesehener Umstände greifen. Insbesondere im Hinblick auf die sich unvermeidlich ändernden Klima- und Umweltbedingungen gilt es, die SE21 stetig weiterzuentwickeln, nach Bedarf anzupassen und die Gesellschaft auf dem Weg hin zu einer biobasierten Wirtschaft aktiv partizipieren zu lassen. Zur Erreichung der definierten Entwicklungsziele müssen ebenfalls alle verfügbaren finanziellen Ressourcen mobilisiert werden.

Die neue Bioökonomiestrategie

Zur Schaffung eines einheitlichen strategischen Rahmens, der alle betroffenen Wirtschaftssektoren und ihre Bedürfnisse in einer Strategie bündelt, hat die estnische Regierung beschlossen, eine eigene Bioökonomiestrategie zu entwickeln. Unter der Federführung des Landwirtschaftsministeriums soll mit der neuen Strategie Wohlfahrtswachstum langfristig gesichert werden, insbesondere durch die effiziente, nachhaltige Nutzung von Biomasse und die Anwendung innovativer, umweltfreundlicher Technologien. In Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium und dem Ministerium für Wirtschaft und Kommunikation setzt man sich zum Ziel, Land- aber auch Wasserressourcen effizienter einzusetzen und eine höhere Energiesicherheit durch die Verwendung erneuerbarer Energien wie Biomasse und Biokraftstoff zu erreichen. Kreisläufe sollen geschlossen und der CO2-Ausstoß gemindert werden. Schließlich soll die Schaffung von Arbeitsplätzen in den betroffenen Sektoren gefördert werden, um langfristig eine Bioökonomie in Estland aufzubauen. Folgende sechs Wertschöpfungsketten werden in der neuen Bioökonomiestrategie fokussiert:

  • Nahrungs- und Futtermittel,
  • Holz (holzbearbeitende- und verarbeitende Industrie, Papier, Zellulose, weitere Produkte),
  • Textilien und Bekleidung,
  • Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse sowie Kunststoffe,
  • Kraftstoffe und Energie sowie
  • andere Ökosystemdienstleistungen, die für die Bioökonomie relevant sind.


Politische Akteure

Initiator der Entwicklung einer neuen Bioökonomiestrategie Estlands ist das Landwirtschaftsministerium. Zudem sind das Umweltministerium und das Ministerium für Wirtschaft und Kommunikation in diesen Prozess eingebunden. Das Ministerium für Bildung und Forschung hat federführend zu der Veröffentlichung der „Forschung, Entwicklung, Innovation und Industrie Strategie 2021 - 2030“ beigetragen und ist ebenso wie das Innenministerium, das Finanzministerium sowie das Ministerium für Soziales

als politischer Akteur im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Bioökonomie in Estland zu nennen. Für die Koordination und Unterstützung in der Wissensvermittlung sind vorrangig das „Council of Agriculture and Rural Development“, das „Council of Fisheries and the Council of Forestry“ sowie der „Estonian Development Fund“ zuständig. Das „Estonian Research Council“ (ETAg) fungiert als Netzwerk und Knotenpunkt für Wissenschaft, Industrie und Politik auf nationaler Ebene. ETAg setzt die Forschungs- und Innovationsförderprogramme auf nationaler, EU- sowie internationaler Ebene um. Zudem arbeitet es den politischen Entscheidungsträgern zu und veröffentlicht Statistiken und Studien.

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Unternehmenslandschaft

Die bedeutendsten biobasierten Industriezweige in Estland bilden die Landwirtschaft sowie die holzverarbeitende und -bearbeitende Industrie. Rund die Hälfte des Landes ist bewaldet und ein Drittel ist landwirtschaftlich genutzt. Die wichtigsten Wirtschaftszweige Estlands im Jahr 2018 waren Groß- und Einzelhandel, Verkehr, Beherbergungs- und Gaststättenwesen (21,1 %), Industrie (20,8 %) sowie öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen (15,6 %). 68 % der Ausfuhren Estlands gehen in EU-Länder (Finnland 16 %, Schweden 11 % und Lettland 10 %); unter den Nicht-EU-Ländern sind die USA und Russland mit je 6 % der Ausfuhren die wichtigsten Handelspartner. Die Einfuhren stammen zu 77 % aus den EU-Mitgliedstaaten (Finnland 13 %, Deutschland 10 % und Litauen 9 %). Von außerhalb der EU stammen 9 % der Einfuhren aus Russland und 4 % aus China. Produziert werden in Estland in erster Linie Textilien, Möbel, Lebensmittel und Maschinen. Die Biotechnologie ist indes eine aufstrebende Sparte. Hier bilden Holz- und Agrarindustrie, durch die Bereitstellung biobasierter Rohstoffe, eine gute Basis für künftige Vorhaben im Bereich der Bioökonomie. Die Anwesenheit vieler Internationaler Akteure aus der Biotechnologie sowie eine organisierte Innovationsinfrastruktur im Land sind gute Voraussetzungen, eine biobasierte Wirtschaft schrittweise zu etablieren.

