Die Bioökonomie im Vereinigten Königreich erzielte 2014 in der sehr weit gefassten Definition des Wirtschaftsministeriums eine Bruttowertschöpfung von 220 Mrd. £ (ca. 245 Mrd. Euro) und beschäftigte 5,2 Millionen Menschen. Andere Analysen, die nur die Kernfelder berücksichtigen und indirekte Effekte ausschließen, sprechen von 36,1 Mrd. £ Wertschöpfung und 600.000 Arbeitsplätzen. Der Begriff industrielle Biotechnologie wird in Großbritannien sehr breit gefasst. Der staatliche Forschungsförderer BBSRC definiert diesen Sektor mit „der Anwendung von Technologien, die biologische Ressourcen in Materialien von industriellem und gesellschaftlichem Nutzen verwandeln“, damit ist letztlich die gesamte Biotech-Branche inklusive der medizinischen Biotechnologie gemeint. Laut BBSRC generiert die Biotech-Industrie auf der Insel eine Bruttowertschöpfung von 7,5 Mrd. £ und sorgt für 14.000 Jobs. Mehr als 800 Biotech-Unternehmen haben bereits von der staatlichen Forschungsförderorganisation profitiert.
Im Bereich Synthetische Biologie hat sich seit dem Jahr 2000 die Zahl der Start-ups alle fünf Jahre verdoppelt. Insgesamt waren es in den Jahren 2000 bis 2016 150 Jungunternehmen. Seit 2010 haben diese Firmen 620 Mio. Euro Kapital akquiriert.
Für die Bioökonomie relevante Unternehmen gibt es verteilt über das Vereinigte Königreich, allerdings existieren auch regionale Cluster: BioVale in Yorkshire, One Nucleus in London und Cambridge, North East Process Industry Cluster, Norwich Research Park und BioCity Nottingham.
Die UK BioIndustry Association (BIA) vertritt die Interessen von mehr als 300 britischen Biotech-Unternehmen. Der Schwerpunkt liegt dabei klar im Medizinsektor. Zu den großen globalen Pharmakonzernen gehört GlaxoSmithKline (GSK). Er hat seine Wurzeln im London des frühen 18. Jahrhunderts. Heute beschäftigt das Unternehmen allein in Großbritannien 16.000 Mitarbeitende an 18 Standorten. Weltweit setzte GSK im 3. Quartal 2019 9,4 Mrd. £ um. Zunehmend Anteil haben daran Biopharmazeutika. Auch das britisch-schwedische Pharmaunternehmen AstraZeneca gehört zu den Big-Pharma-Unternehmen des Landes. Weitere globale Pharmakonzerne haben Standorte in Großbritannien.
Daneben gibt es viele kleinere, auf wenige Produkte spezialisierte Unternehmen im Bereich der medizinischen Biotechnologie: Prokarium, CHAIN Biotech, Quethera, Cagen, Autolus, LabGenius, Toughlight, Leaf Expression Systems und andere.
Ein Beispiel für ein Unternehmen der industriellen Biotechnologie ist Biocleave, früher Green Biologics. Das Unternehmen entwickelt jetzt in Abingdon anaerobe Produktionsorganismen für die Biotechnologie. Das übergeordnete Ziel sind Prozesse, die aus erneuerbaren Rohstoffen Chemikalien herstellen und dabei wirtschaftlich konkurrenzfähig sind. Zum anderen bietet Biocatalysts aus Cardiff Enzyme für die Industrieproduktion an, vor allem für die Lebensmittelherstellung. Seit 2018 gehört das Unternehmen zur internationalen BRAIN-Gruppe und hat seitdem seine Produktionskapazität deutlich vergrößert.
Die Hochschulausgründung Oxford Biotrans hat sich auf Duft- und Geschmackstoffe spezialisiert, die mittels Enzymtechnologie hergestellt werden. Ebenfalls jung ist Colorifix in Norwich. Es hat einen neuartigen Prozess zur Herstellung von Farbstoffen auf Grundlage der synthetischen Biologie entwickelt, der Textilherstellern ermöglicht, ihre Umwelteinflüsse erheblich zu verringern.
