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15.09.2015

Brasilien

Die stärkste Volkswirtschaft Südamerikas ist reich an biobasierten Rohstoffen. Das Land am Amazonas verfügt über eine unerreichte Artenvielfalt. Agarwirtschaftlich dominiert seit Jahrzehnten die Herstellung und der Verbrauch von Zuckerrohr-Alkohol. Die Bioethanol-Branche ist zum zweitgrößten Produzenten weltweit aufgestiegen. Neben Biosprit sind Rohrzucker und Soja weitere bedeutende Exportgüter. Der Einsatz gentechnisch veränderter Nutzpflanzen ist weit verbreitet: Brasilianische Äcker machen sie ein Fünftel der globalen gv-Anbaufläche aus. Künftige Potenziale liegen in der biobasierten Chemikalien-Produktion. Auch die Holzwirtschaft gilt als Wachstumsmarkt. Zudem hat sich Brasilien verpflichtet, die illegale Rodung von Regenwald bis 2030 zu stoppen.

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Rechtliche und politische Grundlagen

Wie andere Länder in Südamerika profitiert das tropische Brasilien von seinen reichlich vorhandenen Ressourcen an pflanzlicher Biomasse. Allein das macht Brasilien zu einem der führenden Akteure in der Bioökonomie. Ein Schwerpunkt in der Produktion liegt im Gebiet Biotreibstoff. 

Zahlreiche Biotreibstoff-Initiativen

Erste Programme erlaubten bereits ab dem Jahr 1931, Bioethanol dem Benzin beizumischen. In den 1970er-Jahren steigerte die Regierung dann mit ihrer Proalcool-Initiative die Herstellung des Biosprits erheblich und schrieb seitdem kontinuierlich gestiegene Beimischungsquoten vor. 2004 wurde das Proinfa-Programm aufgelegt, das den allgemeinen Ausbau der erneuerbaren Energien vorsieht, die zu diesem Zweck mit Einspeisevergütungen gefördert wurden. 2004 verabschiedete die Regierung außerdem das Nationale Biodiesel-Programm (PNPB), mit dem das Einkommen der ländlichen Bevölkerung gesteigert und der brasilianische Energiemix künftig grüner werden sollte. Hinzukommen der „Plano Nacional de Agroenergía, 2006-2011“ und der “Plano Decenal de Expansão de Energia 2023“. Mit Blick auf die angewandte Biotechnologie war die brasilianische Gesetzgebung bis zum Jahr 2005 sehr restriktiv geprägt. Das 1995 in Brasilien ratifizierte Gesetz zur Biosicherheit, das Bestimmungen zur Grünen Gentechnik enthielt, bestand aus weitreichenden Verboten: Gesetzlich untersagt waren der Anbau von gv-Pflanzen. Durch sogenannte provisorische Maßnahmen war dieses Verbot jedoch zu Beginn des neuen Jahrtausends soweit aufgeweicht worden, dass am Schluss nur noch der Handel mit gentechnisch verändertem Saatgut tatsächlich verboten war. Nach einer mehrjährigen Debatte insbesondere um den Anbau von Gentech-Soja trat 2005 ein neues Gesetz in Kraft (Lei de Biosseguranca). Es erlaubte Forschung, Anbau, Lagerung, Verkauf und Handel mit gv-Pflanzen.

