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Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein führt bislang keine eigene Bioökonomiestrategie, setzt aufgrund seiner Lage aber seit zwei Jahrzehnten besonders auf die Blaue Bioökonomie – also die nachhaltige Nutzung biologischer Ressourcen aus Meeren und Gewässern. Dabei entstanden dauerhafte Forschungsstrukturen, Verfahren, Prototypen und erste Unternehmen. Ein Schwachpunkt bleibt der Schritt vom Labor in größere Produktionsmaßstäbe.


Grundlagen: Politik & Förderung

Mit der Landesinitiative Zukunft Meer begann Schleswig-Holstein 2004, Themen rund um Nord- und Ostsee stärker über die Grenzen einzelner Ministerien hinweg zu koordinieren und Wissenschaft, Wirtschaft und Landesverwaltung miteinander zu verbinden. In diesem Umfeld entstanden neue Professuren und bis heute bestehende Strukturen, darunter die fakultätsübergreifende Master School für Meereswissenschaften und die Forschungskooperation Future Ocean Network.

Mit dem Maritimen Aktionsplan von 2008 legte das Land konkrete Projekte, Ziele und Zuständigkeiten fest. Dazu gehörten beispielsweise der Aufbau einer Forschungsanlage zur marinen Aquakultur, die Suche nach Wirkstoffen aus Meeresorganismen für mögliche neue Medikamente sowie Versuche, Fischmehl und Fischöl im Futter von Zuchtfischen teilweise durch pflanzliche Eiweißquellen zu ersetzen.

Eine Forschungsanlage für marine Aquakultur ging 2009 in Büsum in Betrieb und bildet den Ausgangspunkt einer bis heute fortgeführten Aquakulturforschung. Auch der integrierte Ansatz des Maritimen Aktionsplans fand Beachtung: Die EU-Kommission führte Schleswig-Holstein 2009 als frühes Beispiel einer Meerespolitik an, bei der Wirtschaft, Forschung, Nutzung und Meeresschutz gemeinsam – mit ihren Wechselwirkungen und Konflikten – betrachtet werden.

Einen engeren Schwerpunkt auf die Blaue Bioökonomie setzte 2012 der Masterplan Marine Biotechnologie Schleswig-Holstein. Er sollte Forschungsergebnisse stärker in wirtschaftlich nutzbare Verfahren und Produkte überführen. Dazu gehörten beispielsweise neue Lebensmittel aus Meeresorganismen, die Herstellung mariner Moleküle und Biopolymere, neue Aquakultursysteme, Hilfen für Unternehmensgründungen sowie bessere Möglichkeiten, Verfahren aus dem Labor in größere Produktionsmaßstäbe zu übertragen. Bemerkenswert ist, dass bereits 2012 ein Problem benannt wurde, das bis heute wiederkehrt: Unternehmen und Forschungseinrichtungen brauchen beim Schritt vom Labor in größere Produktionsmaßstäbe zusätzliche Infrastruktur und Unterstützung. Vorgeschlagen wurde dafür eine gemeinsame Technologieplattform, das Marine Biotechnikum. Eine solche zentrale Skalierungsplattform wurde jedoch nicht umgesetzt.

Die im Juli 2014 angepasste Regionale Innovationsstrategie sah schließlich einen Masterplan Bioökonomie Schleswig-Holstein vor. Er sollte die Bioökonomie des Landes insgesamt in den Blick nehmen. Dennoch wurde Bioökonomie weiterhin in verschiedenen Innovations- und Fachstrategien des Landes verortet. Auch die schon 2012 beschriebene Skalierungslücke besteht noch immer. Darauf zielt das 2026 gestartete Vorhaben Scale Up! / BaMS.B3: Es soll nun eine Betreiberstruktur mit einem tragfähigen Geschäftsmodell für eine gemeinsame, modular aufgebaute Testanlage entwickelt werden. Dort sollen biobasierte Verfahren später in größeren, industrienahen Maßstäben erprobt werden können.

Forschung & Innovation

Ein Teil der heutigen Forschungsstärke Schleswig-Holsteins in der Blauen Bioökonomie geht auf Investitionen aus den 2000er-Jahren zurück. 2006 nahm das Kieler Wirkstoff-Zentrum (KiWiZ) seine Arbeit auf. Das Land finanzierte unter anderem Labore, Geräte und wissenschaftliches Personal, um Wirkstoffe aus Meeresorganismen zu untersuchen. Seit 2015 wird diese Forschung unter dem Namen GEOMAR-Biotech fortgeführt. Untersucht werden Naturstoffe aus Algen, Bakterien oder Pilzen auf mögliche Anwendungen etwa in Medizin, Lebensmittelherstellung und Kosmetik. Dass daraus tatsächlich neue Wirkstoffkandidaten hervorgehen, zeigt beispielsweise eine Untersuchung von 2020: Forschende identifizierten in Blasentang aus der Kieler Förde Verbindungen, die im Labor das Wachstum des antibiotikaresistenten Bakteriums MRSA hemmten. Aus einem mit dem Tang lebenden Pilz isolierten sie zudem neue Stoffe, die Melanomzellen abtöteten und normale Hautzellen deutlich weniger schädigten. Dabei handelt es sich allerdings um Forschungsergebnisse und mögliche Ausgangsstoffe für spätere Arzneimittelentwicklungen – nicht um zugelassene Medikamente.