Estland weist eine besonders stark ausgeprägte IT-Infrastruktur auf und es bestehen rund 4.800 Unternehmen im Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT)-Bereich, in welchem knapp 6 % der estnischen Arbeitskräfte beschäftigt sind. Alleine auf Programmieren und IT-Beratung entfallen mehr als 4 % des BIPs. Die wichtigsten produzierenden Wirtschaftszweige in diesem Bereich sind die Herstellung bzw. Assemblierung von Computern und dazugehörigen elektronischen Komponenten sowie die Produktion von physischen und optischen Datenträgern.

Die drei größten Unternehmen des Landes sind Ericsson Eesti (Telekommunikation), Tallink Group (Schifffahrt) und Eesti Energia (Energie) dessen Tochterunternehmen Enefit Green den gesamten erneuerbare Energien Sektor des Unternehmens abdeckt.

Biotechnologie

Zurzeit gibt es über 100 Unternehmen in Estland, die sich mit dem Thema Biotechnologie befassen. Die meisten davon sind in Tartu, eine Universitätsstadt und die zweitgrößte Stadt des Landes, und dort im Tartu Biotechnology Park ansässig. Dieser bietet Unternehmen und F&E-Einrichtungen in den Bereichen Biotechnologie, Medizin und Veterinärmedizin sowohl physische Infrastruktur als auch Unternehmensentwicklungs- und Beratungsdienste. Er unterstützt Unternehmen bei der Suche nach Kooperationspartnern und ist aktiv am Gründungsprozess neuer Unternehmen beteiligt. Der Fokus liegt hier insbesondere auf der medizinischen Biotechnologie.

Darüber hinaus hat Estland sein Potenzial in der Biomasseproduktion und Produktion biobasierter Rohstoffe, durch den großen Anteil der Forst- und Agrarwirtschaft an der Gesamtwirtschaft des Landes, erkannt. Mit dem Unternehmen Graanul Invest Group weist Estland den größten Produzenten von Holzpellets Europas auf. Als Teil der Gruppe tritt Graanul Biotech für die Bioökonomieinteressen des Unternehmens ein. So koordiniert Graanul Biotech etwa das internationale, von der EU geförderte Projekt Sweetwoods. Im Rahmen des Projektes werden in einer weltweit einzigartigen Testfabrik in Estland Reste der Holzindustrie zu hochwertigen Rohstoffen weiterverarbeitet, die den Ausgangsstoff für eine Vielzahl an Produkten darstellen.

Energie und Chemie

Estland verfügt, anders als viele andere europäische Staaten, dank seiner Ölschiefervorkommen über umfangreiche eigene fossile Energieressourcen. Die Energieproduktion in Estland basiert in entsprechend großem Umfang auf diesen lokalen Quellen und gewinnt über 60% der Energie aus Ölschiefer. Eesti Energia ist der weltweit größte Produzent von Energie aus Ölschiefer. In dem vom Unternehmen eingesetzten Verfahren werden rund 80% der Energie aus dem Ölschiefergestein genutzt. Der dennoch sehr umweltbelastende Tagebau und die Verarbeitung von Ölschiefer sorgen dafür, dass sich das Unternehmen zunehmend mit der möglichen Verwendung einzelner Komponenten des Produktionsverfahrens in einer Kreislaufwirtschaft beschäftigt. So können bereits jetzt etwa 10% des Ölschiefers durch alte Autoreifen ersetzt werden, da eine Tonne alter Reifen etwa vier Mal mehr Öl enthält als eine Tonne Ölschiefer. Das sind rund 260.000 Tonnen Autoreifen und damit mehr als in Estland alleine anfallen.

Die Estonian Chemical Industry Association (ECIA) ist das Cluster der chemischen Industrie in Estland und vereint mehr als 50 Unternehmen, die in Estland in diesem Bereich tätig sind. Der Produktionswert der chemischen Industrie beläuft sich auf etwa 662 Millionen Euro wobei im Hinblick auf Unternehmenszahl, Umsatz und Produktionswert die Herstellung von Gummi- und Plastikprodukten den größten Sektor darstellen. Etwa 85% der von der Chemischen Industrie produzierten Waren und Rohstoffe werden exportiert, und dieser Industriezweig trägt somit rund 0,8 % zum BIP bei. Im Baltic Chemical Park im Landkreis Ida-Viru finden viele, auch internationale, Chemieunternehmen eine gute Infrastruktur und Logistik vor. Der Anteil der biobasierten Chemieindustrie im Land ist jedoch insgesamt noch sehr gering.