Biotechnologie-Strategie

Im Jahr 2007 verabschiedete das Land seine Biotechnologie-Strategie mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, die künftige Nahrungsmittelsicherheit zu gewährleisten und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Koordiniert wird die Umsetzung durch das „National Biotechnology Committee“ und das Forum für biotechnologische Wettbewerbsfähigkeit. Langfristiges Ziel ist es, landesweit 1.000 Bioraffinerien zu bauen und bis 2025 der weltgrößte Exporteur von Bioethanol zu werden. Mit neuen Regelungen aus dem Jahr 2014 wurden komplexe Abläufe vereinfacht und Hürden abgebaut. In der Nationalen Strategie für Wissenschaft, Technologie und Innovation 2012-2015 (ENCTI) wird der Bereich Biotechnologie zudem als ein Technologiefeld benannt, dessen Innovationsfähigkeit von besonderer Wichtigkeit für die Entwicklung des Landes ist. 2011 wurde der Innovationsförderplan PAISS beschlossen, der durch die staatliche Brasilianische Entwicklungsbank (BNDES) und den Technologiefinanzierer FINEP mit einem Budget von 500 Mio. US-Dollar ausgestattet wurde und der Firmen bei der Finanzierung ihrer Projekte unterstützt. Biosprit der 2. Generation, neue Zuckerrohr-basierte Chemikalien und die Vergasung von Biomasse sowie die Skalierung der Herstellungsprozesse stehen hier im Fokus. Innovationen im Bereich der Biokraftstoffe sind zudem ein Bestandteil des ebenfalls 2011 veröffentlichten „Brasil Maior“-Plans der Regierung. Eine explizite Bioökonomie-Strategie der Regierung gibt es derzeit nicht. Im Jahr 2013 hat der brasilianische Industrieverband CNI mit dem Beratungshaus "Harvard Business Review" jedoch eine Bioökonomie-Agenda veröffentlicht. Das Papier macht sich für eine einheitliche nationale Bioökonomie-Politik stark (PDF-Download).

Nachfrage nach Biosprit angekurbelt

Seit dem Frühjahr 2015 versucht die brasilianische Regierung mit zahlreichen Maßnahmen, die zurückgegangene Nachfrage nach Biotreibstoffen wieder anzukurbeln. So gilt in Brasilien eine neue Beimischungsquote für Bioethanol. Diese wurde per Gesetz um zwei Prozentpunkte auf 27% angehoben. Biodiesel darf künftig ebenfalls in größeren Mengen zugegeben werden. Zudem hob die Regierung die Steuern für fossiles Benzin und Diesel an, so dass deren Preise an den Zapfsäulen demnächst steigen könnten. Die Steuern (PIS / PASEP und COFINS) auf Rohstoffe zur Herstellung von Biodiesel wurden vorübergehend ausgesetzt. Die zur Bekämpfung der Inflation gedeckelten Benzinpreise gelten als ein Hauptgrund für den sinkenden Absatz des Biosprits. Überlegungen gibt es auch zu Treibstoff auf Mais-Basis. So könnte es Subventionen hierfür geben. Aufgrund der massiv gestiegenen Ernteerträge kam es zu einem Preissturz bei Mais. Um die heimische Industrie insbesondere vor US-amerikanischen Ethanol-Importen zu schützen, trat im Sommer ein Gesetz in Kraft, das diese Einfuhren höher besteuert. Steuerliche Vorteile gewährt die Regierung beim Kauf von Flex-Fuel-Fahrzeugen, die sowohl den angebotenen Ethanolkraftstoff wie auch das normale Benzin verwenden können. Zudem fallen auf Bioethanol von der Tankstelle geringere Steuern an. Brasilien hat sich im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP21 in Paris 2015 ambitionierte eigene Nachhaltigkeitsziele gesteckt: Dazu gehören die Wiederaufforstung von 12 Millionen Hektar Regenwald, den Stopp jeglicher illegaler Abholzung bis ins Jahr 2030 und die Neutralisierung der Carbon-Emissionen in Bezug auf die Abholzung in Amazonien.

