Interview
Dr. Monika Schreiner, Agrarwissenschaftlerin, Referentin für wissenschaftspolitische Beratung und Strategieentwicklung im Wissenschaftsmanagement des Leibniz-Instituts für Gartenbauwissenschaften (IGZ), Honorarprofessorin an der Leibniz Universität Hannover

„Vielleicht inspiriert mich meine Begeisterung für Science-Fiction“

Monika Schreiner / IGZ
Quelle: Julia Vogt / IGZ
Monika Schreiner / IGZ

Star Wars als Ideengeber für die Forschung? Für Monika Schreiner kann Science-Fiction anregen, gewohnte Denkmuster zu verlassen. Mit food4future entwickelt sie neue Wege für widerstandsfähige Ernährungssysteme.


Was passiert, wenn Ackerland knapp wird oder der internationale Handel ausfällt? Was heute noch in weiter Ferne klingt, kann schon morgen real sein. Monika Schreiner forscht am Leibniz-Institut für Gartenbauwissenschaften an neuen Wegen, Nahrungsmittel zu produzieren. Sie koordiniert die „Agrarsysteme der Zukunft“, eine bundesgeförderte Forschungsinitiative für nachhaltige Agrarsysteme, sowie den Forschungsverbund food4future, der alternative Nahrungsquellen erforscht. Die Agrarwissenschaftlerin nutzt dabei radikale Zukunftsbilder, um Möglichkeiten auszuloten, die im Alltag leicht übersehen werden. Im Gespräch erzählt sie, was sie an fremden Welten fasziniert, warum sie sich gegen Schubladendenken bei nachhaltiger Ernährung wendet und weshalb neue Technologien allein noch keine Transformation bewirken.

Frau Schreiner, „Kein Handel, kein Land“ klingt nach einer Dystopie. Warum haben Sie für food4future ausgerechnet solche Extremszenarien entworfen?

Manchmal erkennt man erst am extremen Beispiel, welche Möglichkeiten überhaupt denkbar sind. „No Trade“ und „No Land“ waren für uns bewusst zugespitzte Zukunftsszenarien und keine Prognosen. Wir haben uns gefragt: Was passiert mit unserer Ernährung, wenn internationaler Handel nicht mehr funktioniert? Und wie produzieren wir Lebensmittel, wenn landwirtschaftliche Flächen knapp werden? Die Szenarien sollten uns helfen, ganz anders zu denken und neue Ideen zu entwickeln.
Inzwischen sind einige dieser Fragen viel näher an der Realität, als wir damals gedacht haben. Die Coronapandemie, der Krieg in der Ukraine oder langanhaltende Dürren zeigen, wie verletzlich unsere Versorgungssysteme sind. Ernährungssicherheit, technologische Souveränität und nachhaltiger Transformation der Agrifood-Systeme werden zunehmend gefordert. Wir wollen deshalb widerstandsfähige Systeme für die Lebensmittelproduktion entwickeln, die auch dort funktionieren, wo Platz und Ressourcen knapp sind. Gerade in Städten ist das relevant, weil dort viele Menschen leben, gleichzeitig aber nur begrenzt Fläche und Süßwasser zur Verfügung stehen. Deshalb untersuchen wir Nahrungsquellen jenseits etablierter Produktionssysteme, zum Beispiel bestimmte Algen, Quallen und Salzpflanzen wie die Queller, aber auch Insekten, die Reststoffe verwerten. Hinzu kommen innovative Technologien für die Produktion und Verarbeitung.

Gab es einen Schlüsselmoment, an dem Sie für sich entschieden haben, in diese Richtung zu gehen?

Mich beschäftigt schon lange die Frage, wie wir Lebensmittel produzieren können, die gleichzeitig gesund für den Menschen und für den Planeten sind. Ich habe mich ursprünglich sehr viel spezifischer mit biofunktionellen Eigenschaften von Sekundärmetaboliten in der Pflanze und im Menschen beschäftigt, also an der Schnittstelle Pflanze/Mensch geforscht. Dann kam der Förderaufruf „Agrarsysteme der Zukunft“, zu dem food4future gehört. Der hat mich gewissermaßen gezwungen, diese Erkenntnisse in neuartige Agrifood-Systeme zusammenzuführen. Plötzlich ging es nicht mehr nur um einzelne Pflanzeninhaltsstoffe, sondern um die grundsätzliche Frage, wie wir unser Ernährungssystem verändern könnten. Ich glaube, deshalb fiel mir der erste Antrag auch relativ leicht. Die Ideen waren eigentlich schon da. Die anschließende Begutachtung war allerdings eine andere Geschichte. Ich glaube, das war einer der herausforderndsten Vorträge meines Lebens, ich war angespannter als bei meiner Promotion (lacht). Aber letztlich hat es funktioniert und nur das zählt.

Was inspiriert Sie dazu, über das hinauszudenken, was heute möglich erscheint?

Vielleicht inspiriert mich da meine Begeisterung für Science-Fiction. Ich bin ein Star-Wars-Kind. Mich haben diese völlig anders gedachten Welten schon immer fasziniert: Wie versorgt sich ein Stadtplanet wie Coruscant? Welche Ressourcen sind auf dem Wüstenplanet Tatooine verfügbar und wie wird dort gelebt? Das inspiriert mich tatsächlich bis heute – einmal aus den gewohnten Denkmustern herauszugehen und sich zu fragen, was eigentlich ganz anders funktionieren könnte. Dieser Ansatz hilft uns auch bei den Agrarsystemen der Zukunft. Wir wollen nicht einfach Bestehendes ein bisschen effizienter machen, sondern überlegen, was unter völlig anderen Bedingungen möglich wäre. Und manchmal stellt sich dann heraus, dass Ideen, die zunächst sehr futuristisch erscheinen, plötzlich erstaunlich realistisch werden.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht in unserem Denken über nachhaltige Ernährung verändern?

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, in Schubladen zu denken. Ökologischer Landbau beispielsweise ist wichtig und hat selbstverständlich seine Berechtigung. Aber er ist nicht der einzige Weg, Lebensmittel nachhaltig und resilient zu produzieren. Es gibt ganz unterschiedliche Ansätze und Technologien, die je nach Region und Bedingungen sinnvoll sein können. Wir sollten nicht gegeneinander diskutieren, welcher Ansatz der einzig richtige ist, sondern verschiedene Möglichkeiten offen betrachten und miteinander kombinieren. Ich denke, in dieser Vielfalt liegt der Schlüssel zu den Ernährungssystemen der Zukunft.

Was braucht es, damit solche neuen Ansätze real werden?

Hightech allein reicht nicht. Eine technologische Innovation kann noch so gut sein: Wenn die Gesellschaft sie nicht akzeptiert, wird daraus keine Transformation. Deshalb müssen wir von Anfang an auch die Menschen mitdenken. Niemand soll zu neuen Lebensmitteln oder Ernährungsformen gezwungen werden. Sie müssen sich sinnvoll in unser Ernährungssystem einfügen und einen echten Mehrwert bieten. Gute Wissenschaftskommunikation und Austausch sind dafür entscheidend. Gleichzeitig müssen wir bei den regulatorischen Rahmenbedingungen schneller werden. Gerade bei neuartigen Lebensmitteln, den „Novel Foods“, dauern Zulassungsverfahren in der EU sehr lange. Andere Länder sind hier teilweise deutlich schneller. Wenn wir gute Ideen und Start-ups in Deutschland und Europa halten wollen, müssen wir ihnen auch die Möglichkeit geben, hier zeitnah in die Anwendung zu kommen.

Das Interview führte Hanna Berger