Forstwirtschaft, Agrarsektor und Fischerei

Das größte Potenzial für die Bioökonomie in Estland stellen die Forstwirtschaft und der Agrarsektor dar. Holzbasierte Wertschöpfungsketten erwirtschafteten im Jahr 2016 etwa 2,5 Milliarden Euro. Große Unternehmen wie die LEMEKS Group, COMBIMILL, TARMEKO oder die bereits genannte Graanul Invest Group decken dabei fast das gesamte Spektrum holzbasierter Produkte ab. Die Holz- und Forstindustrie stellt etwa 5 % (~ 33800) der Arbeitsplätze in Estland. Der Produktionswert der Landwirtschaft lag in den letzten Jahren stets über 500 Millionen Euro, wovon etwa 70 % auf den Anbau von Getreide und Feldfrüchten und 30 % auf Nutztiere entfällt. 68 Unternehmen sind im Bereich der Verarbeitung von Fisch, Schalen- und Krustentieren tätig und erwirtschaften etwa 123 Millionen Euro jährlich. Große lokale Firmen wie Briis arbeiten dabei zum Großteil für den Export.

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Forschungslandschaft

Nachdem im Jahr 2011 mit 2,3 % des Bruttoinlandprodukts (BIP) der bisher höchste Anteil für Forschung und Entwicklung ausgegeben wurde und Estland damit über dem EU-15 Durchschnitt lag, verfolgt die estnische Regierung weiterhin ambitionierte Ziele, um Innovationen voranzutreiben. Die 366 Millionen Euro Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2018 (1,4% des BIP) verteilen sich fast gleichverteilt auf die Privatwirtschaft (44 %) und die öffentliche Hand (41 %). Rund 15 % entstammen von ausländischen Fördergebern. Der höchste Anteil der staatlichen Fördergelder floss in die Hochschulbildung.

Mit seinen sechs öffentlichen Universitäten in Tallinn und Tartu, spezialisierten außeruniversitären Einrichtungen, einer privaten Forschungseinrichtung sowie einem staatlichen Forschungszentrum verfügt Estland im Verhältnis zur Größe des Landes über eine international anerkannte Forschungslandschaft. Estland gehört zu den Hightech Hubs im Nordosten Europas mit einem speziellen Fokus auf Biotechnologie und Informationstechnologie. Neben den technischen Hochschulen werden auch Spin-offs und Start-ups gefördert, insbesondere in den Städten Tallinn, Tartu und Narva.

Universitäre Forschung

Es gibt acht Einrichtungen, die sich mit Forschung und Entwicklung zu Bioökonomie- relevanten Themen in Estland beschäftigen:

Die Universität Tartu legt mit seinem Studienangebot den Fokus auf die am schnellsten wachsenden Forschungsfelder der industriellen Bioökonomie. Der an die Universität angeschlossene Tartu Biotechnology Park ist ein Inkubator für Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft. Neben einer permanenten Partnerschaft mit der BioCon Valley Initiative in Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland, sind der estnische Bioökonomierat sowie ein Zentrum für Synthetische Biologie Teil des Tartu Biotechnology Parks.

Seit dem 1. Januar 2018 verfügt die Universität Tartu über ein neues Institut für Genomforschung, das aus dem Zusammenschluss des Estnischen Genomzentrums und des Estnischen Biozentrums entstanden ist. Das Estnische Biozentrum fokussiert auf die Molekularmedizin und steht in enger Verbindung zur Biotechnologie. Im Forschungszentrum sind Arbeitsgruppen zu den Schwerpunktthemen Gentechnologie, Oncogenetics, Bioinformatik und Evolution ansässig.

Führende Forschungsinstitute in den Bereichen Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Tiermedizin sind ebenfalls in Tartu an der Estnischen Universität für Lebenswissenschaften angesiedelt. Die Universität ist Teil des NOVA-BOVA Netzwerks, einer Plattform für nordeuropäische Staaten (Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden) zur Förderung des Wissensaustausches und zur Anbahnung neuer Kooperationen in den genannten Schwerpunktbereichen.