Zuständige Zulassungsbehörde für die Freisetzung von Pflanzen

Die Biosicherheit in Brasilien wird von zwei Behörden reguliert. Die Politik zum Thema gestaltet der mit dem neuen Gesetz 2005 eingerichtete Rat zur biologischen Sicherheit (CNBS). CNBS ist für die Formulierung und Umsetzung der Richtlinien zur Biosicherheit verantwortlich. Hier werden die Vorgaben für die einzelnen mit Fragen der Biosicherheit befassten Bundesbehörden festgesetzt, sozioökonomische Auswirkungen und nationale Interessenlagen im Bezug auf einzelne gv-Sorten bewertet. Die Entscheidung über die Freigabe von gv-Organismen obliegt der Nationalen Regierungskommission für Biosicherheit (Comissao Técnica Nacional de Biosseguranca, CTNBio). CTNBio prüft gv-Pflanzen vor ihrer Freisetzung und erklärt sie im besten Fall für unbedenklich. Seit 2004 müssen Lebensmittel und Tierfutter, die mehr als ein Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten, mit dem Transgen-Logo gekennzeichnet werden.  Für die Zulassung von biologischen Medikamenten ist die Arzneimittelbehörde ANVISA verantwortlich.

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Unternehmenslandschaft

Brasilien ist ein Zuckerrohr und ein  Biosprit-Land: Nach den USA ist es der weltweit größte Produzent von Bioethanol. In der Saison 2012/2013 wurden 590 Mio. Tonnen Zuckerrohr in Brasilien geerntet, und daraus wurden knapp 40 Mio. Tonnen Rohrzucker und 23 Mrd. Liter Bioethanol gewonnen. 90% der in Brasilien verkauften Neuwagen fahren mittlerweile mit einem Gemisch aus Benzin und Ethanol. Die Agrarwirtschaft Brasiliens trägt mit einem Anteil von rund 22% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wichtigste Säulen sind zudem Sojaprodukte mit einem Exportwert von mehr als 25 Mrd. US-Dollar, gefolgt von Fleischprodukten im Wert von mehr als 15 Mrd. US-Dollar.

Bedeutende Zuckerrohr-Ethanolhersteller

Zu den bedeutenden Akteuren in der brasilianischen Bioökonomie zählen die Besitzer und Betreiber von Zuckerrohrplantagen und -mühlen sowie die Biosprit- und -kunststoffhersteller. Bei der Nutzung des Bioethanols dominieren einheimische Unternehmen. Raizen, nach eigenen Angaben eines der größten Unternehmen Brasiliens und wichtigster Hersteller von Zuckerrohr-Ethanol im Land, produziert in seinen Fabriken jährlich 2 Mrd. Liter Ethanol und 4 Mio. Tonnen Zucker. Gegründet wurde das Unternehmen vom brasilianischen Land-, Energie- und Logistikkonzern Cosan zusammen mit dem britisch-niederländischen Ölkonzern Shell als Joint Venture. Als bedeutend gilt auch die international operierende Copersucar, die sich zu den weltgrößten Zucker- und Bioalkoholherstellern zählt. Diesem ursprünglich als Genossenschaft gegründeten Unternehmen liefern 43 Partnermühlen aus den Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais, Paraná und Goiás exklusiv ihre Produkte zu. Schwache Konjunktur, ein globales Überangebot von Zucker und zu hohe Herstellungskosten führten bei den Zuckermühlen in den vergangener Jahren jedoch schon zu Anlagen-Schließungen oder zu Übernahmen. Hinzugekommen waren auch eine Dürre und die Entscheidung der Regierung aus dem vergangenen Jahr, die Benzinpreise einzufrieren. In der Folge büßte Bioethanol seine führende Position gegenüber herkömmlichem Sprit ein. Hersteller wie „Gratt Industria de Maquinas“ experimentieren auch mit alternativen Rohstoffen wie Süßkartoffeln für die Biospritherstellung.