Ein zweiter dauerhafter Forschungsstandort entstand in Büsum. Dort ging 2009 eine vom Land geförderte Forschungsanlage für marine Aquakultur in Betrieb. Seit 2022 gehört der Standort zur Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte Medizintechnik (IMTE). Aus der Forschung in Büsum sind inzwischen Verfahren entstanden, die dauerhaft als Forschungs- und Entwicklungsleistungen angeboten werden. Dazu gehören ein Tierwohlindex und ein Bewertungsschema für Forellen, mit denen sich Gesundheits- und Haltungsprobleme systematisch erfassen lassen.

Ab 2019 wurden norddeutsche Kompetenzen im Innovationsraum Bioökonomie auf Marinen Standorten (BaMS) gebündelt. Zu den dort geförderten Projekten gehörten unter anderem LaMuOpt und BioFiA. Im Projekt LaMuOpt wurde untersucht, ob Nebenprodukte aus der Algen- und Muschelzucht weiterverwendet werden können. Für den Verkauf zu kleine Miesmuscheln erwiesen sich in Versuchen als geeigneter Zusatz für Fischfutter; außerdem entstanden Lebensmittelprototypen. BioFiA konzentrierte sich dagegen auf Gesundheit und Stress von Fischen in Aquakulturanlagen. Entwickelt wurden molekulare Bioindikatoren und artspezifische Biochips; hinzu kamen die Überwachung von Wasser- und Umweltwerten, Videoauswertung und computergestützte Analysen von Bewegungs- und Verhaltensmustern. Für keines der beiden Projekte ist bislang öffentlich belegt, dass daraus ein Marktprodukt hervorgegangen ist.

Ein weiterer Forschungsstrang verbindet die Meeresforschung mit Medizin und Medizintechnik. Im Bündnis BlueHealthTech arbeiten seit 2021 Meeresforschende, Kliniken und Unternehmen an Gesundheitstechnologien, die Wissen, Methoden oder Materialien aus der Meeresforschung nutzen. Seit August 2025 untersucht das Projekt SeaGal bestimmte Zuckermoleküle aus der Zellwand des heimischen Seegrases Zostera marina. In Laborversuchen wird geprüft, ob die Seegrasmoleküle das Wachstum von Bauchspeicheldrüsenkrebs bremsen können. Noch handelt es sich um einen frühen Forschungsansatz.

Insgesamt liegt die besondere Forschungsstärke Schleswig-Holsteins damit weiterhin in der marinen Bioökonomie und ihren Schnittstellen zu Aquakultur und Medizin. Viele Arbeiten sind deutlich anwendungsorientiert: In Büsum sind aus Forschung dauerhaft angebotene Methoden und Dienstleistungen entstanden, BaMS-Projekte haben Prototypen und neue Überwachungsverfahren hervorgebracht, und BlueHealthTech überträgt marine Materialien und Messmethoden auf medizinische Fragestellungen. 

Die allgemeinen Landesprogramme richten sich branchenübergreifend an Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Sie können etwa Kooperationen, externe Entwicklungsarbeit oder den Aufbau junger Unternehmen unterstützen.

Für die Blaue Bioökonomie gab es darüber hinaus gezielte Bundesförderung. Im Verbund Bioökonomie auf Marinen Standorten wurden ab 2019 Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammengebracht, damit Ideen rund um Aquakultur, Algen, Muscheln und andere aquatische Ressourcen schneller in die Anwendung kommen. Daraus gingen neben Forschungsprojekten wie LaMuOpt und BioFiA auch Strukturen für den Transfer hervor: Das zunächst geförderte Gründungsprojekt AQUATOR wurde 2024 als gemeinnützige GmbH verselbstständigt und berät heute Start-ups und Unternehmen etwa bei Finanzierungsfragen und Genehmigungen sowie beim Zugang zu Laboren.

Ein ähnliches Ziel verfolgt BlueHealthTech in Kiel. Der bundesgeförderte Verbund bringt Meeresforschung, Kliniken und Unternehmen zusammen und soll Forschungsergebnisse näher an medizinische Anwendungen bringen. Gefördert werden deshalb nicht nur einzelne Forschungsprojekte, sondern auch gemeinsame Vorhaben auf dem Weg in die Anwendung. Unabhängig davon zeigen zwei Kieler Unternehmen, dass Transfer aus der Meeresforschung in den Markt gelingen kann: oceanBASIS entwickelt seit den frühen 2000er-Jahren Produkte aus marinen Rohstoffen, darunter Naturkosmetik und Lebensmittel. osteolabs übertrug eine Methode zur Messung von Calcium-Isotopen aus der Meeresforschung auf die medizinische Diagnostik. Heute vermarktet das Unternehmen entsprechende Knochentests.

Seit 2021 konzentriert die Regionale Innovationsstrategie RIS3.SH 2021–2027 die Innovationsförderung auf fünf Felder: Maritime Wirtschaft, Life Sciences, Energiewende und grüne Mobilität, Ernährungswirtschaft sowie Digitale Wirtschaft. Bioökonomie ist kein eigenes Spezialisierungsfeld, berührt aber mehrere davon.

js