Nachricht

Die Vermessung des globalen Artensterbens

Der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES zeichnet ein dramatisches Bild zur Lage der biologischen Vielfalt auf der Erde und fordert einen tiefgreifenden Wandel.

Korallenriffe sind der Lebensraum für viele Tiere. Doch sie werden immer weniger.
Quelle: Pixabay
Korallenriffe sind der Lebensraum für viele Tiere. Doch sie werden immer weniger.

Wie hat sich die Biodiversität in den vergangenen Jahrzehnten verändert, was sind die Ursachen und wie kann der Verlust der Artenvielfalt gestoppt werden? In dem ersten globalen Zustandsbericht zur Artenvielfalt liefert der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) Antworten. Das rund 1.500 Seiten umfassende „Global Assessment“ wurde am 6. Mai in Paris der internationalen Öffentlichkeit vorgestellt. 145 Leitautoren aus 51 Ländern, darunter sieben Wissenschaftler aus Deutschland, waren daran beteiligt. 15.000 Studien zur Entwicklung in der Tier- und Pflanzenwelt wurden in den vergangenen drei Jahren zusammengetragen, analysiert und durch Kommentare ergänzt. Erstmals wurde auch das Wissen indigener Völker einbezogen.

Die sieben deutschen Leitautoren arbeiten jeweils an Forschungsinstituten der Helmholtz-Gemeinschaft oder der Leibniz-Gemeinschaft. Vier davon stellten sich am 7. Mai in Berlin den Fragen der Journalisten, gaben Einblicke in den Verhandlungsmarathon der IPBES-Vollversammlung in Paris und in die Ergebnisse des IPBES-Berichtes. „Das war eine erstaunlich positive und konstruktive Atmosphäre in Paris“, berichtet Josef Settele. Der Forscher ist Agrarwissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und war einer der drei Co-Vorsitzenden des „Global Assessment“. Seine Arbeit wurde unter anderem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesumweltministerium unterstützt.

Vertreter aus 132 Mitgliedstaaten, darunter aus den USA, hatten über den Wortlaut des Berichts eine Woche lang debattiert und schließlich abgestimmt. „Die Staatengemeinschaft konnte sich auf einen guten Konsens einigen. Nichts ist wirklich rausgeflogen“, ergänzt Ralf Seppelt vom UFZ und Leitautor des Kapitels „Szenarien und Wege in eine nachhaltige Zukunft“.

Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

Der IPBES-Bericht beschreibt erstmals umfassend, in welchem Zustand sich die Ökosysteme an Land und im Meer befinden und wie sich die Artenvielfalt seit 2005 verändert hat. Die Fakten sind alarmierend. Ob an Land, im Wasser oder in der Luft: Die Zahl der Tier- und Pflanzenarten nimmt weltweit dramatisch ab. Noch nie war das Artensterben so hoch wie heute. Etwa eine Million der derzeit bekannten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten ist im Laufe der nächsten Jahre vom Aussterben bedroht, wenn, so die Autoren, der Mensch seine Lebensweise nicht ändert. „Wir dürfen den Ast nicht absägen, auf dem wir sitzen. Das müssen wir den Menschen klar machen“, sagte Meeresökologe Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut und Leitautor des Kapitels „Status und Trends in der Natur“.

Die Fakten: 66% der Meere wurden von Menschen verändert. 50% der Korallenriffe sind in den vergangenen 150 Jahren verschwunden. Durch die Zerstörung von Küstengebieten wie Mangrovenwäldern ist die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen gefährdet. Von Überfischung sind 33% aller Fischpopulationen betroffen, wodurch die Nahrungsgrundlage vieler Menschen bedroht ist. „Wir müssen es schaffen, das Meer nachhaltiger zu nutzen“, so Gutt.  „Aber die Nutzung muss so gestaltet werden, dass die Ökosysteme erhalten bleiben und auch nachfolgende Generationen versorgen können.“ Der Ausbau von Schutzgebieten oder Fangquoten wären hier geeignete Maßnahmen.