Als weiterer Akteur in der Bioökonomie zählt der Brasilianische Chemieverband (Brazilian Chemical Industry Association - Abiquim). So gehört das Land zu den global führenden Chemienationen. Mit einem Umsatz von 114 Mrd. Euro im Jahr 2014 waren die Südamerikaner der sechstgrößte Chemikalienhersteller der Welt. Vor allem mit Blick auf Biokunststoffe gibt es starke Aktivitäten. Ein Beispiel hierfür ist der börsennotierte Konzern Braskem, Brasiliens größter Kunststoffhersteller, und nach eigenem Bekunden weltgrößter Produzent von Biopolymeren und globaler Zulieferer für Kunden aus der Automobil-, Chemie-, Verpackungs- und Konsumgüter- und Bauindustrie. 1% seines Umsatzes bestreitet der Konzern mit Biopolymeren, die derzeit vor allem im Premiumsektor zum Einsatz kommen. In der Petrochemie verankert produziert der Konzern inzwischen biobasiertes Polyethylen, das von weltweit tätigen Konzernen etwa der deutschen Lanxess weiterverarbeitet wird. Der in der Schweiz angesiedelte Verpackungskonzern Tetra-Laval verwendet das Braskem-Bio-PE in Brasilien inzwischen in jedem seiner bekannten Tetra-Paks. Als Ausgangsmaterial dient aus Zuckerrohr gewonnener Alkohol. Der Anteil des Monomers Bio-Ethylen an der jährlichen Gesamtproduktionskapazität von 18 Mio. Tonnen beträgt bisher allerdings nur 200.000 Tonnen (1%). Bio-Polypropylen, ein zweiter nachgefragter Biokunststoff, stellte Braskem schon im Labormaßstab her. Für die Zukunft setzt der Konzern auf die synthetische Biologie und „Open innovation“. Hierzu kooperieren die Brasilianer mit in- und ausländischen Biotech-Firmen wie Genomatica (USA) oder der dänischen Novozymes und akademischen Einrichtungen. Biodiesel produziert inzwischen auch der weltweit größte Fleischproduzent JBS mit Sitz in São Paulo.  Flugbenzin will die zu den global größten Flugzeugherstellern zählende Embraer aus Brasilien mit dem US-Konzern Boeing in einem neuen Zentrum künftig gemeinsamen erforschen. Das Chemieunternehmen Oxiteno setzt ebenfalls auf Nachhaltigkeit. Hierfür integriert es Zuckerrohr- oder Pflanzenöl-basierte Rohstoffe in seine Produkte. Der brasilianische Industrieverband CNI sieht die Bioökonomie als Chance und machte 2013 mit der Vorlage einer Agenda konkrete Vorschläge, um in diesem Bereich weiter nach vorn zu kommen (PDF-Download).

Bioraffinerien und grüne Chemie

Bioraffinerien als Anlagen für die möglichst effiziente Umwandlung und Verwertung von Biomasse sind in Brasilien ein fester Bestandteil der Unternehmenslandschaft. Rund 400 kommerzielle Anlagen produzieren Zucker, Ethanol, Tierfutter und Bioenergie. Aktiv sind hier insbesondere große Unternehmen wie Cosan oder die São Martinho Group. Das familiengeführte, 2011 gegründete Biotechunternehmen GranBio eröffnete laut eigenen Angaben im Jahr 2014 im nordöstlich gelegenen Bundesstaat Alagoas eine der weltweit größten Bioraffinerien zur Herstellung von Alkohol aus Zuckerrohrabfällen. Die erste Bioethanol-Anlage der 2. Generation eröffnete im Jahr 2007 das halbstaatliche Mineralölunternehmen Petrobras. Die Technologie hinter dem Herstellungsprozess stammt häufig von europäischen Chemieunternehmen. Biochemikalien etwa Butanol, ein Lösungsmittel, entwickelt das Unternehmen zusammen mit der französischen Solvay-Tochter Rhodia. Braskem gilt laut dem Branchendienst Biofuelsdigest als prominentester Produzent biobasierter Chemikalien. Die US-Biotechfirma Amyris produziert in seiner brasilianischen Anlage aus nachwachsenden Rohstoffen das Produkt Farnesen. Dieser langkettige Kohlenwasserstoff dient nicht nur als Ausgangsstoff in der Feinchemie, sondern lässt sich auch in die vier wichtigsten Biotreibstoffe umwandeln. Erst im vergangenen Jahr hatte die Firma von der brasilianischen Aufsichtsbehörde ANP die Zulassung für seinen Flugzeugtreibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen erhalten. Das US-Unternehmen Bunge, einer der weltweit bedeutendsten Lieferanten der Nahrungsmittel- und Futtermittelindustrie und wichtiger Sojaexporteur und Biodieselhersteller, will zusammen mit der US-Biotechfirma Proterro in direkter Nähe zu seiner firmeneigenen Zuckermühle Photobioreaktoren installieren. In diesen sollen Cyanobakterien Zucker herstellen, der anschließend zu Bioalkohol umgesetzt werden kann. Relevant für die Bioökonomie sind zudem die Papier- und Zellstoffproduzenten, etwa Klabin oder die Suzano-Gruppe, deren Reststoffe in biobasierte Produkte umgewandelt werden könnten. So wird Suzano nach der kürzlich erteilten Freigabe als erster Konzern weltweit genetisch veränderte Eukalyptusbäume anpflanzen können, die mehr Holz produzieren und schneller wachsen.