Die Lebensmittelindustrie gehört zu den traditionellen Sektoren der estnischen Wirtschaft. Hier sieht die Regierung großes Potenzial für zukünftige Innovationen. Bereits im Jahr 2004 ist daher ein an die Universität Tallinn angeschlossenes Zentrum für Lebensmittel- und Fermentationstechnologien (CFFT) gegründet worden. Das CFFT legt seinen Forschungsschwerpunkt einerseits auf die Verbesserung der Qualität, Funktionalität und Haltbarkeit von Lebensmitteln. Andererseits sollen innovative Lebensmittel- und Fermentationstechnologien, beispielsweise durch die Optimierung von Mikroorganismen wie Hefen und Milchsäurebakterien, erforscht werden. Aufgrund der erfolgreichen Forschungsarbeiten sind bereits intensive Kooperationen mit diversen wissenschaftlichen Einrichtungen und über 40 Unternehmen weltweit entstanden.

Die Cleantech ForEst ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO) in Estland, die Start-ups im Bereich der Bioökonomie fördert und bei ihren ersten Schritten auf dem Markt unterstützt. Bisher konnten insgesamt 31 Start-ups und 49 junge Nachhaltigkeitsexperten gefördert werden. Zu den Schlüsselqualifikationen der NGO gehört auch die Vernetzung, insbesondere durch IT-gestützte Formate wie Hackathons zum Thema Klimawandel und der Suche nach umweltfreundlichen, technologischen Lösungen.

Außeruniversitäre Forschung

Das Zentrum für Umweltforschungen ist in Estland ein führender Anbieter von chemischen und physikalischen Laboranalysen und damit verbundenen Dienstleistungen. Sowohl für Kunden aus der Privatwirtschaft als auch für staatliche Institutionen bietet das Zentrum Labore zur Untersuchung von Lebensmitteln, Oberflächengewässern, von Grundwasser, des Meeres und von Abwässern sowie Klärschlämmen an.

Forschungscluster

Die Hauptaufgabe von Forschungsclustern besteht in der Vermittlung von Wissen, Technologien und Informationen über aktuelle Entwicklungen des betrachteten Sektors. Auf Initiative von 20 Organisationen inklusive 12 Unternehmen ist an der Estnischen Universität für Lebenswissenschaften das „Wooden House Cluster“ gegründet worden mit dem Ziel, die internationalen Geschäftsbeziehungen der betroffenen Akteure durch gemeinsame Aktivitäten in der Produktvermarktung und -entwicklung sowie durch die Schaffung von Kompetenzen auszubauen. Auf der Webseite und in der Zeitung des Clusters werden die Interessierten über aktuelle Informationen aus der Branche informiert. Zudem werden diverse Wettbewerbe veranstaltet, unter anderem wird das „Pre-Fab House of the Year“ prämiert. Im Jahr 2019 engagierten sich bereits 36 Organisationen inklusive 25 Unternehmen in dem Cluster.

Das „Woodworking Industry Development Cluster“, bestehend aus 13 Unternehmen und 2 Forschungseinrichtungen, hat sich zur Aufgabe gemacht, nationale Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie zu unterstützen. Auf der Webseite und verknüpften Social Media Kanälen werden die Mitglieder über Aktivitäten, Schulungen und Studien informiert. Zu ihren Kompetenzfeldern gehört die Analyse von Primärressourcen und deren Verfügbarkeit, die Förderung der Nutzung von Holz als erneuerbare und umweltfreundliche Ressource bei der Herstellung von Holzprodukten sowie im Energiesektor. Zudem strebt das Cluster eine Verbesserung der Qualität der Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich der holzverarbeitenden und -bearbeitenden Industrie an.

Die vom Ministerium für Wirtschaft und Kommunikation Estland erfolgreich koordinierte IKT-Politik führte dazu, dass der baltische Staat über ein ausgezeichnetes IT-Datennetz verfügt und aufgrund seiner Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien sich zurecht als einen der Vorreiter der digitalen Revolution in Europa bezeichnet. Hinzu kommen zwei IT- geprägte Cluster, die einen Mehrwert für die Bioökonomie darstellen: Das „ICT Cluster“ soll die Kooperation zwischen IKT-Unternehmen und Unternehmen anderer Wirtschaftssektoren fördern. Gemeinsam sollen neue kreative Produkte entstehen und dadurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöht werden. Mit insgesamt 87 Mitgliedern werden gemeinsame Themenschwerpunkte definiert und ausgearbeitet.

Das „Smart City Cluster“ an der Universität Tartu soll eine innovative Umgebung für Unternehmen und Forschungseinrichtungen in der estnischen Stadt schaffen. Die Kooperation zwischen der Stadt Tartu und den IKT- sowie Infrastruktur-relevanten Unternehmen sollen innovative Produkte und Verfahren entwickeln, die exportfähig sind und einen Mehrwert für das Leben in urbanen Räumen darstellen. Insgesamt sollen 22 nationale Partner Estland bis zum Jahr 2020 zu einem der weltweit bekanntesten Standorte prägen, in denen Lösungsansätze für das moderne, innovative Leben in der Stadt entwickelt werden.

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