Agrarbiotechnologie betreibt der in der Schweiz beheimatete Agrar- und Chemiekonzern Syngenta. Mit weltweit 28.700 Mitarbeitenden und 6,8 Mrd. US-Dollar Umsatz im 1. Halbjahr 2019 ist er in Großbritannien an sechs Standorten aktiv und entwickelt und produziert dort selektive Pflanzenschutzmittel. Die aktiven Wirkstoffe sind dabei häufig der Natur entlehnt. Klein und spezialisiert ist hingegen Oxitec. Die Firma entwickelt gentechnisch veränderte Insekten als „lebende Insektizide“, bislang für das Gesundheitswesen. Bekannt ist das in Abingdon beheimatete und inzwischen zu Intrexon gehörende Unternehmen für seine transgene Gelbfiebermücke, die helfen soll, den Krankheitsüberträger auszurotten.
Biokunststoffe
Das in Yorkshire beheimatete multinationale Unternehmen Croda International ist einer der großen Hersteller von Biokunststoffen im Vereinigten Königreich und erzielte 2018 1,39 Mrd. £ Umsatz. Ebenfalls groß im internationalen Geschäft mit Biokunststoffen ist Biome Bioplastics mit Firmensitz in Southampton. Das Unternehmen konzentriert sich gleichermaßen auf kompostierbare Kunststoffe wie auf Anwendungen mit langer Haltbarkeit. Deutlich kleiner ist Cellulac mit Sitz in London, das aus Algen Komponenten für Biokunststoffe produziert, aber auch Omega-3-Fettsäuren für die Lebensmittel- und die Kosmetikbranche gewinnt.
Bioraffinerien und Energie
Derzeit gibt es rund ein Dutzend Bioraffinerien im Vereinigten Königreich. Große Betreiber sind beispielsweise der Biodieselhersteller Argent Energy, die Bioethanolhersteller Ensus, Vivergo Fuels und British Sugar, das in Wissington die erste Bioethanolherstellung des Landes aufbaute, aber auch kleinere wie Celtic Renewables, das sich auf Abfälle der schottischen Whisky-Industrie konzentriert. Mehrheitlich handelt es sich jedoch bei den Bioraffinerieprodukten im Vereinigten Königreich noch um Biokraftstoffe der ersten Generation.
Ändern will das zum Beispiel das junge Unternehmen C3 Bio-Technologies in Manchester, ein Spin-off des Forschungszentrums Synbiochem. Es entwickelt Bioprozesse, um synthetische Biokraftstoffe herzustellen. Dabei spielen Abfälle eine zentrale Rolle. Und in Swindon entsteht das erste Bioplasma-Kraftwerk der Welt, das jährlich 10.000 Tonnen Haushaltsabfälle in 1.500 Tonnen Kraftstoff umwandeln soll. Nach zwischenzeitlichen Problemen mit steigenden Kosten soll es nun Mitte 2020 den Betrieb aufnehmen.
Auf Biomasse der ersten Generation für die direkte Erzeugung von Strom und Wärme setzt hingegen das Energieunternehmen Drax. Drei der sechs Kessel seines größten Kraftwerks befeuert das Unternehmen mit Holzpellets. Jeder dieser Kessel hat eine Leistung von 660 Megawatt. Bis 2030 will das Unternehmen kohlenstoffnegativ sein.
Recycling und Kreislaufwirtschaft
Auch in Großbritannien wird Bioökonomie zunehmend mit einer Kreislaufwirtschaft zusammengedacht. Noch ist die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors jedoch klein, auch wenn es darin große Akteure gibt. Veolia UK beispielsweise bezeichnet sich als Marktführer für Umweltlösungen im Vereinigten Königreich. Dazu zählt das Unternehmen Wasser-, Abfall- und Energiemanagement. Weltweit beschäftigt der Konzern mit Hauptsitz in Frankreich 171.000 Mitarbeitende und erzielte 2018 knapp 36 Mrd. Euro Umsatz.
Das junge, in London ansässige Unternehmen Puraffinity, früher CustoMem, hat sich allein auf die (Ab-)wasserbehandlung spezialisiert. Das Unternehmen entfernt daraus per- und polyfluoralkyle Substanzen mittels selbst entwickelter granularer Materialien. Auf mehr als 200 Jahre Geschichte blickt das in London beheimatete Unternehmen Johnson Matthey. Schwerpunkte sind Katalysatoren zur Luftreinigung und die Rückgewinnung seltener Elemente. Zum jüngeren Geschäftsgebiet gehört die Entwicklung von Batteriekomponenten für Elektroautos. Heute ist das Unternehmen in mehr als 30 Ländern aktiv und beschäftigt 14.800 Mitarbeitende.