Viel Gentechnik-Soja angebaut

In der Landwirtschaft stehen die Zeichen auf Wachstum. Laut der Bank Bradesco werde das durchschnittliche Wachstumstempo des Agrarsektors bis 2023 bei jährlich 3,3% liegen. Die wichtigsten Nutzpflanzen sind Zuckerrohr, Soja, Mais, Maniok und Orangen. Nach Angaben des Branchenverbandes ISAAA wurden im Jahr 2014 in Brasilien auf rund 42 Millionen Hektar gentechnisch veränderte (gv-) Pflanzen kommerziell angebaut. Es dominieren gv-Soja (29 Mio. Hektar), gefolgt von gv-Mais (12,5 Mio Hektar) und gv-Baumwolle (0,6 Mio. Hektar).

Beobachter rechnen damit, dass die Anbaufläche mit genetisch veränderten Pflanzen mit der Zulassung neuer Sorten weiter zunehmen wird. Bayer CropScience ist in Brasilien seit längerem aktiv und vermarktet dort mehrere gv-Baumwolle-Sorten. 2011 verkündete das Unternehmen zudem, mit dem Zentrum für Zuckerrohrtechnologie (CTC) im brasilianischen Bundesstaat São Paulo umfassend zur Erforschung und Entwicklung „biotechnologisch optimierter“ Zuckerrohrsorten kooperieren zu wollen. Anfang 2015 erhielt Bayer die Genehmigung zur Übernahme des südbrasilianischen Saatgutproduzenten Cooperativa Central Gaúcha (CCGL). Es existieren im Land inzwischen auch eine Reihe von Firmen, die der Grünen Biotechnologie zuzurechnen sind. Allelyx und CanaVialis wurden bereits vom US-Agrarkonzern Monsanto übernommen. Brasilien gehört auch zu den global führenden Produzenten von Rund- und Schnittholz, wobei die inländische Nachfrage die Marktentwicklung erheblich antreibt. Allerdings nimmt die Waldfläche aufgrund der Umwandlung in intensiv genutzte Agrarflächen inzwischen stark ab. Mengenmäßig ist Brasilien zusammen mit Schweden einer der größten Zellstofflieferanten für Deutschland.

Ausländische Firmen investieren

Brasilien ist sowohl Rohstoff- oder Zwischenproduktlieferant als auch Markt für technische Lösungen aus den Industrieländern. Dieses Potenzial haben ausländische Firmen erkannt. So lief beim deutschen Autobauer Volkswagen 2003 der erste Golf vom Band, der mit einem Flex-Fuel-Motor ausgestattet war und den brasilianischen Biosprit verwenden konnte. Der niederländische Handelskonzern Louis Dreyfus Commodities stieg dagegen ab den 2000er Jahren massiv in den brasilianischen Zucker- und Bioethanolmarkt ein.  Seine im großen Stil zugekauften Plantagen, Zuckermühlen und Verarbeitungsanlagen fasste er inzwischen in seiner Tochter Biosev zusammen. Einer der weltgrößten Rohstoffhändler, der US-Konzern Cargill, gründete im Jahr 2014 Alvean Sugar SL – als Joint Venture zusammen mit Copersucar. Die kanadische Biotech-Schmiede Iogen stellte unterdessen ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit Raizen vor. Beide Unternehmen setzen die Technologie der Kanadier zur Herstellung von Bioethanol der 2. Generation in einer neuerbauten Anlage in direkter Nachbarschaft zu einer Raizen- Zuckermühle ein. Hier wird aus Cellulose-haltigen Abfällen und Reststoffen der Zuckerrohrverarbeitung zusätzliches Bioethanol gewonnen.

Allerdings wirkt sich die schlechte Lage der brasilianischen Wirtschaft und des Bioenergiemarkts auch auf die Aktivitäten der ausländischen Firmen aus. So konzentriert sich das US-Agrobiotech-Unternehmen Ceres in Brasilien künftig auf die Zucht neuer Pflanzensorten für Nahrungs- und Futtermittel, die Forschung zu Energiepflanzen wird eingestellt. US-Züchter NexSteppe hofft, mit seiner Stress-toleranten Hirse als neuem Rohstoff in Brasilien zu punkten. Das israelische Agrobiotech-Unternehmen Evogene will in Brasilien mit seiner optimierten Rizinus-Pflanze Fuß fassen und kooperiert hierfür mit einem der größten Landwirtschaftsunternehmen und Landbesitzer, der SLC Agricola.

Die Bioökonomie im Land könnte künftig auch von einer gestärkten industriellen Biotechnologie profitieren. So plant der eigens im Jahr 2014 gegründete Branchenverband ABBI – Associação Brasileira de Biotecnologia Industrial diese Technologie durch unterschiedliche Initiativen voranzubringen. Unterdessen repräsentiert der in São Paulo ansässige brasilianische Fachverband BrBIOTECH die gesamte brasilianische Biotechnologie. Ebenso von Bedeutung ist das Zentrum „Cietec“, das zahlreiche Firmen aus unterschiedlichen Bereichen wie Biotechnologie und Chemie untereinander vernetzt.

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Forschungslandschaft

Wichtigster Forschungsstandort in Brasilien und Heimat des größten Clusters ist der Bundesstaat São Paulo. Hier konzentrieren sich Universitäten, nationale Einrichtungen und Unternehmen. An der forschungsstarken, in den 1960er Jahren gegründeten Landesuniversität von Campinas (Unicamp) sind rund 35.000 Studenten eingeschrieben. In der Nachbarschaft sitzt auch das CTBE, das 2010 aufgebaute nationale Exzellenzzentrum für Bioethanol. Untergliedert in fünf Forschungsabteilungen werden sowohl Grundlagen, als auch angewandte Forschung betrieben. Ausgestattet mit einer Pilotanlage (PPDP) können Prozesse für die Herstellung von Biotreibstoffen oder biobasierten Chemikalien erprobt werden. Das CTBE gehört als eines von vier Zentren zum Centro Nacional de Pesquisa em Energia e Materiais (CNPEM), welches die Forschung zu Energie und Materialien in diesen Zentren im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Innovation (MCTI) koordiniert. Dem CNPEM zugeordnet ist auch das Laboratório Nacional de Biociências (LNBio), das sich auf die Biowissenschaften konzentriert und einen Schwerpunkt in der industriellen Biotechnologie hat.

Die größte Ausbildungs- und Forschungseinrichtung der Biotechnologie und führende Universität des Landes ist die Universität von São Paulo (USP). Von den Instituten der Universität, die biotechnologische Forschung betreiben, sind besonders die Luiz Queiroz Hochschule für Landwirtschaft bekannt. Forschungsstark ist auch die Universität in Rio de Janeiro. Sie ist eine der ältesten Universitäten im Land und hat die biotechnologische Forschung in acht Kernbereichen organisiert. In der Pflanzenbiotechnologie beschäftigen sich die Forscher unter anderem mit dem Einsatz einheimischer Pflanzen und Bakterien in der Umwelttechnologien sowie der genetischen Modifikation einheimischer Gemüsesorten. Das biochemische Institut vereint zehn verschiedene Labore zur Forschung an Pflanzen und Tieren. In einem ernährungswissenschaftlichen Schwerpunkt geht es unter anderem darum, alternative Herstellungsmethoden für Nährstoffe zu finden. Südlich angrenzend liegt der Bundesstaat Paraná. Dort prüften Forscher an der öffentlichen Universität Unioeste, inwieweit sich Fischabfälle aus der Tilapiazucht für die Herstellung von Biodiesel eignen. Bekannt ist auch die staatliche Universität Vicosa.

Zuckerrohr-Forschungszentrum

Zu den großen außeruniversitären Einrichtungen im Bundesstaat São Paulo zählt das mehrheitlich im Besitz der Unternehmen Copersucar und Raízen befindliche „Centro de Tecnologia Canavieira (CTC)“. An diesem wichtigsten Zuckerrohr-Forschungszentrum des Landes züchten die Mitarbeiter neue Sorten und arbeiten an landwirtschaftlichen und industriellen Produktionsprozessen. Ebenfalls im Bundesstaat beheimatet ist das 1887 gegründete Agronomical Institute of Campinas (IAC). Das dem Wirtschaftsministerium des Bundesstaates zugeordnete Institut kümmert sich insbesondere um neue Erkenntnisse und Fortschritte in der Agrobiotechnologie, zu Landmaschinen und Böden sowie zum Wetter. Erst kürzlich stellten IAC-Wissenschaftler ihre genetisch veränderten Zuckerrohr-Pflanzen mit deutlich gesteigertem Biomasse-Ertrag vor. Der Energiekonzern Petrobras betreibt das Forschungszentrum CENPES in Rio de Janeiro, in dem unter anderem zu Biotreibstoffen geforscht wird. Das Technologieforschungsinstitut IPT (Instituto de Pesquisas Tecnológicas) des Bundesstaates São Paulo bestreitet dagegen 30% seines Budgets durch Forschungsaufträge aus der Wirtschaft, insbesondere im Bereich Biotreibstoffe und Chemie.

Agrarforschungsinstitut Embrapa

Von herausragender Bedeutung ist die staatliche Agrarforschungseinrichtung „Embrapa“, deren Haushalt rund 400 Mio. Euro jährlich beträgt. Dem Landwirtschaftsministerium zugeordnet  koordiniert dieses 1973 gegründete Forschungszentrum die Agrarforschung im Land und beschäftigt knapp 10.000 Menschen an 47 Standorten. Schwerpunkte sind Agroenergie, Agrobiologie, Agroindustrie, Ernährung sowie Bodenkunde und Fernerkundung. Zu seinen Erfolgen zählt der Aufbau einer effizienteren, einheimischen Landwirtschaft, die Brasilien von einem ehemaligen Nahrungsmittelimporteur in einen -exporteur wandelte. Mit dem deutschen Konzern BASF gab es eine Kooperation zur Entwicklung einer herbizidtoleranten Sojasorte. Seit dem Jahr 2011 wird sie unter dem Namen „Cultivance“ in Brasilien vertrieben. Eine Zweigstelle betreibt Embrapa auch in Deutschland, am Forschungszentrum in Jülich. In gemeinsamen Projekten werden Fragen zur Bioökonomie untersucht. Parallel zu diesen Aktivitäten baut Brasilien mit Hilfe der Fraunhofer-Gesellschaft marktgetriebene Innovationszentren im Land auf. Diese forschen künftig unter anderem zu nachhaltiger Chemie, Biomasse, Biotechnologie und erneuerbaren Energien. Zudem werden thematisch spezialisierte Exzellenzzentren der angewandten Forschung (Embrapii), etwa zur Biomasseverarbeitung, aufgebaut. Zusätzlich wurde ein Fraunhofer-Projektzentrum in Campinas aufgebaut, das sich um Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft und Lebensmitteltechnologien kümmert.

Die wichtigsten Forschungsförderer

Auf Bundesebene fördert das Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation über zwei Förderträger, die mit einem eigenen Budget agieren. Die 1967 gegründete Förderagentur für Studien und Projekte (FINEP) unterstützt Universitäten, Forschungseinrichtungen und forschende Unternehmen. Hauptaufgabe des Nationalen Forschungsrates CNPq ist es, die wissenschaftliche und technologische Forschung im Land zu fördern. Dies geschieht im Rahmen von Programmen der Forschungsförderung, die die nationale Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik umsetzen. So startete 2008 das Programm zur Einrichtung Nationaler Wissenschafts- und Technologieinstitute (INCT), die die Kompetenz eines Bereiches bündeln sollen, beispielsweise für Biotreibstoffe, Biotechnologie oder Landwirtschaft. Daneben unterstützt der Rat auch die internationale Zusammenarbeit von brasilianischen Einrichtungen und Wissenschaftlern und ist wichtiger Partner für die Zusammenarbeit Deutschlands mit dem Land. Daneben gilt die staatliche Brasilianische Entwicklungsbank (BNDES) als bedeutender nationaler Fördermittelgeber. Zusammen mit dem Nachbarn Argentinien wurde das „CABBIO - Argentinean-Brazilian Center of Biotechnology“ auf den Weg gebracht. Hier werden Kooperationen von Wissenschaftlern und Unternehmen über binationale Forschungsprojekte gefördert.

Zusammenarbeit mit Deutschland

Brasilien ist in Bildung und Forschung der wichtigste Partner Deutschlands in Lateinamerika. So forschen beide Länder gemeinsam für die innovative und nachhaltige Nutzung von Ressourcen und für den Erhalt der Umwelt. Hierfür baut die Bundesregierung die Partnerschaft mit den Südamerikanern systematisch aus und legte dies auch im „Aktionsplan der deutsch-brasilianischen strategischen Partnerschaft“ nieder. Seit 2014 fördert Deutschland über die Fördermaßnahme „Bioökonomie International“ zusammen mit der brasilianischen Regierung Kooperationsprojekte. Bisher fließen Forschungsmittel für vier Vorhaben im Rahmen der vom BMBF mitfinanzierten Fördermaßnahme in bilaterale Projekte. In die Bekanntmachungsrunde 2015 wurde der Forschungsförderer des Bundesstaates Sao Paulo (FAPESP) eingebunden. Eine weitere Bekanntmachung zum Thema Bioökonomie, die zusammen mit dem Forschungsrat CNPq umgesetzt werden soll, befindet sich noch in der Vorbereitung. Zudem stehen brasilianischen Forschern Fördergelder der EU im Rahmen von Kooperationsprojekten mit deutschen oder europäischen Kollegen zur Verfügung.

Stand 9/2015

Weiterführende Informationen
Branchenverband:

Biotechnologie BrBiotec

Forschung

Agrarforschungszentrum Embrapa

Zulassungsbehörde

Comissao Técnica Nacional de Biosseguranca CTNBio

Für die Bioökonomie relevante Politik:
Rechtliche Grundlagen

zweitgrößtes Land für kommerziellen Gentechnikpflanzen-Anbau, insbesondere Soja, keine Mindestabstände. Freisetzung und Import von gv-Produkten sind zulassungspflichtig.

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